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Türkische Medien zu Sarrazin Er ist nur eine Stimme unter vielen

31.08.2010 ·  An türkischen Medien geht die Debatte über Thilo Sarrazins Buch nicht vorbei. „Hürriyet“ und andere nehmen es meist gelassen. Auch wenn es um ein aus dem Kontext gerissenes Zitat von Vural Öger geht.

Von Karen Krüger
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Türkische Medien erwähnt Thilo Sarrazin in seinem Buch nur am Rande. In einem Kapitel jedoch, es ist das siebte, kommt die türkische Zeitung „Hürriyet“ zu Wort. Der Abschnitt trägt als Titel eine Frage: „Eroberung durch Fertilität?“. Seine Antwort (ja!) leitet Sarrazin mit einem Zitat der Zeitung ein, die im Mai 2004 über ein Essen mit dem türkischstämmigen Unternehmer Vural Öger berichtet hatte.

Laut der „Hürriyet“ sprach Öger an dem Abend über den demographischen Wandel: Bis zum Jahr 2100 werde es in Deutschland 35 Millionen Türken und zwanzig Millionen Deutsche geben. „Das, was Kamuni Sultan Süleyman 1529 mit der Belagerung Wiens begonnen hat, werden wir über die Einwohner, mit unseren kräftigen Männern und gesunden Frauen verwirklichen,“ zitierte „Hürriyet“ den Unternehmer und so wird die Zeitung auch von Sarrazin zitiert. Dass Öger diese Aussage später als blöden Witz zurückgenommen hatte, erwähnt Sarrazin zwar. Doch das Zitat ist einfach zu spektakulär, als dass er darauf verzichten würde, um die Folgen der niedrigen deutschen Geburtenrate und der hohen von Migranten zu diskutieren.

„So ein Satz passte eigentlich gar nicht zu Herrn Öger“

Ali Gülen, damals Chefredakteur der „Hürriyet“, erinnert sich an besagten Abend im Mai 2004. Er war bei dem Essen dabei. Ein Mitarbeiter, der bei Öger saß, habe ihm von dessen Aussage berichtet. Zweimal habe er nachgefragt, ob der Journalist sich auch sicher sei, denn „so ein Satz passte eigentlich gar nicht zu Herrn Öger; der ist hier voll integriert“, sagte Gülen im Gespräch mit dieser Zeitung. Der Journalist bejahte, und der „Hürriyet“-Artikel mit dem Zitat wurde gedruckt – und kurz darauf eine Korrektur: „Vural Öger hat angerufen. Er sagte, dass das dahergeredet war. Dass Sarrazin ihn dennoch zitiert, ist nicht fair. Auch in der türkischen Community regen sich viele über die integrationsunwilligen Muslime auf. Sarrazin differenziert nicht.“

Die „Hürriyet“ hatte schon Anfang vergangener Woche kommentarlos darauf verwiesen, dass man sie an einer argumentativ so prominenten Stelle erwähnt. Das Blatt reagierte – wie die übrigen in Deutschland erscheinenden türkischen Zeitungen – zurückhaltend auf die Debatte. Nachdem die ersten Auszüge von Sarrazins Buchs öffentlich geworden waren, kommentierte sie die Reaktion von Sigmar Gabriel auf ihrer Titelseite: „Er hat ihm die Tür gewiesen“.

Sarrazin könnte Bundeskanzler werden?

Später druckte die Zeitung ein Interview mit Thilo Sarrazin. Man könne sich in die deutsche Gesellschaft integrieren, ohne die eigene Identität oder Nation zu verleugnen, sagte er. Türken in Deutschland sollten nicht nur türkische Fernsehsendungen anschauen, sondern auch den deutschen „Tatort“. Einen Schritt weiter ging die liberal-islamische Zeitung „Zaman“ mit ihrer Berichterstattung. Ihr Kommentator Ismail Kul schrieb: „Es ist Rassismus pur, man kann jedoch Sarrazin verstehen. Wenn man in Deutschland von sich reden lassen will, muss man gegen die Muslime im Lande vorgehen.“ Kul dehnt seinen Vorwurf auch auf die Soziologin Necla Kelek aus, die Sarrazins Buch vorstellte. Die „Sabah“ hingegen zitierte den Grünen-Chef Cem Özdemir mit den Worten: „Das Problem ist nicht Sarrazin als Person, sondern der gleich gesinnte Bevölkerungsanteil in Deutschland.“

Im Internet wird unter Deutschtürken heftig diskutiert. Für die einen ist Sarrazin ein „Rassist“, und „Migrationsfeind“. Andere geben ihm teilweise Recht: Sie werfen den konservativen und integrationsunwilligen Türken vor, der türkischen Community in Deutschland zu schaden. Ein in Berlin lebender Leser der Internetausgabe von „Habertürk“ meint, dass Sarrazin zu fünfundneunzig Prozent recht habe, was Zuwanderer vom Balkan angehe. Von der deutschen Bevölkerung erhalte Sarrazin so viel Zuspruch, dass er Bundeskanzler werden könne.

„Die Niederlande haben Geert Wilders, Deutschland hat Thilo Sarrazin“

In der Türkei berichteten bisher nur wenige Medien über die Debatte. Auf der Internetseite des Fernsehsenders CNN Türk hieß es: „Er bombardiert dicht hintereinander. Die Bomben treffen sowohl die Türken als auch die Muslime. Die Niederlande haben ihren Geert Wilders, Deutschland hat seinen Thilo Sarrazin. Im Rassismus steht keiner dem anderen etwas nach. Einen Film wie ,Fitna‘ konnte er noch nicht machen, aber er hat gezeigt, dass er ambitioniert genug ist, mit seinem Buch Unheil zu stiften.“ Die Zeitung „Today‘s Zaman“ hingegen sieht einen Zusammenhang zwischen den Abschiebungen von Roma aus Frankreich und Thilo Sarrazins Buch. Bundeskanzlerin Merkel müsse sich darüber im Klaren sein, dass es eine Konsequenz aus ihrer und Sarkozys Politik in Hinblick auf die EU-Mitgliedschaft der Türkei sei. Tatsächlich werde Europa aufgrund des demographischen Wandels bald ein Defizit an Fachkräften haben.

Man habe nicht vor, weiter über die Sarrazin-Debatte zu berichten, hieß es gestern aus der deutschen Redaktion der „Hürriyet“. In Deutschland herrsche Meinungsfreiheit. Sarrazin sei mit seiner biologistischen Argumentation sei zwar keine schöne Stimme, aber nur eine unter vielen.

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Jahrgang 1975, Redakteurin im Feuilleton.

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