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Leseforscher zur Digitalisierung : Der Kontakt zu unserer Kultur steht auf dem Spiel

In der Debatte liegt der Fokus immer noch auf einem Vergleich zwischen dem Lesen auf Papier und dem auf digitalen Geräten. Sollten wir da nicht genauer unterscheiden? Gibt es vielversprechende Forschungen in diese Richtung?

Jenny Thomson beschäftigt sich am Institut für Kommunikationswissenschaften der Universität in Sheffield, England, mit der Entwicklung sprachlicher und schriftlicher Fähigkeiten. Sie arbeitet an der Unterstützung von Lehrern bei der Auswahl von Apps zur Leseförderung.

Jenny Thomson: Ja, die gibt es. Die Fokussierung auf Papier und digitale Geräte führt zu einer Dichotomisierung und ignoriert sowohl die Variationen innerhalb des Mediums – wie verschiedene Arten digitaler Geräte wie Smartphone, E-Reader und andere – als auch die Variationen in der Präsentation des Textes, die sich quer durch die verschiedenen Medien ziehen: Schriftarten, Abstände, Textfluss und Bilder. Geräte von der Größe eines Smartphones können vor allem jungen Erwachsenen mit Dyslexie das Lesen erleichtern, während das alltägliche Leseverständnis durch die Einfügung von Hyperlinks in den Text - positiv wie negativ - beeinflusst werden kann, egal, ob man dem Link nun tatsächlich nachgeht oder nicht.

Die Forschung zeigt: Wie und was wir lernen, wissen und können, hängt in beträchtlichem Maße von Aspekten ab, die den gesamten Körper betreffen. Welchen Zusammenhang gibt es zwischen den körperlichen Aspekten der Kognition und dem Lesen auf Papier oder auf digitalen Geräten?

Anezka Kuzmicova arbeitet am Institut für Kultur und Ästhetik der Universität von Stockholm in Schweden. Sie beschäftigt sich mit körperbezogener Kognition und der Förderung engagierten Lesens bei Kindern.

A.K.: Wir lesen in mehrfacher Hinsicht mit dem ganzen Körper. Beim Lesen gedruckter Texte organisieren wir unser Wissen über den Text wie auch unsere Erinnerung an räumlichen Aspekten, etwa daran, wie viele Seiten wir körperlich zu jedem Zeitpunkt in beiden Händen halten. Beim digitalen Lesen fehlt diese Verleiblichung. Ein weiterer Aspekt ist die Fähigkeit, unser Wissen über die Welt zu entfalten, wenn wir zulassen, dass Geschichten uns sinnliche Erfahrungen vermitteln. Die Phantasie ist ein wichtiges Moment beim Lesen fiktionaler Literatur, aber multifunktionale Geräte können diese Fähigkeit beeinträchtigen, weil sie so stark mit realer visueller Stimulation verbunden sind.

T.S.: Das Lesen eines linearen Textes auf einem Bildschirm wird von taktilen, auditiven, haptischen, sensomotorischen und ergonomischen Aktivitäten bestimmt. Durch die Wiederholung simultaner Aktivitäten sind neuronale Verknüpfungen auch nach dem Ende der eigentlichen Stimulation in stärkerem Maße verfügbar. Selbst wenn nur ein kleiner Teil des neuronalen Netzes bei der betreffenden Aktivität erregt wird - etwa bei der Empfindung des Gewichts des Buches und dessen Lage in der Hand -, stellt dieser Mechanismus sicher, dass das gesamte Netz beteiligt ist. Solche Prozesse sind wichtig, wenn wir das Lesen eines linearen Textes auf dem Bildschirm oder auf Papier vergleichen. Der stoffliche Charakter des Papiers bietet eine bessere Grundlage für das Memorieren des Textes. Das Umblättern stützt die Fähigkeit, sich den Zeitverlauf des Plots aufgrund der Anzahl der umgeblätterten Seiten einzuprägen. Das gedruckte Buch bietet eine größere Ähnlichkeit mit Raum und Zeit als dessen elektronisches Gegenstück.

Worin besteht der nächste wichtige Schritt bei dem Versuch, das Lesen einschließlich seiner immersiven Formen gegen mögliche Verluste aufgrund der Digitalisierung zu verteidigen?

A.M.: Es geht uns hier weniger um „Verteidigung“. Wir möchten vor allem deutlich machen, wie wichtig das Lesen von Texten – und insbesondere das geduldige Lesen langer Texte – in kultureller und kognitiver Hinsicht ist. Maryanne Wolf hat das in ihrem Hauptreferat in Stavanger sehr schön zum Ausdruck gebracht: „Wenn das Lesen sich in erheblichem Maße verändert und an digitale Eigentümlichkeiten anpasst, werden wir das tiefe Lesen verringern und weniger Zeit haben, komplexe Zusammenhänge zu begreifen, die Gefühle anderer Menschen zu verstehen, Schönheit wahrzunehmen und das kulturelle Erbe zu schätzen.“ In den massiven und rapiden Veränderungen unserer Zeit zeigt sich, wie wichtig das tiefe Lesen auf persönlicher, aber auch auf gesellschaftlicher und kultureller Ebene ist.

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