Home
http://www.faz.net/-gsf-tnj9
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Interview Die Computerspiele kennen kein Mitleid

24.11.2006 ·  In „Idomeneo“ ließ Hans Neuenfels abgeschlagene Prophetenhäupter über die Bühne rollen. Ein Interview mit dem Regisseur über die Freiheit der Kunst, die Blutströme im Theater und die aktuelle Debatte über Killerspiele.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Seit dem Amoklauf des Realschülers in Emstetten wird neu diskutiert, inwieweit die virtuelle Realität der Computerspiele ins reale Leben greift. Doch auch auf Opernbühnen fließen Ströme von Blut, Rotz und Sperma. Wie frei ist die Kunst? Morgen hat in Berlin Mozarts „Zauberflöte“ Premiere, in der Regie von Hans Neuenfels. Daß er am Ende von Mozarts „Idomeneo“ abgeschlagene Prophetenhäupter über die Bühne rollen ließ, führte jüngst zur Absetzung des Stücks. (F.A.Z.)

Herr Neuenfels, sollten Killerspiele verboten werden?

Eine heikle Frage. Es geht ja hier um ein Phänomen, das nicht von den Kindern und Jugendlichen produziert wird, sondern von der Gesellschaft. Sie kann es einschränken, regulieren oder sogar verbieten, aber es ist trotzdem noch da. Gewaltspiele gewaltsam eliminieren zu wollen, führt am Ende dazu, daß man erst recht Schlupfwinkel dafür zuläßt. Das Böse-Sein ist eh viel interessanter als das Gut-Sein. Es wird noch viel reizvoller, wenn man heimlich bös sein kann.

Muß man also diese Spiele tolerieren?

Ja. Aber man sollte sie auf alle Fälle besser beaufsichtigen. Da kommt eine neue Verantwortung auf die Pädagogen zu. Sie könnten viel lernen aus den drei Bänden von Werner Jaeger über „Die Erziehung bei den Griechen“, die bei mir zu Hause herumstehen. Wie in der Antike mit Erziehungsfragen umgegangen wurde, ist faszinierend. Diese Erziehung konnte für die unmittelbaren Lebensbedürfnisse des Einzelnen auch gefährlich werden, da sie ja immer vom Staatsdenken überformt war: Man erzog zur Demokratie, aber bildete zugleich für den Krieg aus. Trotzdem halte ich demokratische Erziehung für notwendig. Weil der Mensch von Natur aus nicht dazu neigt.

Auch früher schon haben kleine Jungs eine Phase durchgemacht, in der sie Krieg spielten und Regenwürmer halbierten. Das war dann sogar eine reale, keine virtuelle Tat...

Aber diese Phase geht normalerweise vorbei. Sie wird heute durch die Computerspiele bis ins Erwachsenenleben verlängert. Dabei wäre es so wichtig, den jungen Menschen klarzumachen, was es auf sich hat mit der Kürze unserer Existenz. Ich war als Junge sehr schnell mit dem Begriff der Endlichkeit intim. Ich dachte mit panischem Entsetzen, ich müsse unbedingt eine Auswahl treffen und war wahnsinnig damit beschäftigt, herauszubuddeln und freizulegen, was ich denn eigentlich überhaupt wollte, so daß ich immer wie in einem Strudel war. Man kann aber heute wohl kaum Kurse geben über die Endlichkeit der Existenz, als Gegengift gegen diese Kindermode virtuellen Tötens.

Auch auf der Bühne wird getötet. Wie kommt es, daß die schönen Künste heute so viel blutdurstiger sind als bei den alten Griechen?

Es gab stets die Balance zwischen dem Häßlichen und dem Schönen in der Kunst. Außerdem gibt es da noch das Mitleid und die Zärtlichkeit. Das sind zwei entscheidende Begriffe, die diese Computerspiele offenbar nicht kennen. Kunst ist immer auch eine Aufforderung zur Kommunikation, während die Killerspiele eher eine Fixierung des Ichs bedeuten: Wieder und wieder wird das Ich immer nur abgespeichert - als Bestätigung von etwas, das nie in Frage gestellt werden darf. Mir kommt das so vor wie ein dunkler Korridor, ein Trichter mit einem Sog oder ein schnurgerader Weg ohne Widerspruch. Irgendwann steht am Ende nur noch das Schild „Exit“.

Worin sehen Sie den Unterschied zwischen den Blutströmen im Theater und den zermanschten Gegnern im Internet?

Das Schöne ist eine Sehnsucht. Die muß auf der Bühne ebenso dargestellt werden wie der Verlust des Schönen. Schönheit ist doch nichts Natürliches. Klar, es gibt schöne Menschen, schöne Landschaften. Aber die sind etwas Gesetztes, insofern ihre Schönheit eine Form der Gleichgültigkeit ist und Folge von Zufälligkeit. Kunstschönheit dagegen ist ein dem Wunsch abgerungenes Produkt, das sich erst über Sehnsucht, Schmerz und die Herauspressung aus den Umständen herstellt.

Sie reden über den Schaffensprozeß und seine Qualen. Aber der verschwindet doch wieder im Produkt! Bekämen die Zuhörer mit, wieviel Schinderei hinter den schönen Tönen der Sängerin stehen, hätten sie weniger Spaß. Wie halten Sie es mit der Ästhetik des Häßlichen?

Es gibt ganz klar eine Grenze der Darstellung von Häßlichem. Die Notwendigkeit, das Schöne herauszupressen, ergibt diese Nachtseite, und sie ist genauso authentisch wie die Sonnenseite. Aber es muß eine Balance geben zwischen beidem. Man kann die Überschreitung der Häßlichkeitsgrenzen dabei durchaus feststellen. Wie die Schönheit eine Magerkeit und Sehnigkeit haben muß, um nicht zum Schaumgebäck zu werden, so ist es beim Häßlichen ebenso.

Jetzt reden Sie sich auf die Formfrage heraus...

Nein, genau darum geht es doch: Wenn die Formen überschritten werden, dann ist das keine Kunst mehr. Eine brutale Ästhetik hatte zum Beispiel die „Medea“ von Euripides, die ich in Frankfurt gemacht habe. Das ging von den Doggen über den schwarzen Dildo des Boten bis dahin, daß angedeutet wurde, wie Kreon die zwei Kinder Medeas mit deren verzweifeltem Halbeinverständnis vögelt. So etwas zu zeigen, das verlangt eine Balance: ein gleich hohes Maß an Anteilnahme an den Figuren und an der Glaubwürdigkeit, daß sie diesen Stoff überhaupt aushalten.

Warum ist es nötig, das zu zeigen? Wozu waren die blutigen Köpfe am Ende von „Idomeneo“ gut?

Diese winzige Coda der hohen Verzweiflung dieser Mozartschen Figur resultiert daraus, daß Idomeneo so viel empfunden und gelitten hat zuvor. Auch hier ergibt sich wieder die Frage der Balance: Rehabilitiert die Verzweiflung des Erlebten das Ergebnis? Schließlich läuft die Oper bis zu diesem Zeitpunkt schon zwei Stunden und fünfzig Minuten. Das ist genug, um diesen verzweifelten Amoklauf eines Mannes zu rehabilitieren. Es ist, als ob man am Ende noch einmal kurz das Gehirn aufklappt. Auch sonst sind ja im abendländischen Christentum große künstlerische Leistungen immer wieder darauf zugelaufen: auf diesen verzweifelten Schlußschrei, auf eine Tat als das kulminierende Resumee. Oft sind es doch genau diese Phänome, die wir zu erklären suchen: Warum ist das passiert? Warum konnte das passieren?

Hat das Publikum nicht auch einen Anspruch auf Kunstgenuß?

Ja, hat es. Nur kann man Kunst nicht so genießen wie eine Massage in der Sauna. Ich glaube, daß Entspannung tatsächlich in keiner Kunstform möglich ist. Kunst beinhaltet eine Erregung, die sogar manchmal ins Überspannte geht. Es gibt keinen schlaffen Bogen in der Kunst. Es geht nicht um eine Fortsetzung der Lebensrealität, es geht um ihre Verwandlung und Übersetzung. Letztlich geht es um den Kierkegaardschen Sprung: Etwas, das notwendig zu unserem diesseitigen Leben gehört, kann uns durch eine bestimmte Konstellation von Farben, Tönen, Worten oder Gebärden zu etwas Neuem bringen.

Können das Theater und die Musik den Menschen zum Besseren erziehen?

Ja, ich denke schon. Ohne Zeigefinger, aber durch den widersprüchlichen Prozeß, den sie auslösen. Musik oder Dichterworte sind nicht abgehoben, sie bilden eine Brücke zu dem einem selbst immer unverständlichen Ich. Zum Beispiel habe ich viele Schwierigkeiten meiner Pubertät mit Malte Laurids Brigge von Rilke und James Joyces „Ulysses“ überbrückt. Wobei die schöne Sprache vielleicht das Sekundäre war. Auch die Beatles hatten bestimmt einen edukativen Einfluß auf die Charakterbildung in diesen Jahren.

Es gibt aber auch Gegenbeweise: etwa den klavierspielenden KZ-Kommandanten...

Klar, das klassische Beispiel. Die Ausdeutbarkeit der Kunst läßt so etwas leider zu. Wenn man ihren Kern überspringt, dann ist die schöne Kunst selbst total ausbeutbar. Sie betreibt zwar keine Ausbeutung, aber sie selbst ist jederzeit ausbeutbar. Und: Nicht jeder kann ein Künstler sein. Die alten Griechen, die doch die Demokratie erfunden haben, waren sich vollkommen darüber im Klaren. Ich finde, dies ist heute eine Fehlentwicklung des demokratischen Denkens. Nicht jeder, der sein Foto oder sein Gedicht ins Internet stellt, ist gleich ein Maler oder Dichter. Das ist der entscheidende Punkt auch bei der Frage der Videospieler.

Auf der einen Seite ist die Kunst heute abgetrennt vom Leben, auf der anderen Seite wirkt das, was zum Kulturleben so landläufig dazugerechnet wird, wie Versatzstücke, mit denen beliebig gehandelt wird, weil jeder heute angeblich Kunst machen kann. Das wird uns eingetrichtert, das soll der neue Volksglaube werden. Ich halte beides für gleichermaßen gefährlich. Kunst braucht den Sprung als das plötzliche Hervortreten einer Erkenntnis. Daraus resultiert das, was man Katharsis nennt. Es gibt dazu dieses wunderbare Gedicht von Rilke über den Apoll, das ich auswendig kann: „Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt / darin die Augenäpfel reiften. Aber / sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber / in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt // sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug / der Brust dich blenden, und im leisen Drehen / der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen / zu jener Mitte, die die Zeugung trug. // Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz / unter der Schultern durchsichtigem Sturz / und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle; // und bräche nicht aus allen seinen Rändern / aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle / die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.“

Wann haben Sie das gelernt?

Ich kann das seit meinem sechzehnten Lebensjahr. Manchmal fällt mir nicht mehr alles ein. Aber heute ist ein guter Tag.

Das Gespräch führte Eleonore Büning.

Quelle: F.A.Z., 24.11.2006, Nr. 274 / Seite 48
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Wieder federführend

Von Sandra Kegel

Immer mehr Menschen schwärmen für das Schreiben mit spitzer Feder, Füllhalter-Produzenten und Versandhändler verzeichnen eine Verdopplung der Nachfrage. Was ist zu halten von der neuen Liebe zur Tinte? Mehr 3