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Interview Ist das moderne Verlierertum männlich?

12.10.2007 ·  Während die Leistungen der Mädchen immer besser werden, stecken die Jungen in der Krise. Warum steht niemand auf und protestiert? Die systematische Benachteiligung von Jungen müsste uns doch erschüttern, meint der Entwicklungspsychologe Wassilios Fthenakis.

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Während die Leistungen der Mädchen immer besser werden, stecken die Jungen in der Krise. Warum steht niemand auf und protestiert? Die systematische Benachteiligung von Jungen müsste uns doch erschüttern, meint der Entwicklungspsychologe Wassilios Fthenakis.

Während die Leistungen von Mädchen immer besser werden, stecken die Jungen in der Krise; sie bevölkern Haupt- und Sonderschulen, sehen Gewaltvideos, brechen die Schule ab. Warum?

In den siebziger Jahren galt dem „katholischen Mädchen vom Land“ die Sorge des Bildungssystems, heute sind es die Jungen, vor allem jene aus Migrantenfamilien und sozial schwachen Schichten. Eine Erklärung findet die Forschung in der Art der Sozialisation der Jungen. Mädchen entwickeln früh die Neigung, Einfluss auf andere zu nehmen, wodurch sie differenzierte Interaktionstechniken entwickeln. Diesen Sozialisationsweg tragen die Jungen meist nicht mit, was ihnen Nachteile in unserer postmodernen Gesellschaft bringt. Dass Jungen wenig verbalisieren, schlägt sich in einer reduzierten Lese- und Sprachkompetenz nieder.

Was löst das geschlechtstypische Verhalten aus, die Umwelt, die Gene?

Es ist biologisch bestimmt. Aber wir wissen, dass in hohem Maße ein sozialer Einfluss wirkt. Deshalb muss unser Bildungssystem die soziale Konstruktion der Geschlechter zurückfahren. Ich kenne kein Gebiet, wo mehr Kreativität verlorengeht als bei der sozialen Ordnung der Geschlechter. Die Botschaften, die wir Kindern über Filme, Geschichten, Materialien vermitteln, sind verheerend. „Dornröschen“ ist dafür ein Beispiel: Die Prinzessin bleibt passiv, allein dem Prinzen kommt die Rolle der Bewältigung zu.

Aber das Gegenteil ist doch heute der Fall. Es gibt es zahllose Förderprogramme für Mädchen – „Girls Days“ an Schulen, „Mädchenfreiräume“ auf Spielplätzen, „Mädchen-Ermutigungs-Kurse“ in Jugendzentren. Anders als Socken strickende Jungs werden Mädchen ermuntert, Computer zu programmieren.

Es ist das Verdienst der Frauen des zwanzigsten Jahrhunderts, dass hier überhaupt ein Wandel eingetreten ist. Dabei haben wir es aber versäumt, die Männer mit einzubeziehen. Dass etwa Männer ebenso Probleme haben mit der Nichtvereinbarkeit von Familie und Beruf wie Frauen, thematisieren wir nicht. Auch nimmt die Gesellschaft den Wandel, den Männer als Väter in den vergangenen dreißig Jahren vollzogen haben, nicht wahr.

Welchen Anteil an den Problemen der Jungen hat die Verweiblichung der Schulen? Mehr als achtzig Prozent der Grundschullehrer sind Frauen, in Kindergärten gibt es kaum männliche Erzieher.

Das Problem fehlender Modelle von Männlichkeit haben wir nicht nur in Bildungseinrichtungen. Auch nachmittags begegnen Kinder mit ihren Müttern in Krabbelgruppen oder an der Supermarktkasse wieder nur Frauen. Die skandinavischen Länder haben deshalb viel getan, um mehr Männer in den Bildungsbereich zu integrieren, mit Erfolg: In Dänemark sind zwanzig Prozent der Erzieher männlich. Unser Problem ist hier ein doppeltes: Das Niveau der Ausbildung ist zu niedrig und deshalb die Bezahlung schlecht. Und die Anerkennung von Berufen, in denen viele Frauen arbeiten, ist gering.

Es gibt Untersuchungen, wonach Jungen bei gleicher Leistung von Lehrern schlechter benotet werden als Mädchen.

Genauso wie Männer in der Vergangenheit in Netzwerken ihren Machtstatus untermauert haben, bevorzugen heute Frauen jene, die mehr dem eigenen Ansatz entsprechen: die Mädchen. Deshalb sind Jungen heute die gefährdete und benachteiligte Gruppe. Es müsste eine Gesellschaft erschüttern, wenn ein Geschlecht, egal welches, diese systematische Benachteiligung erfährt. Aber niemand steht auf und protestiert. Es herrscht statt dessen ein merkwürdiges Schweigen.

Hat sich die Beurteilung verändert, zum Nachteil der Jungen? Wer früher auf dem Schulhof raufte, galt als „Lausbub“, während dies heute von Pädagogen als „sozial defizitär“ gesehen wird.

Die diagnostische Kompetenz der Lehrer ist schlecht, und die Folgen sind verheerend. Dass unser Bildungssystem enorme Ungerechtigkeiten für Jungen produziert, ist empirisch längst nachgewiesen. Weil wir zu lange am Modell der Industriegesellschaft und ihrer Fixierung der Rollen festgehalten haben. Heute sind nur noch fünfzehn Prozent der Europäer in der klassischen Industrie tätig. Der Rest ist Teil der Informationsgesellschaft, die eine andere Logik verfolgt, andere Zeitakte und Flexibilitäten erfordert.

Mädchen haben es leichter, weil sie es andern leichter machen: Weil sie lesbare Handschriften haben, die Tafel putzen, das Klassenfest organisieren. Aber Mädchen haben auch Probleme, vor allem in der Pubertät. Wieso wirkt sich das weniger auf die Leistungen aus?

Bei Mädchen, die komplexe Interaktionen entwickeln, sind auch die Kosten ungleich höher als bei Jungen, denen diese Fähigkeiten fehlen. Das ist die Kehrseite der Medaille. Neurotisch sind nur Menschen, die auch differenziert sind.

Beachtet die Pädagogik womöglich die Entwicklungsunterschiede von Jungen und Mädchen zu wenig?

Es gibt seit zwanzig Jahren eine geschlechtersensible Pädagogik. Aber sie ist bei der Dichotomie geblieben. Ich bin heute so weit, zu sagen, dass das Geschlecht eine irrelevante Größe ist. Es ist nur relevant für die Reproduktion. Für das soziale Zusammenleben ist es unerheblich. Es kommt viel mehr darauf an, wie man seine Entwicklung entwirft. Deshalb haben die Menschen auch kein Problem, gleichgeschlechtliche Partner zu finden. Das Geschlecht, dem wir solche Bedeutung beimessen, hat das nicht verdient.

Ein irritierender Gedanke . . .

. . . wir haben keine Alternative. Wir haben bisher das Geschlecht kontrolliert, indem wir ihm eine Rolle zugewiesen haben. Heute sind die Menschen nicht mehr bereit, die geschlechtliche Zuordnung politischen und wirtschaftlichen Instanzen zu überlassen.

Jungen und Mädchen wieder getrennt zu unterrichten wäre demnach verfehlt?

Modelle, die mit Strukturen arbeiten, sind generell zum Scheitern verurteilt.

Erwachsene mit einem Baby auf dem Arm sind vorsichtiger, wenn sie glauben, es sei ein Mädchen. Auch überwiegt, zumindest in der westlichen Welt, heute der Wunsch nach einer Tochter.

Der beste Beweis für den anhaltenden Prozess der sozialen Konstruktion. Denn das ist nicht individuell erzeugt, sondern sozial produziert. In Gesellschaften, in denen Jungen eine ökonomische Rolle für die Eltern spielen, sind sie das erwünschte Geschlecht. Bei uns, wo weibliche Kompetenzen wie Interaktion, Kommunikation und Emotionalität gefragt sind, werden Mädchen bevorzugt.

„Wenn wir wollen, dass es unsere Töchter einmal leichter haben, müssen wir es unseren Söhnen schwerer machen“ – das stand vor zwanzig Jahren in der „Emma“.

Das ist die Philosophie des Geschlechterkampfs, die völlig anachronistisch ist und nichts gebracht hat. Es geht nicht darum, ein Geschlecht gegen das andere auszuspielen. In beiden stecken enorme Potentiale, Kompetenzen, und eine hohe Diversität. Die Diversität innerhalb eines Geschlechts ist mindestens so groß wie zwischen den Geschlechtern, diese Vielfalt sollte man nutzen.

Hormonforscher verdächtigen das Sexualhormon Testosteron, das bei männlichen Föten gebildet wird, die Weichen geradezu schicksalhaft zu bestimmen.

Es gibt Gesellschaften, in denen Männer die Erziehung der Kinder übernehmen; das wäre nach dieser Theorie nicht möglich.

Nicht nur Jungen stecken in der Krise, auch Männer sind öfter gewalttätig, sterben früher, bringen sich öfter um. Ist das moderne Verlierertum männlich?

Die moderne Männerbiographie birgt eine Menge Risiken, und die Kosten für Männer sind ungleich höher als für Frauen. Früher waren Frauen gefährdeter, medizinisch ohnehin, weil viele bei der Geburt eines Kindes starben. Dank der modernen Medizin sind Frauen heute das robustere Geschlecht. Und die Männer sehen sich neben ihrer biologischen Schwäche nun auch noch einem höherem sozialen Risiko ausgesetzt: Ob das der Stress ist oder die fehlende soziale Einbettung, die bei Männern nachweislich geringer ist als bei Frauen: Viele Männer sterben nach der Pensionierung, weil sie sich primär über den Erwerb definieren. Sie sind nicht gut darin, Übergänge zu bewältigen. Die Immunschwäche bei Männern infolge von Konflikten wie Scheidung oder Kündigung ist enorm.

Was sind die Folgen, wenn wir die Probleme nicht in den Griff bekommen?

Die Zunahme von ehelicher Instabilität und Krankheiten, was hohe Kosten im Versicherungswesen und in der wirtschaftlichen Produktion verursacht. Kaum ein Bereich der Gesellschaft bleibt unberührt von der misslungenen Sozialisation der Männer in einer Gesellschaft, die andere Anforderungen an sie stellt als das Modell, dem sie folgen.

Warum steht niemand auf und protestiert?
Die systematische
Benachteiligung von Jungen müsste uns
erschüttern, meint
der Wissenschaftler
Wassilios Fthenakis.

Das Gespräch führte Sandra Kegel.

Quelle: F.A.Z.
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