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Interview „Die Iraner sind kein Militärvolk“

26.04.2006 ·  Sir John Keegan ist einer der weltweit bekanntesten Militärhistoriker. Im Interview spricht er über die militärische Stärke Irans, Amerikas Fehler im Irak-Krieg und den Aufstand gegen Donald Rumsfeld.

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Sir John Keegan ist nicht nur einer der weltweit bekanntesten Militärhistoriker. Aus seiner Zeit als Dozent der britischen Militärakademie Sandhurst und als Militärkorrespondent des „Telegraph“ verfügt er noch heute über wertvolle Kontakte und ein verblüffendes Einschätzungsvermögen in allen Kriegsdingen. Grund genug, ihn nach seiner Einschätzung der Lage im Irak, in Iran und im Pentagon zu fragen.

In einem Ihrer letzten Artikel haben Sie über ein Opfer des Irak-Kriegs in Ihrer Nachbarschaft berichtet.

Der Schwiegersohn meiner Nachbarin. Schrecklich. Eines Abends im Januar klopfte jemand in einem dunklen Anzug an unserer Tür und fragte nach der Adresse meiner Nachbarin. Erst am nächsten Morgen habe ich dann erfahren, welche furchtbare Nachricht der Mann zu überbringen hatte. So hat der Irak-Krieg selbst unser kleines Dorf erreicht.

Hat das Ihre Einstellung zum Irak-Krieg verändert?

Nein. Ich habe, wie Sie wissen, den Krieg von Anfang an befürwortet. Ich finde auch, daß die Kriegsgegner ihrerseits Grund zur Selbstkritik haben, wenn man verfolgt, was im Prozeß gegen Saddam tagtäglich ans Licht kommt. Aber die Unterstützung für den Krieg fällt mir immer schwerer, das muß ich zugeben.

Kann der Krieg noch gewonnen werden?

Das ist wirklich sehr schwer zu sagen. Ich sehe aber nicht, wie die britische und die amerikanische Armee es zulassen könnten, daß die Aufständischen die Oberhand behalten. Der entscheidende Fehler wurde ganz am Anfang gemacht, und das war die Auflösung der irakischen Armee. Das war einfach verrückt.

Kann man die irakische Armee nicht wieder aufbauen?

Es ist sehr schwer, eine Armee die einmal aufgelöst wurde, wieder zusammenzuführen, noch dazu inmitten einer solchen militärischen Unruhe, wie wir sie jetzt im Irak vorfinden.

Was passiert jetzt? Werden die Vereinigten Staaten die Truppenstärke erhöhen?

Ich glaube nicht, daß sie das können. Nach dem Ende des Kalten Krieges wurde die US-Armee um drei Divisonen verringert. Amerika hat einfach nicht genügend Soldaten.

Wie schätzen Sie die Pläne der amerikanischen Regierung im Fall Iran ein?

Ich glaube, die Vereinigten Staaten werden sich keine Schwierigkeiten mit Iran aufhalsen, bevor sie die Lage im Irak nicht im Griff haben.

Wollen die Iraner denn Kernwaffen entwickeln?

Ja, sie sind fest dazu entschlossen. Aber es wird sie einen hohen Preis kosten. Denn sowohl Amerika als auch Israel werden ihnen genau das nicht erlauben, und beide Länder verfügen über die Fähigkeit, Iran gewaltigen Schaden zuzufügen.

Meinen Sie mit Luftangriffen?

Ich glaube, das könnte gehen, man könnte die Anlagen damit schwer beschädigen. Aber das wäre nur eine zeitweilige Unterbrechung. Die Iraner werden versuchen, den Schaden zu beheben und wieder von vorne zu beginnen.

Wie beurteilen Sie Iran in militärischer Hinsicht?

Ich halte nicht viel von der iranischen Armee. Iran ist ein reiches Land und hat natürlich weit mehr Einwohner als der Irak und all das. Aber die Iraner sind kein Militärvolk. Sogar noch weniger als die Iraker.

Sie kennen Donald Rumsfeld. Wie beurteilen Sie den Aufstand ehemaliger Generäle gegen ihn?

Ach, Rumsfeld hat sich in der amerikanischen Armee sehr viele Feinde gemacht, und die schlagen eben jetzt zurück. Aber Donald Rumsfeld ist ein sehr schlauer Mann und sehr entschlossen.

Dann wird ihn das nicht einschüchtern?

Rumsfeld ist überhaupt nicht einzuschüchtern.

Hatte er denn recht mit seinen Reformplänen?

Nein. Er hat den Umfang der US-Armee verringert und hätte das besser bleiben lassen sollen. Er hat versucht, die Ideen des Lean-Managements auf das Militär zu übertragen. Das kann nicht funktionieren.

Wird er im Amt bleiben?

Der Präsident kann Rumsfeld gar nicht entlassen. Das wäre für ihn selber eine zu große Demütigung.

In Ihrem Buch „Die Kultur des Krieges“ haben Sie die optimistische Perspektive formuliert, die Menschheit könne sich eines Tages von der Geißel des Kriegs befreien, wie sie sich von der Sklaverei befreit hat. Ist das auch heute noch Ihre Meinung?

Nein, ich befürchte, ich muß mich in dem Punkt korrigieren. Das hat vor allem mit dem Aufstieg des Islams zu tun. Da gibt es viele kriegslüsterne Leute.

Aber das Militär in islamischen Ländern überzeugt Sie doch nicht, wenn ich Sie richtig verstanden habe.

Na ja, sie haben keine ernstzunehmenden militärischen Apparate, aber sie verfügen doch über ein erhebliches Störpotential!

Interview Nils Minkmar

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 23.04.2006, Nr. 16 / Seite 26
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