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Interview : Der Westen verrät seine eigene Tradition

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Khadra: Europa glaubt, Terrorismus sei ein Importartikel Bild: AFP

Bis vor sechs Jahren war er Offizier der algerischen Armee. Schon damals schrieb er über fundamentalistischen Terror. Yasmina Khadra, eigentlich Mohammed Moulessehoul, spricht im F.A.Z.-Interview über Terrorismus und Kultur.

          Yasmina Khadra, mit wirklichem Namen Mohammed Moulessehoul, war bis vor sechs Jahren Offizier der algerischen Armee. Unter seinem Pseudonym veröffentlichte er schon damals Romane über den fundamentalistischen Terror in Algerien oder die Situation in Afghanistan. Sein soeben auf deutsch erschienener Roman „Die Attentäterin“ (siehe: Yasmina Khadras fesselnder Roman über Gewalt im Nahen Osten) erzählt die Geschichte eines gut integrierten, als Chirurg erfolgreichen Palästinensers in Tel Aviv, der erfährt, daß die Urheberin des Attentats, dessen Opfer gerade auf seinem Operationstisch lagen, seine eigene Frau war. In einer komplexen Nachforschung sucht er zu verstehen, was seine Frau zu der Tat geführt haben könnte. Der Autor äußert sich in unserem Gespräch über Terrorismus, den Nahen Osten und das, was die Literatur zum besseren Verständnis beitragen kann.

          Abgesehen von einem Abschiedsbrief, kommt die Selbstmordattentäterin in Ihrem Buch nur als Erinnerung der anderen Romanfiguren vor. Kann ein Roman nicht direkt zeigen, was im Kopf eines solchen Menschen vorgeht?

          Doch, gewiß, aber indem man den Attentäter seine Gefühle nicht direkt aussprechen läßt, gibt man dem Leser eine größere Freiheit der Wahrnehmung. Alle Fakten des Handlungsverlaufs liegen offen zutage. Es ist dann am Leser, sich dahinter ein menschliches Profil des Täters zusammenzureimen.

          Führt das nicht mehr in die literarische Phantasie als zur Realität?

          Im Gegenteil, wir entledigen uns dadurch der Denkschablonen, die wir von den Medien täglich vorgesetzt bekommen: Selbstmordattentat, wie entsetzlich! Zum Glück weit weg. Wenn nur dieser Horror nicht bis zu uns überschwappt! Die Leute im Westen neigen dazu, vom Terrorismus nur den spektakulären Moment der Explosion wahrzunehmen und das Phänomen insgesamt als Besonderheit des Mittleren Ostens zu betrachten, die sich manchmal, wenn man nicht aufpaßt, in eine westliche Metropole verirrt. Europa wiegt sich in der Illusion, Terrorismus sei ein Importartikel. Ein Attentat ist nichts Abstraktes, sondern dahinter steht immer ein persönliches Drama, das uns alle angeht.

          Meinen Sie damit, daß der Täter gewissermaßen selbst auch immer Opfer sei?

          Darum geht es nicht. Wir kommen aber nicht drum herum, uns Fragen zu stellen, wie so ein Akt möglich wurde. Daß, wie in meinem Roman, ein intelligenter, vernünftiger, sein angenehmes Leben in vollen Zügen genießender Mensch plötzlich sich selbst in die Luft sprengt, um möglichst viele andere mit in den Tod zu reißen, sollte uns nicht nur entsetzen, sondern auch zum Nachdenken veranlassen. Statt dessen begnügt man sich mit den Pauschalvorstellungen: Fanatiker, Fundamentalist, Islamist.

          Vielleicht einfach deshalb, weil bei den Terroranschlägen dieser Jahre meist tatsächlich diese Dinge im Spiel sind.

          Und warum sind sie im Spiel? Wegen der Ungleichheit der Mittel. Der Nahostkonflikt ist ein Schulbeispiel dafür. Opfer sind die israelische wie die palästinensische Bevölkerung. Die eine kann sich aber mit Drohnen, Hubschraubern, Präzisionsgeschützen und anderer Hochtechnologie verteidigen und leistet sich den „Luxus“ der zumindest angestrebten Zielgenauigkeit, wenn auch real doch oft mit verheerenden Nebenwirkungen. Die andere hat nur die blinde Wut der Verzweiflung, den Sprengstoff und den eigenen Körper.

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