http://www.faz.net/-gqz-9coj8

Integrations-Debatte : Die Grenzen der Anpassung

Worauf bezieht sich überhaupt Integration: auf das Konsumverhalten, die sozialstatistische Unauffälligkeit oder das kulturelle Lernen, die Übernahme einst fremder Gepflogenheiten? Bild: Picture-Alliance

Ist man erst integriert, wenn man mit keinem dummen oder niederträchtigen Spruch über seine Herkunft mehr rechnen muss? In der aktuellen Diskussion wird das Ganz-dazu-Gehören idealisiert. Ein Kommentar.

          Wer ist wie gut integriert, und woran erkennt man das? Woran erkennt es nicht zuletzt die betroffene Person selbst? Ist integriert schon diejenige, die alle Rechte eines Landes genießt und alle staatsbürgerlichen Pflichten erfüllt, von der Steuerzahlung bis zur strafrechtlichen Unsichtbarkeit? Braucht es darüber hinaus Bekenntnisse? Oder ist integriert erst, wer mit keinem dummen oder niederträchtigen Spruch über seine Herkunft mehr rechnen muss?

          Bestimmt also primär das eigene Verhalten von ausländisch Abstammenden den Grad ihrer Integration, oder sind vielmehr Ortsansässige dafür maßgeblich? Genügt es schon, als Deutschtürke oder Deutschamerikaner angesprochen zu werden, um einen Mangel an anerkanntem Deutschsein zu verspüren? Und worauf bezieht sich überhaupt Integration: auf Karrierewege und Arbeitsmärkte, das Konsumverhalten, die sozialstatistische Unauffälligkeit oder das kulturelle Lernen, etwa die Übernahme einst fremder Gepflogenheiten (Kehrwoche, Leberwurst zum Frühstück, Stuhlkreis, Vatertagstrinken)?

          Mangel an Logik und Empirie

          Solche Fragen lassen sich leicht vermehren. Beantwortet werden sie in der gerade wieder aufflammenden Diskussion nicht. Die Debatte ist selbst seit jeher schlecht integriert, denn fast jeder Beitrag macht sich einen eigenen Begriff von dem, was „Integration“ heißen soll. Man redet mehr oder weniger gezielt aneinander vorbei und hält den Mangel an Logik und Empirie, der dabei zutage tritt, für einen Beweis, dass man politisch diskutiert. Wenn Migranten oder deren Kinder schlecht integriert sind, weil sie die Nationalhymne nicht singen, waren es dann die Einheimischen ebenfalls, als sie es vor 2006 kaum taten? Wenn jemand als gut integriert gilt, der es zum Multimillionär gebracht hat, weswegen ihm das Land egal sein kann, aus dem er kommt – inwiefern ist er dann in dieses Land integriert und nicht einfach nur in die Marktwirtschaft? Vielleicht stehen für die entsprechenden Normabweichungen ja darum auch passendere Worte zur Verfügung: Unhöflichkeit, ungebührliches Betragen, Desinteresse, Kaltschnäuzigkeit. So wie für Termine mit Freunden einer Diktatur eine ganze Reihe von Bezeichnungen diesseits von „nicht integriert“ einschlägig ist: dumm, opportunistisch, feige, schmählich, geschäftemacherisch, unwürdig.

          Von Migranten, das ist deutlich, wird je nach Lage – zum Beispiel je nach Fußballergebnis oder Wirtschaftskrise oder Flüchtlingszahlen – mehr verlangt als von denen, die sich einheimisch nennen können. Und zwar mitunter umso mehr, je „neuer“ sie sind. Die schwachen Deutschkenntnisse vieler hierzulande lebender Italiener und deren „Pendelmigration“ zwischen zwei Heimaten sind kein Gegenstand von Beschwerden über eine etwaige mangelnde Integration. Deutsche, die nur mühsam Deutsch können, gelten ohnehin nicht als schlecht integriert, sondern als bildungsarm. Das muss nicht als Selbstgerechtigkeit der Einheimischen gedeutet werden. Es steckt darin auch die Erwartung, dass Einwandern mit besonderen Ambitionen verbunden ist oder sein sollte, mit dem realistischen Gefühl, auf besondere Schwierigkeiten zu stoßen, mit der Bereitschaft, mehr zu leisten als diejenigen, für die das Hiersein Gewohnheit ist.

          Die Erwartung völliger Assimilation ist unrealistisch

          Wenn Integrationsforscher daher behaupten, selbst den länger schon in Deutschland lebenden, die deutsche Staatsbürgerschaft besitzenden Türken werde ständig mitgeteilt „Ihr gehört nicht dazu“, ist das nur die halbe Wahrheit. Mithin gar keine. Das Ideal des Ganz-dazu-Gehörens wird nirgendwo und von niemandem in allen Dimensionen verwirklicht. In irgendeinem Sinne gehört man immer nicht dazu, ist man an kulturelle Muster nur teilweise assimiliert, schon weil es so viele davon gibt. Alle, die vom Land in die Stadt ziehen und umgekehrt oder vom Süden in den Norden, die ökonomischen Aufsteiger wie die Bildungsparvenüs oder die sexuell vom Durchschnitt Abweichenden stoßen leicht auf Reserven.

          Aber möchte man überhaupt ganz integriert sein? Unter allen Sozialgebilden weisen den höchsten Grad an Integration im Sinne vollkommener Mitgliedschaft vermutlich Sekten und Gefängnisse auf. Alle anderen sollten mit Nichtintegriertheit leben lernen oder klar sagen, welche Formen davon unerträglich wären. Ein Vorschlag könnte dabei sein, dass Gettobildung eine solche Form ist, mit der Pointe, dass Gettos ihrerseits intern einen hochintegrierten Eindruck machen. Die Erwartung völliger Assimilation ist mithin so unrealistisch wie die Erwartung umfassender Bejahung aller durch alle. Und sie ist genauso willkürlich wie das Hochrechnen pöbelnder Fußballfans und rückgratloser Funktionäre auf eine tiefsitzende Ausländerfeindlichkeit im Land.

          Wer verlangt, eine von Ausländern abstammende Person müsse, um Inländer zu werden, irgendwie mit den Deutschen und deren Kultur verschmelzen, ist genauso wenig bei Trost wie diejenigen, die behaupten, Multikulturalität und die Einwanderungsgesellschaft seien ohne Vorurteile, Distanznahmen und Härten vorstellbar. Dass mit Rückfragen rechnen muss, wer in einem Land lebt, von dem er zu verstehen gibt, es sei ihm im Grunde aber gleichgültig, liegt auf der Hand. Dass es Rückfragen sein sollten und nicht gereizte Beschimpfungen, sollte ebenfalls klar sein.

          Weitere Themen

          Von Menschen und Nicht-Menschen

          Stephan Thomes Abenteuerroman : Von Menschen und Nicht-Menschen

          In Stephan Thomes historischem Abenteuerroman „Gott der Barbaren“ über die chinesische Taiping-Rebellion schwingen die globalen Unsicherheiten von heute mit. Über eine außergewöhnliche Parabel auf der Buchpreis-Shortlist.

          Topmeldungen

          Handelsstreit : An der Schraube gedreht

          Donald Trump will, dass amerikanische Unternehmen ihre Produktion nach Amerika zurückverlagern – koste es, was es wolle. Vielleicht kommt die strategische Konfrontation mit China schneller als vermutet. Ein Kommentar.
          Zentralmoschee in Köln

          Ditib : Erdogan eröffnet Zentralmoschee in Köln

          Der türkische Präsident wird bei seinem Besuch in Deutschland, die Ditib-Moschee in Köln offiziell eröffnen. Dabei sein wird auch Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.