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Integrationsprobleme Kreuzberg könnte gerettet werden

07.11.2005 ·  In Deutschland wächst die Sorge, uns könnten ähnliche Unruhen wie derzeit in Frankreich bevorstehen. Der Kulturanthropologe Werner Schiffauer über das Gute am Kiez, die Chance der Religiosität und das Problem der Schulen.

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In Deutschland wächst die Sorge, uns könnten ähnliche Unruhen wie derzeit in Frankreich bevorstehen. Der Kulturanthropologe Werner Schiffauer über das Gute am Kiez, die Chance der Religiosität und das Problem der Schulen.

Müssen wir befürchten, daß auch in Deutschland Ausschreitungen nach französischem Muster bevorstehen?

Die Ausgangsbedingungen sind andere: Erstens sind die Migranten auf dem Arbeitsmarkt hier besser integriert als in Frankreich. Zweitens haben wir nicht diese städtebaulichen Strukturen, wie sie Frankreich in der Banlieu aufweist.

Kreuzberg ist also kein Risikogebiet?

Kreuzberg ist sogar ein Stadtteil, der gerettet werden könnte. Wir haben in Deutschland ein Phänomen, das unsere Chance ist: die hohe Kiez- oder Stadtteilbindung. Migranten, die gesellschaftlich aufsteigen, bleiben in ihren Vierteln wohnen, und auch Deutsche leben dort. Das Problem in Kreuzberg sind im Augenblick die Schulen. Die kippen. Das ist der Hauptgrund, warum Familien wegziehen: Sie fürchten um das Wohl ihrer Kinder. Wenn der politische Wille da wäre, könnte man durch die Bildung kleiner Klassen aus dem Problem Multikulturalismus eine Chance machen. Dafür müßte man aber die Klassenstärke auf Größen von etwa zwölf Schülern herunterfahren. Auf diesen Vorschlag hin bekommt man aus der Politik immer nur ein höhnisches Echo. Wir sind deshalb drauf und dran, eine echte Integrationschance zu verspielen. Später könnte es dann so kostspielig werden wie im Augenblick in Frankreich.

Dort finden sich unter den Randalierern fast nur junge männliche Ausländer.

In Frankreich kommt eine ganze Menge zusammen. Die Vorstädte sind wie eine in Stein umgesetzte Exklusionsstruktur. Wer da wohnt, der spürt, daß er ausgeschlossen ist vom schönen Leben in den Innenstädten. Zudem hat der Rassismus im französischen Alltag weniger schlimme Folgen als der der Polizei. Aus allen Interviews, die wir in Feldstudien durchgeführt haben, wissen wir, daß Polizeirassismus - der ja durchaus rational begründet sein kann - als viel diskriminierender empfunden wird, denn bei der Polizei hat man es mit Vertretern jenes Staates zu tun, der egalité verspricht, sie aber in der Praxis nicht ermöglicht. Das löst eine wahnsinnige Verbitterung aus. In den Vorstädten verstärkt sich das dann gegenseitig. Die Lage in Frankreich ist so verfahren, daß man nur schwer sehen kann, wie das wider aufzubrechen wäre. Bei uns muß es nicht soweit kommen.

Gibt es in Deutschland denn nicht auch heiklere Problemgebiete als Kreuzberg?

In Berlin gibt es schwierigere Stadtteile, bestimmte Ecken des Wedding beispielsweise. Letztlich bin ich aber optimistisch, was Deutschland betrifft. Wenn man nur die völlig überflüssigen symbolischen Kämpfe sein ließe, etwa die ganze Auseinandersetzung mit dem Islam. Da wirft man alles in einen Topf. Wertkonservative Muslime suchen gerade in ihrem Umfeld den Weg der Stabilisierung, um am Arbeitsmarkt oder in der Schule zu reüssieren. Doch das wird bei uns oft als Katastrophe hingestellt, weil man die kulturelle Differenz mit der sozialen gleichsetzt. Das sind aber verschiedene Teilsysteme unserer Gesellschaft. Die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion hilft meist dabei, sozial voranzukommen.

Die Fragen stellte Andreas Platthaus. Werner Schiffauer lehrt Vergleichende Kultur- und Sozialanthropologie in Frankfurt an der Oder. 2000 erschien von ihm das Buch „Die Gottesmänner - Türkische Islamisten in Deutschland“.

Quelle: F.A.Z., 08.11.2005, Nr. 260 / Seite 35
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