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Internet in Italien Marktplatz für Todfeinde

In Italien wird die politische Auseinandersetzung vermehrt übers Internet geführt. Die Folge ist eine drastische Verrohung der Debatte.

© REUTERS Vergrößern Beppe Grillo, Anführer der italienischen Antipartei „Movimento 5 Stelle“

Lässt sich in Italien das Niveau der politischen Auseinandersetzung überhaupt noch senken? Das Internet hat auch hier, wo in den Fernsehtalkshows zum politischen Showgeschäft wilder Schlagabtausch, Geschrei und Drohungen zum opernhaften Alltag gehören, weitere Schleusen geöffnet. Im Zentrum der Auseinandersetzung steht die Antipartei „Movimento 5 Stelle“ (Bewegung 5 Sterne) des Alleinunterhalters und politischen Provokateurs Beppe Grillo.

Dessen - nie im Fernsehen übertragene - Spektakel voller Beschimpfungen der politischen Klasse hätten in Deutschland zwar auch unter den Comedy-Shows nicht ihresgleichen. Doch richten sie sich mit großem Erfolg an ein vorwiegend junges Publikum mit regelrechtem Hass, zumindest Verachtung gegen italienische Parteien, gegen den Berlusconismus, aber auch gegen die eitlen Granden der Linksparteien.

Potential zur Selbstzerfleischung

Was in Deutschland die Piraten, sind in Italien die „Grillini“ - nur eben angesichts der Landesmisere und der Landessitten viel vulgärer, drastischer und chaotischer. Immerhin haben die Protestler, die sich vorzugsweise übers Internet organisieren, inzwischen in den Umfragen respektable Zahlen um die zehn Prozent erreicht.

Gleichermaßen wächst das Potential zur Selbstzerfleischung. Im September wurde der abtrünnige Grillo-Funktionär Giovanni Favia von Anhängern der „5 Stelle“ bedroht: Man solle ihm öffentlich den Hals abschneiden: „Er muss abgeschlachtet werden, um ein Exempel zu geben. Kein Mitleid, kein Pardon - solche Leute sind unsere Feinde.“

Solche Verbalattacken - denn bei denen blieb es einstweilen - zeugen vom aufgeheizten Politklima in Italien nach dem Tabubrecher Berlusconi, der selbst in Film und Netz, Zeitungen und Radio mit der Liquidation bedroht wurde. Spätestens seit dem Sommer gehen gerade den Grillini Todesdrohungen offenbar flott von der Hand. Auch Federica Salsi, die in der Studentenhochburg Bologna als Stadträtin für „5 Stelle“ tätig ist, wurde nach einem Auftritt in einer populären Talkshow vom Fernsehabstinenzler Grillo böse gerügt - und prompt im Social Network wiederholt mit Fatalem bedroht: Man bete für ihren Tod, und man solle ihr wenigstens die Kinder wegnehmen.

Massive Drohungen gegen Grillo

Federica Salsi zeigte den Unflat bei den Carabinieri an. Und sah einen direkten Zusammenhang zwischen der Verurteilung durch den Parteipropheten („Das Fernsehen ist wohl dein G-Punkt“) und den Hassattacken der Jünger. Das Internet macht es leicht: Umgekehrt beklagt Grillo aber selbst massive Drohungen gegen seine Person, auch gegen unbescholtene Lokalpolitiker seiner Bewegung. So erhielt der Bürgermeister des piemontesischen Örtchens Carrosio, Valerio Cassano, anonyme Elektropost: Er werde mindestens Krücken oder den Rollstuhl benötigen.

Erst in den letzten Tagen warfen Grillini im Netz politischen Gegenspielern allerdings vor, sie würden vermeintliche Bedrohungen an die große Glocke hängen, um so Publizität künstlich zu erzeugen. Der Grillo-Kritiker und Professor Marco Camisano Calzolari wurde mit solchen Vorwürfen konfrontiert, nachdem er lauthals angekündigt hatte, sich nach Todesdrohungen auf Facebook und Twitter aus Angst zurückzuziehen.

„Dass das Netz oft ein Ventil des Unmuts für Schlechterzogene und Aggressive ist, bleibt ein tristes Faktum“, schreiben Blogger von „techfanpage“, „doch keine Person von gesundem Menschenverstand nähme solche Todesdrohungen auf Twitter ernst.“ Gehört solches Kommunizieren also inzwischen zum Alltag?

Internet-Attacken bisher folgenlos

Nun sind in Italien, vor allem im Süden, Drohungen durch die Mafia triste politische Tradition und keineswegs leichtzunehmen. Da reicht nach vorelektronischer Sitte schon das postalische Zuschicken eines toten Singvogels oder einer Pistolenkugel, um dem Opfer massive Todesgefahr zumindest vorzuspiegeln. Manchmal folgt Schlimmeres.

Die Internet-Attacken sind dagegen ein vergleichsweise neues und bisher kriminalistisch folgenloses Phänomen. Dass jüngst eine italienische Plattform das Wort „Shitstorm“ als neudeutsche Vokabel vorstellte, bezeugt die bisher beschränkte Wirkung politischer Hassattacken im Netz. Das hat gewiss auch damit zu tun, dass bei Reichweite und Qualität der Internetnutzung Italien noch hinter den mitteleuropäischen Nachbarn zurückbleibt.

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Die italienische Polizei betrachtet das Phänomen indes keineswegs als Lappalie. Erst Mitte November gab es verstreut in ganz Italien, aber mit Schwerpunkt in Mailand, eine Razzia bei der neofaschistischen Gruppierung „Stormfront“. Die hatte sich im Internet auf rassistische Slogans und gezielte Beleidigung von Politikern spezialisiert. Mit vier Festnahmen und siebzehn Hausdurchsuchungen beantwortete eine römische Spezialeinheit die Provokationen der „Stormfront“-Ideologen.

Diese hatten tatsächlich Listen mit jüdischen Mitbürgern als Zielscheiben zur ökonomischen Krisenbewältigung veröffentlicht, aber auch von extrem rechts zur Mitte lavierende Politiker wie den Senatspräsidenten Gianfranco Fini als „Vaterlandsverräter“ an den Pranger gestellt und zur Rache aufgerufen. Die Aktion der nationalen Anti-Terrorismus-Einheit im November war die bislang erste in Italien, die sich gezielt gegen Verbaldelikte im Internet als Formen politischer Gewalt richtete. Angesichts des aufgeheizten politischen Klimas im Land dürfte sie nicht die letzte bleiben.

Quelle: F.A.Z.

 
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