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Leseforscher zur Digitalisierung : Der Kontakt zu unserer Kultur steht auf dem Spiel

Wir lesen mit dem ganzen Körper: „La liseuse“ von Henri Lebasque (1856-1937) aus dem Musée Petiet in Limoux. Bild: Gusman/Leemage/Picture-Alliance

Immer größere Teile unserer Lektüre finden auf Bildschirmen statt. Manche Gewohnheiten des digitalen Lesens beeinträchtigen auch das Lesen auf Papier. Wir müssen Schutzmaßnahmen entwickeln und zugleich die Vorzüge des digitalen Lesens ausschöpfen.

          Vier Jahre gemeinsamer Forschung und Diskussion von Wissenschaftlern aus ganz Europa zu den Auswirkungen der Digitalisierung auf das Lesen fanden Anfang des Monats ihre Zusammenfassung in einer Konferenz. Welche Arbeitsergebnisse halten Sie persönlich für die wichtigsten – und warum?

          Adriaan van der Weel: Die Möglichkeit, mit Wissenschaftlern aus so unterschiedlichen Fachgebieten zusammenzuarbeiten, hat gezeigt, wie reich, komplex und vielfältig das Phänomen des Lesens ist. Das ist äußerst wertvoll, wenn wir die zahlreichen Veränderungen verstehen, bewerten und ansprechen wollen, die von der Bildschirmrevolution ausgelöst werden. Unser E-READ-Netzwerk hat begonnen, das Lesen und die Leseforschung stärker ins Bewusstsein zu heben. Diese Sichtbarkeit ist dringend erforderlich.

          Anne Mangen: Es ist uns gelungen, Sozialwissenschaftler, Neurowissenschaftler und Geisteswissenschaftler in empirischen Projekten zusammenzubringen, die inzwischen ein sehr viel nuancierteres Licht auf die Effekte und Implikationen der Digitalisierung hinsichtlich des Lesens werfen. Eine Reihe empirischer Studien haben Lücken und Mängel im bisherigen Modell aufgezeigt und Aspekte sichtbar gemacht, die einer weiteren und genauer abgestimmten empirischen Durchdringung in zukünftigen Forschungen bedürfen.

          Miha Kovač: Für mich ist das interessanteste Ergebnis der Zusammenarbeit eine Metastudie von Delgado und anderen zu den Unterschieden zwischen der Lektüre auf Papier und auf dem Bildschirm. Dieser Überblick über 54 Studien mit mehr als 170 000 Teilnehmern aus unterschiedlichen Teilen der Welt hat eindeutig erwiesen, dass auf dem Gebiet des Textverständnisses der Bildschirm dem Druck unterlegen ist. Die digitale Technik macht das Lernen nicht automatisch leichter und erfolgreicher. Der Druck hat immer noch seine Vorzüge, vor allem bei der Lektüre langer und komplexerer Texte.

          Anezka Kuzmicova: Studien haben gezeigt, dass die Selbstkontrolle der Schlüssel zur Entwicklung eines guten Textverständnisses ist. Das gilt auch unabhängig vom eingesetzten Medium: Auch beim Lesen eines gedruckten Buchs können wir von digitalen Geräten in unserer Umgebung abgelenkt werden. Aber die Eltern – die Menschen aus der häuslichen Umgebung der angehenden Leser – haben es meist schwer, das Lesen zu lehren oder zu fördern, weil sie selbst nicht die Selbstkontrolle erlernt haben, die notwendig wäre, um digitale Ablenkung zu vermeiden.

          Theresa Schilhab: Das wichtigste Ergebnis besagt, dass Leser dazu neigen, ihre eigenen Fähigkeiten bei der Lektüre von Lehrmaterialien zu überschätzen. Der multifunktionale Bildschirmsvereint eine Vielzahl von Nutzungsweisen, von Schularbeiten über soziale Kommunikation bis zur Unterhaltung, er fördert per se ein oberflächliches Lesen. Das ist sehr wichtig, denn ein tiefes Lesen kann als einer der „natürlichen“ und „intuitiven“ Bereiche gelten, in denen das Vorstellungsvermögen und die Fähigkeit, über diese Vorstellungen nachzudenken, gefördert werden. Wenn die vom Bildschirm unterstützte Multifunktionalität die kognitive Erfassung von Texten erschwert, verlieren wir womöglich ein wichtiges Instrument, das uns seit der Aufklärung begleitet.

          Paul van den Broek beschäftigt sich an der Universität von Leiden in den Niederlanden mit den kognitiven und neurologischen Grundlagen des Lesens und Lernens. Er untersucht gegenwärtig, welche Leseprozesse von herkömmlichen wie digitalen Formaten am besten angesprochen werden.

          Paul van den Broek: Die eigentlich wichtige Frage lautet nicht, ob digitales oder herkömmliches Lessen „besser“ ist, sondern welche Verarbeitungsarten beide jeweils am besten bereitstellen und wie diese Verarbeitungsarten sich am besten für optimales Lesen und Lernen nutzen lassen. Anders gesagt: Wir müssen über die Möglichkeiten, Probleme und Vorzüge der verschiedenen Formate nachdenken – und sie auch explizit vermitteln. Dabei steht fest, dass die einzigartigen Vorzüge digitaler Leseumgebungen nicht auf angehende, in Entwicklung begriffene und noch mit Problemen kämpfende Leser beschränkt sind. Auch bei guten, auch bei erwachsenen Lesern sind die Vorteile möglicherweise sehr groß.

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