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Vietnamesen in Deutschland : Aus einem unsichtbaren Land

frische Fische, falsche Blumen, Zitronengras: In den Hallen des Dong Xuan Center in Lichtenberg Bild: Julia Zimmermann

Etwa hunderttausend Vietnamesen leben bei uns, mit vietnamesischem Pass oder deutschem oder ohne legale Papiere. Aber als im Spätsommer heftig gestritten wurde, wer in diesem Land dazugehören darf oder nicht, kamen diese hunderttausend nicht vor. Ein Besuch.

          Es ist nicht weit nach Vietnam, man nimmt die Straßenbahn. Steigt in die Linie 8 und fährt eine Viertelstunde lang aus der Mitte Berlins heraus nach Lichtenberg, das wirklich licht ist: So viel Himmel sieht man in Berlin selten, und so viele Plattenbauten auch nicht. Dann steigt man wieder aus, Herzbergstraße/Industriegebiet heißt die Station, läuft durch ein Tor auf einen Hof, hinter dem sich eine weite Industrielandschaft öffnet, früher mal VEB Elektrokohle. Steht vor vier langen weißen Hallen, schiebt den Vorhang zur ersten beiseite und geht einfach hinein nach Vietnam.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Es heißt nur anders: Dong Xuan Center, 26.000 Quadratmeter für Nagelpflege, Zitronengras, Plastiksonnenblumen, Jasmintee, Magazine, Ingwer, Stricknadeln, Haarschnitte, Reisnudeln, Rollwägelchen, DVD-Spieler, Koffer, Fische, Kabel, Strumpfhosen. Wer noch nie in Hanoi oder Saigon war, stellt sich vor, dass die Markthallen dort genauso aussehen, wer schon mal da war, sagt, dass es genauso ist. Und wer Kunstfaserpullover mit aufgestickten Katzenköpfen kaufen möchte, wird sie hier finden, und auch die Rentnerinnen, die sie so gern tragen: Denn im Dong Xuan Center von Lichtenberg kaufen nicht nur die vietnamesischen Berliner ein, sondern auch die berliner Berliner.

          Sie laufen einem schon auf dem Hof entgegen mit ihren Tüten, und sie kommen zur Mittagspause her. Es gibt im Dong Xuan Center das beste vietnamesische Essen der Stadt. Sagen Vietnamesen. Im Restaurant Nha Hang Viet-Nam zum Beispiel, das wie eine Bahnhofsgaststätte aussieht, wenn es noch Bahnhofsgaststätten gäbe und man dort Karaoke singen könnte.

          Auf 26.000 Quadratmetern verteilt bieten vietnamesische Händler hier ihre Waren an
          Auf 26.000 Quadratmetern verteilt bieten vietnamesische Händler hier ihre Waren an : Bild: Julia Zimmermann

          Wo ist der Feridun Zaimoglu der deutschen Vietnamesen?

          Hier, im Dong Xuan Center, wird sichtbar, was in der Integrationsdebatte wie unsichtbar wirkt: dass in der Bundesrepublik sehr viele Vietnamesen leben und arbeiten. Etwa hunderttausend sind es, mit vietnamesischem Pass oder deutschem oder ohne legale Papiere. Aber als im Spätsommer heftig gestritten wurde, wer in diesem Land dazugehören darf oder nicht, kamen diese hunderttausend nicht vor. Höchstens als Klischee, fleißig und leise, die Kinder gut in der Schule - Thilo Sarrazin hat das auch so geschrieben.

          Wie ist diese Unsichtbarkeit entstanden? Sie irritiert, weil es doch in deutschen Städten so viele vietnamesische Gemüsegeschäfte gibt und ständig neue vietnamesische Restaurants aufmachen. Man fragt sich auch ratlos, wo die Schriftsteller dazu sind, die ihre Geschichten aufschrieben: die Geschichten der Boat People, die in den siebziger Jahren aus dem Süden Vietnams in die alte Bundesrepublik flüchteten, oder der Vertragsarbeiter aus dem Norden, die in den Achtzigern in die DDR kamen und blieben. Wo ist der Feridun Zaimoglu dieser deutschen Vietnamesen? Das Gesicht für die Talkshows, die Stimme, die erklärt, wie das ist, in diesem Land zu leben, dageblieben zu sein nach Rostock-Lichtenhagen, wo 1992 ein Asylbewerberheim voller Vietnamesen tagelang von Rechtsradikalen angegriffen wurde und die Nachbarn applaudierten.

          In sechzehn Jahren ist nicht viel passiert

          Ein Gesicht und eine Stimme gibt es: Minh-Khai Phan-Thi. Sie ist die Erste, die auf Anhieb jedem einfällt und die, seit sie 1992 bei den Lichterketten-Demonstrationen aufgetreten ist, ihre Geschichte oft erzählt hat: Die Eltern kamen in den frühen Siebzigern nach Darmstadt, wo ihre Tochter geboren wurde, die Mutter wurde promoviert, der Vater Ingenieur, Minh-Khai Phan-Thi aber ging zum Fernsehen, wurde Schauspielerin und so etwas wie eine Expertin für Integrationsfragen.

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