09.04.2010 · Ein Kind, das neben Deutsch auch Türkisch spricht, ist hierzulande ein Problem: Ihm haftet der Geruch des Integrationsunwilligen an. Deshalb auch die Aufregung über Erdogans Forderung nach türkischen Schulen in Deutschland. Aber es lohnt sich sehr, diese Zweisprachigkeit zu fördern.
Von Karen KrügerEin Kind, das fließend Deutsch spricht, ist ein gutes Kind. Ein Kind, das neben Deutsch auch fließend Italienisch, Französisch, Englisch oder sogar Chinesisch spricht oder sich darum bemüht, eine diese Sprachen zu erlernen, ist ein noch besseres Kind. Die Eltern können sich der gesellschaftlichen Anerkennung sicher sein, ihren Sprössling durch frühkindliche Sprachförderung und Schulwahl auf diesen Weg geschickt zu haben. Ein Kind jedoch, das neben Deutsch auch Türkisch spricht und Eltern hat, die es dabei unterstützen, ist in Deutschland ein Problem.
Ihm haftet der Geruch des Störenden, des Integrationsunwilligen an. Auf den öffentlichen Gebrauch seiner Sprache wird mit Abwehr reagiert. In diesem Licht zu betrachten ist auch die helle Aufregung, für die der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan mit seiner jüngst erhobenen Forderung nach türkischen Schulen sorgte. Denn sie spiegelte nicht allein die Sorge, schon bestehende Nischen der türkischen Lebenswelt könnten sich zu einem institutionalisierten Paralleluniversum auswachsen. Vielmehr bezeugte sie das grundsätzliche Misstrauen, mit dem man hierzulande dem Türkischen und jenen kulturellen Werten begegnet, die diese Sprache transportiert. Doch die türkische Sprache ist so wertvoll wie jede andere. Lässt man sie verkümmern, dann verschenkt die deutsche Gesellschaft eine geistige Ressource. Dabei ist Türkisch längst ein Bestandteil ihrer Wirklichkeit geworden.
Die türkische Sprache ist durch hier erscheinende türkische Medien präsent, durch türkischstämmige Deutsche, die Dienstleistungen auf Türkisch anbieten. Auch aufgrund der leichteren persönlichen Mobilität wird sie intensiv gebraucht. Und natürlich wird in den meisten deutschtürkischen Familien Türkisch gesprochen; die Sprache der Herkunft fungiert dabei vor allem als Sprache der Gefühle oder für die Regulierung von Verhaltensformen - als Sprache des Erziehens.
Eine Fähigkeit, die zu pflegen sich lohnt
Dennoch erkennt die deutschtürkische Bevölkerung den Status des Deutschen als allgemeine Verkehrssprache zum überwiegenden Teil fraglos an. Sie möchte, dass ihre Kinder Deutsch so gut wie möglich beherrschen - hat aber gleichzeitig den Wunsch, dass auch die türkische Sprache ordentlich erlernt werden kann. Was ist falsch an dieser gewollten Zweisprachigkeit?
Die Förderung der deutschen Sprache steht nicht in Opposition zur Förderung der türkischen Herkunftssprache. Beide können einander ergänzende Elemente einer umfassenden sprachlichen Bildung sein, die die besonderen sprachlichen Erfahrungen türkischstämmiger Schüler nicht als Defizit stigmatisiert, sondern als Fähigkeit anerkennt, die zu pflegen sich lohnt. Für die Integration kann das nur von Vorteil sein. Denn es ist ja gerade die Anerkennung der kulturellen Besonderheit, die die Betreffenden ihrer eigenen Identität versichern könnte und so auch empfänglicher für die Gesellschaft machte, in der sie leben.
Wissenschaftliche Studien haben zudem gezeigt, dass sich die schulische Förderung der Erstsprache im schlechtesten Fall neutral auswirkt - also keine negativen Folgen für den Zweitsprachenerwerb hat. Das beweist auch die Praxis. Hier spricht man sogar von Erfolgen: nicht nur an Grundschulen, an denen herkunftssprachlicher Unterricht angeboten wird, sondern auch an jenen Einrichtungen, an denen Türkisch innerhalb des üblichen Schulkanons als zweite Fremdsprache gewählt werden kann. Im bayerischen Pasing legte im Jahr 2007 die erste Schülerin ihr Abitur mit Prüfungsfach Türkisch ab, in Nordrhein-Westfalen gibt es die Möglichkeit, Türkisch zu wählen, schon seit mehr als fünfzehn Jahren. Unterrichtet werden die Schüler von Lehrern mit deutschem Staatsexamen.
Integration bedeutet eben nicht Einsprachigkeit
Die Universität Duisburg-Essen bietet Türkisch für die Sekundarstufe I und II als Studienfach an; belegt wird es ausschließlich von Deutschtürken. In den von ihnen später gestalteten Unterrichtsstunden geht es um türkische Geschichte, Kultur und Literatur. Vor allem aber soll den Schülern eine Standardvariante des Türkischen vermittelt werden, die sich auf dem Niveau des Türkischen in der Türkei bewegt. Denn genauso wie das in Indien gesprochene Englisch ein anderes als jenes in Südafrika oder in Südengland ist, unterscheidet sich das in Deutschland gesprochene Türkisch vom Türkischen in der Türkei - es ist an die Verhältnisse angepasst, zu deren Beschreibung es dient: syntaktisch, semantisch und in der Satzmelodie.
Des Weiteren beschränkt sich die von den Eltern erlernte Sprache meist auf bestimmte kommunikative Situationen und ist nicht selten ein Dialekt. Auf die Idee, den Schülern auf dem Schulgelände das Miteinanderplaudern auf Türkisch zu verbieten, kommt an Schulen, an denen Türkisch auf diese Weise unterrichtet wird, niemand. Das passiert nur dort, wo Türkisch nicht den Rang eines allgemeinen Bildungsgutes hat. Denn dort ist die Sprache in diesem Sinn illegitim.
Die frühere Normalitätsannahme, dass Migranten sich nach spätestens drei Generationen vollständig an die umgebende Majoritätssprache assimiliert haben, wird von der Gegenwart desavouiert. Integration - das zeigen die Beispiele zahlreicher Deutschtürken - bedeutet nicht unbedingt deutsche Einsprachigkeit. Es ist an der Zeit, das endlich anzuerkennen und sprachpolitisch darauf zu reagieren. Der Wunsch vieler türkischstämmiger Eltern nach türkischen Schulen erledigt sich dann von selbst.
Das behauptet doch auch keiner...
Thomas Berger (tberger)
- 09.04.2010, 16:43 Uhr
In der Schule hieße es: Thema verfehlt
Jan Matthias (JanMatthias)
- 09.04.2010, 16:45 Uhr
"frühere Normalitätsannahme"?
Heinz Ebermann (CESA)
- 09.04.2010, 16:47 Uhr
Zweisprachigkeit
Paul Wilkens (Paul.Wilkens)
- 09.04.2010, 16:50 Uhr
Verstehe das Theater nicht
Christian Schmidt (Chris2612)
- 09.04.2010, 16:53 Uhr