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Schäuble und Giordano über Integration : „Mir macht Angst, dass Sie so viel Verständnis haben“

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Der eine warnt vor Panikmache, der andere vor Unbedarftheit: Schäuble streitet mit Giordano Bild: Andreas Pein

Wie umgehen mit dem Islam in Deutschland? Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble warnt vor Panikmache, der Publizist Ralph Giordano fürchtet: Die Demokratie ist bedroht. Der eine sieht die Mehrzahl der Zuwanderer gut integriert, der andere eine schleichende Islamisierung. Ein Streitgespräch über Imame und die Islamkonferenz, Moscheenbau und Milli Görüs.

          Wie umgehen mit dem Islam in Deutschland? Innenminister Schäuble warnt vor Panikmache, der Publizist Ralph Giordano fürchtet: Die Demokratie ist bedroht. Ein Streitgespräch.

          Giordano: Herr Schäuble, ein akutes Problem ist von den Politikern parteiübergreifend verdrängt worden - das einer schleichenden Islamisierung Deutschlands. Als ich 2007 Kölns Oberbürgermeister Fritz Schramma aufforderte, den Bau der Großmoschee in Ehrenfeld zu stoppen, weil das ein Machtanspruch ist, ein verräterischer Schritt von Leuten, die nichts Gutes im Schilde führen - da habe ich Hunderte Briefe bekommen von Leuten, die so denken wie ich, aber nicht in die rechte Ecke gestellt werden wollen. Wer heute den Moscheebau oder gar den Islam kritisiert, kriegt von links die Rassismuskeule zu schmecken; von rechts gibt es Vereinnahmungsversuche. Die Integrationspolitik ist geprägt von der Furcht, der Ausländerfeindlichkeit bezichtigt zu werden, eine Folge des Schulddrucks aus der Nazi-Zeit, der von interessierter Seite instrumentalisiert wird. Die Ausländer konnten nur deshalb zu uns kommen, weil niemand gewagt hat, eine millionenfache Zuwanderung nach den Interessen des Aufnahmelandes zu regulieren.

          „Die überwiegende Zahl der Zuwanderer ist gut integriert“

          Schäuble: Ich bin nicht Ihrer Meinung. Die Politik verharmlost die Probleme nicht. Es gibt zwar eine nachwirkende Belastung deutscher Debatten durch unsere Vergangenheit. Mit dem Moscheebau und dem Islam hat dieser Schuldkomplex aber nichts zu tun. Die Ursachen für die Zuwanderung sind andere: Die Anwerbung von Gastarbeitern aus dem ländlichen Raum der Türkei war eine ausgesprochen egoistische, auf ökonomischen Notwendigkeiten basierende Entscheidung der Bundesrepublik. Dabei hat man sich nicht viel gedacht, auch die Zuwanderer nicht, besonders haben sie kaum überlegt, ob sie auf Dauer bleiben wollen. Nun sind sie hier, und die Integrationsdefizite sind mit der Zeit nicht kleiner, sondern größer geworden. Allerdings muss man auch sagen, dass die überwiegende Zahl der Zuwanderer gut integriert ist.

          „Das sind leere Worte” - Ralph Giordano im Gespräch mit Wolfgang Schäuble

          Giordano: Wie viele denn?

          Schäuble: Wir haben mehr als 50.000 türkische Unternehmen, also einen erfolgreichen türkischstämmigen Mittelstand. Aber es stimmt: Es gibt eine Minderheit, die sich schlecht oder gar nicht integriert hat, das hat man lange nicht gesehen. In Gengenbach, der Kleinstadt, in der ich lebe, wohnen türkische Mitbürger, die gut integriert sind. Der Wunsch, eine Moschee zu haben, hat übrigens erst allmählich zugenommen.

          „Anders als Sie muss ich nicht diplomatisch sein“

          Giordano: Das Thema hat eine neue Qualität bekommen durch den entlarvenden Auftritt des türkischen Ministerpräsidenten Erdogan. Seine Botschaft lautet: Lernt Deutsch, aber bleibt Türken. Und: Bildet einen Staat im Staate, aber nennt es nicht so! Wer will denn Gläubigen würdige Gebetsstätten verwehren? Aber zwischen Hinterhofmoschee und Großmoschee gäbe es doch Abstufungen. Denn nicht die Moschee, der Islam ist das Problem! Da stößt eine archaisch-patriarchalisch strukturierte Kultur auf die liberalste Gesellschaft der Welt, die Bundesrepublik Deutschland, und das mit dem Koran, der den Gläubigen erlaubt, sich in der Auseinandersetzung mit Ungläubigen zu verstellen. Der politische Islam ist ein gefährlicher Gegner. Anders als Sie, lieber Herr Schäuble, muss ich nicht diplomatisch sein. Ich sage: Erdogan ist ein Wolf im Schafspelz.

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