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Sarrazins Biologismus Phantasma „Juden-Gen“

30.08.2010 ·  Dieselben Genvarianten sind keinesfalls exklusiv, sondern allenfalls gehäuft bei einzelnen Ethnien zu finden. Für ein spezielles „Juden-Gen“ trifft dasselbe zu wie auf ein „Intelligenz-Gen“: Es ist die Prosa biologistischer Fälscher.

Von Joachim Müller-Jung
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„Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen“, sagte Sarrazin. Kein Zufall. Allein in den vergangenen Wochen sind drei wegweisende Studien in „Nature“, dem „American Journal of Human Genetics“ und den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalakademie über die genetischen Wurzeln und Merkmale des jüdischen Volkes veröffentlicht worden, die Sarrazin offenbar zur Kenntnis bekommen hat. Verstanden hat er sie nicht. Jedenfalls behauptet er jetzt in einer „Erklärung“, sich in seinen Äußerungen „nicht hinreichend präzise ausgedrückt“ zu haben (siehe Kasten unten).

„Die genetische Ähnlichkeit von Juden ist belegt“, hatte die New York Times nach Erscheinen der Studien getitelt. Zwischen beiden Aussagen - genetisch enge Verwandtschaft auf der einen Seite und ein Gen für alle Juden auf der anderen - liegt nicht weniger als die Kluft zwischen Wahrheit und Dichtung. Die Wahrheit zuerst: Die Populationsgenetik sucht - und findet - seit Jahrzehnten, und erst recht nach der Genom-Revolution um die Jahrtausendwende in den religiös oder kulturell bedingt isolierten Bevölkerungsgruppen häufig vorkommende Genvarianten.

Dichtung

Das trifft auf die Isländer genauso zu wie auf Subpopulationen in Finnland, Estland, auf Sardinien oder auf Pingelap im Westpazifik. Die amerikanischen, aus Osteuropa stammenden aschkenasischen Juden forcieren selbst seit langem die Erforschung ihrer - wie man nun zeigen kann - gemeinsamen genetischen Wurzeln in der Levante.

Der Befund, dass bei Juden viel häufiger als üblich gewisse Erbkrankheiten wie Morbus Gaucher oder Tay-Sachs auftreten, ist ein Ergebnis dieser starken genetischen Ähnlichkeit. Viele Gentests sind daraufhin entwickelt worden.

Ebenso wie mittlerweile Herzmittel verkauft werden, die wegen der Häufung bestimmter Genvarianten bei Afro-Amerikanern als „maßgeschneidert“ für diese Menschen gelten, wohl wissend, dass dieselben Genvarianten keinesfalls exklusiv bei einzelnen Ethnien, sondern allenfalls gehäuft - jedoch nicht ausschließlich - zu finden sind.

Für ein spezielles „Juden-Gen“ trifft dasselbe zu wie auf ein „Intelligenz-Gen“: Es ist die Prosa biologistischer Fälscher. Eben Dichtung.

Thilo Sarrazins Erklärung im Wortlaut

Eine Interview-Äußerung von mir vom 29. August 2010 hat für Irritationen und Missverständnisse gesorgt, die ich bedauere. Als ich sagte, dass „alle Juden ein bestimmtes Gen teilen“, habe ich mich nicht hinreichend präzise ausgedrückt.

Ich bezog mich mit meiner Äußerung - wegen der Interviewsituation leider verkürzt - auf neuere Forschungen aus den USA. Ich bin kein Genetiker. Aber ich habe zur Kenntnis genommen: Aktuelle Studien legen nahe, dass es in höherem Maße gemeinsame genetische Wurzeln heute lebender Juden gibt, als man bisher für möglich hielt.

Damit ist keinerlei Werturteil verbunden, damit ist auch nichts über eine wie auch immer zu verstehende „jüdische Identität“ ausgesagt. Die Frage, was aus möglichen genetischen Übereinstimmungen von Bevölkerungsgruppen zu schließen ist, ist vollkommen offen. Entscheidend für politische und wirtschaftliche Sachverhalte, die im Zentrum meines Buches stehen, sind kulturelle Faktoren.

Über diese Forschungsergebnisse hatte ich im Berliner „Tagesspiegel“ gelesen, davor hatte die New York Times darüber berichtet - und viele andere Medien auch. Die beiden von einander unabhängigen Studien wurden in den renommierten Fachzeitschriften „Nature“ und „American Journal of Human Genetics“ im Juni 2010 veröffentlicht.

Wenn neue genetische Forschungen zeigen, dass viele heutige Juden zahlreiche Gene von einer ursprünglichen jüdischen Bevölkerungsgruppe, die vor etwa 3000 Jahren im Nahen Osten lebte, gemeinsam haben, ist das zunächst einmal interessant. Politisch ist diese These neutral. Um eine rassistische Äußerung handelt es sich nicht.

Thilo Sarrazin

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