08.04.2008 · Die Türken in Berlin waren die Verlierer der Wiedervereinigung. Heute wächst auch unter ihnen der Mittelstand, das deutsch-türkische Abitur kommt, und viele türkische Firmen bilden aus. Doch noch immer werden Klischees von Kopftuch und Ehrenmord bedient.
Von Mechthild Küpper, Berlin„Wenn Du Deine Zukunft in einer weltoffenen Branche gestalten oder eine Basis für Dein Studium schaffen möchtest und die türkische sowie die deutsche Sprache sehr gut beherrscht, kannst Du Dich unter ... bewerben“. So spricht der private deutsch-türkische Radiosender Metropol FM auf seiner Homepage potentielle Praktikanten an. Bei Metropol FM geht es munter deutsch-türkisch zu. Wer die Kurzbiografien der Moderatoren liest, lernt andere Lebensläufe kennen als die der jugendlichen Delinquenten, die im hessischen Wahlkampf so inbrünstig beschrieben wurden.
Als kürzlich das Verwaltungsgericht das Diesterweg-Gymnasium in Wedding verpflichtete, einem muslimischen Schüler die Gelegenheit zum Gebet in der Schule einzuräumen, verstand der Berliner Integrationsbeauftragte Günter Piening Gymnasium, nicht Islam. Der Anteil türkischstämmiger Jugendlicher in den Gymnasien und Hochschulen steige, in der Kreuzberger Carl-von-Ossietzky-Oberschule werde im Sommer das erste Abitur abgelegt, das in Deutschland und der Türkei anerkannt wird. Gute Nachrichten aus der türkischen Gemeinschaft kommen Pienings Ansicht nach zu kurz.
Klischees, die nicht mehr bedient werden
Dieser Tage erscheint die Neuausgabe einer Broschüre über die Türken in Berlin: „Berlin deutsch-türkisch“. In der Publikationsreihe seines Hauses seien inzwischen 40 Minderheiten vorgestellt worden, sagt Piening: „Das läuft allmählich aus“. Die Vielschichtigkeit der „Einwanderungswirklichkeit“ sei kaum noch darstellbar. Die letzte Auflage vom „türkischen Berlin“ stammt von 1998. Martin Greve hat sie mitverfasst. Über die Türken in Berlin sei „eine unglaubliche Erfolgsgeschichte“ zu berichten.
Ihre Integration sei in den vergangenen zehn Jahren derartig weit vorangeschritten, dass die Fotografen und er sich oft einen Korb geholt hätten, berichtet er. Erfolgreiche Menschen verspürten keinerlei Neigung, in die Nähe der immer noch virulenten Türken-Klischees zu geraten: Immer nur als gewalttätiger Bruder in Ehrenmord-Dramen besetzt zu werden, sei für Schauspieler unattraktiv, und Bankiers empfänden sich als „international“, nicht als „Türken in Deutschland“.
Migration verpflichtet
Der Mittelstand unter den 120.000 Berliner Türken mag sich laut Piening nicht „auf türkische Diskurse reduzieren lassen“. Die Erfolgreichen sind daher in der öffentlichen Wahrnehmung der türkischen Gemeinschaft nicht angemessen vertreten. Dabei gibt es durchaus gute Nachrichten: Zwischen 2000 und 2006 sank die Zahl der nichtdeutschen Schulabbrecher um 4,5 Punkte auf 15,3 Prozent. Die Zahl der ausländischen Abiturienten aber stieg um 5,8 Punkte – auf 17,8 Prozent.
Ulrich Raiser, Migrationsforscher an der Humboldt-Universität, hat für sein Buch „Erfolgreiche Migranten im deutschen Bildungssystem – es gibt sie doch“ Lebensläufe von „Bildungsaufsteigern türkischer und griechischer Herkunft“ untersucht. Trotz aller Sprach- und Integrationsschwierigkeiten erwiesen sich viele im deutschen Schulsystem als erfolgreich. In ihren Familien werde die Migrationsgeschichte der Eltern als Verheißung besserer Lebensumstände, ja geradezu als „Verpflichtung zum Erfolg“ verstanden.
Um die Griechen fürchtet niemand
Raiser amüsiert sich darüber, dass die Griechen erfolgreich praktizieren, worüber sich nach Erdogans Kölner Rede viele aufregten: Viele Kinder besuchten nachmittags griechische Schulen, deren Lehrplan vom griechischen Kultusministerium bestimmt wurde, doch niemand kritisiere die „Parallelgesellschaft“ und fürchte um die Integration der Griechen.
Das Büro des „Beauftragten des Senats von Berlin für Integration und Migration“ ist mit rund dreißig Mitarbeitern das größte in Deutschland. Seine populäre Vorgängerin Barbara John war 1981 eine der ersten Ausländerbeauftragten und die dienstälteste in Deutschland, bevor sie 2003 pensioniert wurde. Das für Pienings Büro zuständige Regierungsmitglied führt die Integration inzwischen im Titel: Heidi Knake-Werner ist Senatorin für Integration, Arbeit und Soziales.
Der normale Berliner Türke als Vorbild
Seit Berlin Hauptstadt ist, seien die Bilder noch klischeehafter geworden, findet Piening: Beim Thema Integration sieht man Kopftuchträgerinnen einen Schritt hinter ihren bärtigen Männern unter der Kreuzberger Hochbahn herhuschen. Doch die Oberärztin an der Charité, Meryam Schouler-Ocak, oder die Theatermacherin Shermin Langhoff seien dem Publikum nicht geläufig. Viel stärker müssten „normale Berliner Türken als Rollenvorbilder“ gezeigt werden. Die Kampagne „Berlin braucht dich“ etwa, mit der Migrantenkinder für den öffentlichen Dienst geworben werden, setzt darauf, gelungene Integration zu zeigen.
„Die Berliner Türken haben die sozial schwierigen Jahre gut gemeistert. Sie gehören zu den Leistungsträgern des modernen Berlin“, sagt Piening. Nach dem Mauerfall seien genau die industriellen Arbeitsplätze zu Zehntausenden verschwunden, für die sie angeworben worden seien. 2005 habe die Arbeitslosigkeit unter Türken bei 42 Prozent gelegen, seither sinke die Quote.
2006 habe das Nettoeinkommen eines deutschen Berliners durchschnittlich 975 Euro betragen, das eines türkischen nur 525 Euro, ohne dass das Elend dahinter sichtbar geworden wäre. Pienings Ansicht nach sind nicht die Probleme der Einwanderer erstaunlich, sondern es sei „erklärungsbedürftig“, wie ruhig es in den Jahren blieb, als die Türken zu Verlierern der Einheit wurden.
„Unglaublicher Integrationsprozess“
Die Arbeit an der Neuauflage der Broschüre über die Berliner Türken hatte Martin Greve sich leichter vorgestellt. Doch stellte er bald fest: „Das Gesamtbild stimmt nicht mehr“. In den vergangenen zehn Jahren habe die Türkei sich radikal verändert. Und die Berliner Türken hätten einen „unglaublichen Integrationsprozess“ durchgemacht, der nicht wahrgenommen werde. 2009 wird die Städtepartnerschaft Berlin-Istanbul 20 Jahre alt: „Da gibt’s ein Fest!“, sagt Greve.
Die „türkische Gemeinde zu Berlin“ gehört wie der „Türkische Bund“ zu den eingeführten Interessenvertretungen der Berliner Türken. Ihr Büro liegt im „Neuen Kreuzberger Zentrum“, der verwitterten Betonburg am Kottbusser Tor. Das obligatorische Atatürk-Porträt hängt an der Wand, Tee wird ausgeschenkt, Beratung in türkischer Sprache angeboten. Die neue Führung der Gemeinde ist um Modernisierung und Öffnung bemüht: Bekir Yilmaz ist Unternehmer. Seine Gebäudereinigungsfirma beschäftigt hundert Mitarbeiter, Ahmet Yumusak ist Unternehmensberater. Sie wollen türkische Unternehmer ermutigen, mehr auszubilden. Gegenwärtig bilden 13 Prozent der türkischen Firmeninhaber aus. Sie wollen türkische Eltern stärker für ein Engagement an Schulen heranziehen.
Raus aus der Subgesellschaft
Heute müsse man den hiesigen Türken behilflich sein, ihre „Zukunft hier zu gestalten“. Die Gemeinde müsse „das ganze Bild der Türken in Berlin“ vertreten lernen. 51 Vereine, also einige Zehntausend Personen, seien in der „Türkischen Gemeinde“ organisiert. Sie habe „ihre Hausaufgaben nicht gemacht“, sich viel zu stark auf interne Aktivitäten geworfen, statt darauf zu achten, auch nach außen „Freunde zu gewinnen“. Kürzlich hat der deutsche Staatsbürger, Unternehmer und Vereinspräsident Yilmaz eine Überraschung erlebt. Sein Sohn muss sich demnächst für eine Staatsbürgerschaft entscheiden – er wird die
Vor über zehn Jahren stand das Kürzel „DTU“ – Deutsch-Türkische-Union – für den Versuch, Türken ohne formelle Parteimitgliedschaft an die CDU heranzuführen, der sie näher stehen, als die links-kemalistische Prägung der meisten türkischstämmigen Politiker vermuten lässt. Der Versuch einer „vorpolitischen“ Organisation wurde aufgegeben, die „DTU“ existiert nicht mehr.
Doch 2006 trat der CDU-Spitzenkandidat Pflüger mit dem Rechtsanwalt Nezih Ülkekul als Ratgeber in Integrationsfragen im Wahlkampfteam an. „TDU“ ist seit 1996 das Kürzel der „Türkisch-Deutschen Unternehmervereinigung“. 6600 türkischstämmige Unternehmer geben 28.000 Menschen in Berlin Arbeit. Die TDU sitzt am Kürfürstendamm, weit weg von Neukölln.
Zusammenhalt, statt Abschottung
„Interkulturelle Öffnung“ heißt der Fachterminus für das, was im Begegnungszentrum der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in einem ehemaligen Schwesternheim in der Kreuzberger Adalbertstraße praktiziert wird. Der Amerikaner Benjamin Eberle leitet es seit 14 Jahren. Er beobachtet, wie sich allmählich die Überzeugung durchsetzt, dass es nicht schlecht sei, wenn die Einwanderer blieben. Das Konzept, Ausländer für ihre Spezialprobleme in ihren Sprachen zu beraten, hat sich in seinen Augen überlebt. Im schönen Backsteinhaus der AWO gibt es „normale soziale Dienstleistungen“.
„Bürgergesellschaft“ sei schließlich nicht nur für die Deutschen und nicht nur für die Mittelschicht da. „Integration sieht man nicht“, sagt Eberle, sichtbar werde nur das Scheitern. Auch Eberle weist auf die immense Leistung der Berliner Türken hin, mit einer Arbeitslosenquote von mehr als 40 Prozent „funktioniert“ zu haben: „Zusammenhalt ist eben nicht nur Abschottung“.