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Intersexualität : Diese Varianten sind keine Krankheiten

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Bild: dpa

Ärzteverbände raten bei Intersexualität von Operationen ab. Doch werden ungewöhnliche Geschlechtsmerkmale weiter als Geburtsfehler behandelt. Der Gesetzgeber darf sich hier nicht auf das Personenstandsrecht beschränken.

          Knapp zwanzig Jahre ist es her, dass es einzelnen intersexuellen Menschen in Deutschland gelungen ist, sich öffentlich Gehör zu verschaffen und auf ihre Situation hinzuweisen – eine Situation, die geprägt war durch Schweigen und durch schwerwiegende chirurgische Eingriffe an den Genitalien im Kleinkindalter.

          Einer dieser ersten Aktivisten war Michel Reiter, der als Junge ins Geburtsregister eingetragen worden war, bis entdeckt wurde, dass er dafür den falschen Chromosomensatz und einen zu kleinen Penis hatte. In einer Münchner Klinik wurde er operiert: Der zu kleine Penis wurde als zu große Klitoris entfernt, eine Vagina chirurgisch erschaffen und über die Jahre immer wieder bougiert, also mit Metallstäben gedehnt. „Sehr vitales, prächtig gediehenes Mädel, welches außer der Blutentnahme nichts fürchtet“: Das attestierte der stolze Chirurg seiner Patientin, deren Geschlecht auch im Geburtsregister auf „weiblich“ korrigiert worden war und die mittlerweile Birgit hieß.

          Intersexualität und Pränataldiagnostik

          Jahre später waren die Mediziner zwar mit ihrem Werk, aber nicht mehr mit ihrer Patientin zufrieden. „Die Scheide ist mit zwei Fingern passierbar. Das anatomische Ergebnis dürfte nicht bei der Kohabitation hinderlich sein, eher eine fehlerhafte psychosexuelle Einstellung.“ Birgit Reiter nannte sich nun wieder Michel und führte einen anfangs recht einsamen, dann aber von mehr und mehr Menschen unterstützten Kampf gegen geschlechtszuweisende Operationen bei intersexuellen Kindern. In diesem Kampf wurde auch das Ziel formuliert, rechtlich als Mensch anerkannt zu werden, der weder Frau noch Mann ist.

          Fragen der Geschlechtsidentität, das wird aus Lebensgeschichten wie der von Michel Reiter deutlich, sind keine vernachlässigbaren Fragen von subjektiven Befindlichkeiten oder gar von Lifestyle, wie nicht wenige Kommentare zu der am 8. November veröffentlichten Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts insbesondere in den sozialen Netzwerken unterstellen. Die Anerkennung der Geschlechtsidentität ist unlösbar mit Fragen der körperlichen und psychischen Integrität verknüpft. Manche der Besonderheiten, die medizinisch als Intersexualität gefasst werden, lassen sich auch vor der Geburt im Rahmen einer Pränataldiagnostik feststellen – und führen dann oft zum Abbruch der Schwangerschaften.

          Der Ausschuss der Vereinten Nationen für die Beseitigung der Benachteiligung von Frauen (CEDAW) hat noch im März dieses Jahres in seinen Abschließenden Bemerkungen zum siebten und achten Staatenbericht die Bundesrepublik Deutschland wegen der Behandlung intersexueller Kinder gerügt und den deutschen Gesetzgeber aufgefordert, Gesetze zu schaffen, die ausdrücklich medizinisch nicht erforderliche Operationen und andere medizinische Behandlungen verbieten, solange die Betroffenen nicht in der Lage sind, selbst auf Basis einer informierten Einwilligung darüber zu entscheiden. Ähnliche Forderungen hatten schon 2011 der UN-Ausschuss gegen Folter und 2015 der Ausschuss der Vereinten Nationen für die Rechte von Menschen mit Behinderungen gestellt.

          Zeitdruck des Gesetzgebers

          Hier wird ein besonderes Spannungsfeld sichtbar, in dem Betroffene, die ihr Recht auf eine eigene geschlechtliche Identität beanspruchen, gleichzeitig auch von der Medizin als behandlungsbedürftige Patienten wahrgenommen werden. Ihnen werden – so der englische Terminus – „Disorders of Sex Development“ attestiert, also eine Krankheit. Der Sprachgebrauch der Bundesärztekammer, die sich 2015 auf Empfehlung ihres Wissenschaftlichen Beirats mit dem Thema befasste, lässt die Ambivalenz noch deutlicher hervortreten. Sie hat einen Beschluss über die „Versorgung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Varianten/Störungen der Geschlechtsentwicklung“ gefasst. Während der Begriff der Variante neutral ist, attestiert die damit synonym gesetzte Feststellung einer „Störung“, dass eine Behandlung zumindest wünschenswert oder jedenfalls grundsätzlich möglich wäre – eine Sichtweise, die den Gleichbehandlungsanspruch konterkarieren kann.

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