Home
http://www.faz.net/-gsf-t08x
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Sonntag, 19. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Interview Der Westen verrät seine eigene Tradition

29.09.2006 ·  Bis vor sechs Jahren war er Offizier der algerischen Armee. Schon damals schrieb er über fundamentalistischen Terror. Yasmina Khadra, eigentlich Mohammed Moulessehoul, spricht im F.A.Z.-Interview über Terrorismus und Kultur.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (2)

Yasmina Khadra, mit wirklichem Namen Mohammed Moulessehoul, war bis vor sechs Jahren Offizier der algerischen Armee. Unter seinem Pseudonym veröffentlichte er schon damals Romane über den fundamentalistischen Terror in Algerien oder die Situation in Afghanistan. Sein soeben auf deutsch erschienener Roman „Die Attentäterin“ (siehe: Yasmina Khadras fesselnder Roman über Gewalt im Nahen Osten) erzählt die Geschichte eines gut integrierten, als Chirurg erfolgreichen Palästinensers in Tel Aviv, der erfährt, daß die Urheberin des Attentats, dessen Opfer gerade auf seinem Operationstisch lagen, seine eigene Frau war. In einer komplexen Nachforschung sucht er zu verstehen, was seine Frau zu der Tat geführt haben könnte. Der Autor äußert sich in unserem Gespräch über Terrorismus, den Nahen Osten und das, was die Literatur zum besseren Verständnis beitragen kann.

Abgesehen von einem Abschiedsbrief, kommt die Selbstmordattentäterin in Ihrem Buch nur als Erinnerung der anderen Romanfiguren vor. Kann ein Roman nicht direkt zeigen, was im Kopf eines solchen Menschen vorgeht?

Doch, gewiß, aber indem man den Attentäter seine Gefühle nicht direkt aussprechen läßt, gibt man dem Leser eine größere Freiheit der Wahrnehmung. Alle Fakten des Handlungsverlaufs liegen offen zutage. Es ist dann am Leser, sich dahinter ein menschliches Profil des Täters zusammenzureimen.

Führt das nicht mehr in die literarische Phantasie als zur Realität?

Im Gegenteil, wir entledigen uns dadurch der Denkschablonen, die wir von den Medien täglich vorgesetzt bekommen: Selbstmordattentat, wie entsetzlich! Zum Glück weit weg. Wenn nur dieser Horror nicht bis zu uns überschwappt! Die Leute im Westen neigen dazu, vom Terrorismus nur den spektakulären Moment der Explosion wahrzunehmen und das Phänomen insgesamt als Besonderheit des Mittleren Ostens zu betrachten, die sich manchmal, wenn man nicht aufpaßt, in eine westliche Metropole verirrt. Europa wiegt sich in der Illusion, Terrorismus sei ein Importartikel. Ein Attentat ist nichts Abstraktes, sondern dahinter steht immer ein persönliches Drama, das uns alle angeht.

Meinen Sie damit, daß der Täter gewissermaßen selbst auch immer Opfer sei?

Darum geht es nicht. Wir kommen aber nicht drum herum, uns Fragen zu stellen, wie so ein Akt möglich wurde. Daß, wie in meinem Roman, ein intelligenter, vernünftiger, sein angenehmes Leben in vollen Zügen genießender Mensch plötzlich sich selbst in die Luft sprengt, um möglichst viele andere mit in den Tod zu reißen, sollte uns nicht nur entsetzen, sondern auch zum Nachdenken veranlassen. Statt dessen begnügt man sich mit den Pauschalvorstellungen: Fanatiker, Fundamentalist, Islamist.

Vielleicht einfach deshalb, weil bei den Terroranschlägen dieser Jahre meist tatsächlich diese Dinge im Spiel sind.

Und warum sind sie im Spiel? Wegen der Ungleichheit der Mittel. Der Nahostkonflikt ist ein Schulbeispiel dafür. Opfer sind die israelische wie die palästinensische Bevölkerung. Die eine kann sich aber mit Drohnen, Hubschraubern, Präzisionsgeschützen und anderer Hochtechnologie verteidigen und leistet sich den „Luxus“ der zumindest angestrebten Zielgenauigkeit, wenn auch real doch oft mit verheerenden Nebenwirkungen. Die andere hat nur die blinde Wut der Verzweiflung, den Sprengstoff und den eigenen Körper.

Das ändert sich rapide. Die Raketen der Hizbullah fielen in diesem Sommer massiv auf Israel, von den Aktionen Al Qaidas ganz zu schweigen. Vielleicht sollte man zwischen verschiedenen Typen des Terrors unterscheiden.

Versuchen Sie nun nicht, mich zu einer Differenzierung von „gutem“ und „bösem“ Terrorismus zu drängen. Ein Terrorakt mit unschuldigen Opfern ist und bleibt eine Untat. In meinem Roman versuche ich aber zu zeigen, daß die junge Frau, die sich mit einem Sprengstoffgürtel unterm Rock in ein gutbesuchtes Restaurant begibt, nicht für diese Tat geboren war und ihr Leben an der Seite ihres Mannes unter Umständen auch glücklich hätte weiterführen können. Ihr Akt war ihre freie Entscheidung, und diese ging von konkreten politischen, wirtschaftlichen, kulturellen, existentiellen Tatsachen aus. Daß es im übrigen unterschiedliche Zielrichtungen hinter den Attentaten geben kann, steht ebenfalls im Roman. Die einen suchen mit den falschen Mitteln einen unabhängigen, theokratisch bestimmten, aber konfessionell offenen Staat zu schaffen, wie er in der arabisch-islamischen Welt Tradition hat. Die anderen sind bloß auf die religiös determinierte Totalherrschaft eines Kalifenstaats aus.

Den Terroranschlag geistig nachvollziehbar zu machen, ist das nicht der erste Schritt zur Legitimierung?

Und so etwas sagen Sie, ein Europäer, Erbe einer Denkkultur der Vernunft und der rationalen Erklärungen, von der die ganze Welt profitiert hat? Der Westen verrät manchmal seine eigene Tradition. Er schwenkt das Wort „Terrorismus“ wie ein rotes Tuch, bei dem alle logische Ursachenbestimmung aussetzt, oder er benützt das Wort als Kampfbegriff. Die Empörung gegenüber dem Terrorakt wird heute oft „verwestlicht“: Ein Attentat in Madrid oder London ist entsetzlich, eins in Kairo oder Bagdad - na ja, das gehört dort halt irgendwie dazu.

Gedemütigte und Verzweifelte gibt es überall in der Welt, ohne daß man gleich zum Sprengstoff greift. Ist die blinde Wut der Verzweiflung, von der Sie sprechen, nicht schon der Punkt, wo das Gift der Entmenschlichung zu wirken beginnt, wie es beispielsweise André Glucksmann in seinem Buch Haß beschreibt?

Im Unterschied zu André Glucksmann liegt für mich dieser Punkt noch im Bereich des menschlich nachvollziehbaren Verhaltens. Es gibt viele Verzweifelte in der Welt, die nicht einmal die Mittel zur blindwütigen Auflehnung haben. Sie fressen die Frustration in sich hinein. Kämen sie durch irgendwelche Umstände aber zu Waffen, bräche ein Flächenbrand aus. Was im Nahen Osten vorgeht, ist der sichtbare Teil eines viel breiteren schwelenden Konflikts, den viele nicht sehen und hartnäckig nur als regionales Problem verstehen wollen. Wir arabischen Schriftsteller helfen mit unseren Büchern, so scheint mir, tiefere Einblicke in diese Problematik zu vermitteln. Gerade deshalb dürften sie auch Sie in Europa interessieren.

Sie sprechen immer von ihr, dem Westen, wir, den Arabern - und wollen in Ihren Büchern doch den Standpunkt der allgemeinen Humanität einnehmen. Wie geht das zusammen?

Ich bin als Algerier in zwei Kulturen aufgewachsen. Heute lebe ich in Frankreich. Ich kenne und liebe die europäische Kultur, lese Hölderlin, Musil, Tolstoi, Gogol. Gleichzeitig kann ich Themen, Motive, Betrachtungsweisen einbringen, die Ihnen weniger vertraut sind und die für die Idee einer Weltliteratur, wie Goethe sie verstand, unentbehrlich sind.

Andere Autoren wie etwa Salman Rushdie in seinem Roman Shalimar der Narr plädieren in der gegenwärtigen Lage der Konfrontation eher für Kompromißlosigkeit gegenüber den fundamentalistischen Scharfmachern.

Salman Rushdie befindet sich in diesem Punkt auf dem Holzweg. Er reduziert alles auf seine eigene subjektive Erfahrung. Das ist verständlich für jemanden, der jahrelang unter der Todesdrohung der Fundamentalisten gestanden hat und sich verstecken mußte. Ich versuche dagegen in meinen Büchern einen höheren Standpunkt zum Ausdruck zu bringen, wonach ein Mord an unschuldigen Opfern niemals zu rechtfertigen ist, aber dennoch einsehbare Gründe haben kann. Und bei aller Düsternis der Perspektive halte ich an der Überzeugung einer möglichen friedlichen Lösung fest.

Im Roman Die Attentäterin trifft der Held auf einen alten Juden, der sich im kriegsumtobten Dschenin häuslich und friedlich niedergelassen hat. Er ist ein wahrer Hoffnungsträger. Wie ist Ihr Buch in der arabischen Welt aufgenommen worden?

Schlechter als bei meinen zahlreichen jüdischen Freunden. „Die Attentäterin“ ist gerade in den arabischen Ländern teilweise heftig kritisiert worden, weil der Roman nicht jene antisemitische Ideologie bedient, die dort manche erwarten. In Israel hätte das Buch im letzten März herauskommen sollen, ist aber bis heute nicht erschienen. Ich befürchte, daß da ein Verbot oder zumindest starker Druck von oben im Spiel ist.

Ihr Buch erschien im Original vor einem Jahr. Wie schätzen Sie die Lage im Nahen Osten heute ein?

Noch schlimmer als damals. Der Krieg dieses Sommers im Libanon war ein Desaster. Wegen zwei gefangengenommenen israelischen Soldaten wurde ein wunderbares, vielfältiges, friedliches Land in Schutt und Asche gelegt. Der Versöhnungswille wurde auf beiden Seiten um Jahre zurückgeworfen. In Deutschland sah man, wir mir scheint, vor allem die Raketen der Hizbullah, die auf Israel fielen. Natürlich wirkt da das Gewicht der deutschen Geschichte nach. Es sollte aber die Ausgewogenheit des Blicks nicht beeinträchtigen. Wohl rechne ich in Deutschland mit kontroverseren Reaktionen auf mein Buch, als es in Frankreich, Kanada oder Brasilien der Fall war. Ich bin aber zu jedem Streitgespräch darüber bereit, daß die Tötung aus einem Hubschrauber, die keinerlei Rücksicht nimmt auf die zufällig im Schußfeld stehenden Unbeteiligten, kaum weniger schlimm ist als der Akt eines Selbstmordattentäters. Beides gehört zur selben Spirale absurder, unkontrollierbar gewordener Gewalt.

Das Gespräch führte Joseph Hanimann.

Quelle: F.A.Z., 29.09.2006, Nr. 227 / Seite 46
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Hörnchen, alaaf!

Von Hubert Spiegel

Krebserregende Kostüme aus Fernost und jede Menge Alkohol: Der Karneval kann unangenehm werden. Doch ein kleines Tier im malaysischen Urwald bietet die (fast) perfekte Lösung. Mehr 1