Home
http://www.faz.net/-gsg-cvj
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Kritik der Islamkritik Ihr habt mit Hass gekocht

Religionskritik ist eine Triebfeder der Zivilgesellschaft. Die Kritiker des Islam dürfen nicht zum Schweigen gebracht werden. Sie verteidigen universale Werte. Diese Werte gelten auch für Muslime. Die Publizistin Necla Kelek antwortet ihren Kritikern.

© ddp Vergrößern Zwischen traditiertem Weltbild und westlicher Moderne: Muslime im Gebetsraum der neuen Moschee in Duisburg Marxloh

Der französische Aufklärer Voltaire schrieb 1740 ein Stück mit dem Titel „Der Fanatismus oder Mohammed der Prophet“. Dort charakterisierte er den Propheten des Islam als skrupellosen Machtmenschen und bekam prompt Ärger mit seinem König, der darin zu Recht eine generelle Religionskritik vermutete. Wenn Claudius Seidl in der Sonntagsausgabe dieser Zeitung (siehe Kritiker des Islam: Unsere heiligen Krieger) meint, ein Voltaire-Zitat paraphrasieren zu können, um das muslimische Kopftuch zu verteidigen, schießt er ein intellektuelles Eigentor. Er verkleinert den Voltaireschen Freiheitsbegriff auf einen Gag. Aber so witzig wie Voltaire (und Henryk Broder) ist er dann doch nicht. Thomas Steinfeld höhnt in der „Süddeutschen Zeitung“, Broder und ich würden mit denselben Mitteln für die Aufklärung streiten wie Islamisten für die Scharia, und nennt uns „Hassprediger“.

Aber ich mag – um dasselbe Voltaire-Zitat zu bemühen – verdammen, was die Journalisten Claudius Seidl, Thomas Steinfeld und andere über mich schreiben, doch würde ich mein Leben dafür einsetzen, dass sie es weiterhin tun dürfen. Ich akzeptiere Kritik an meiner Arbeit, das gehört zum Diskurs und zu jener Freiheit, die ich in den Augen meiner Kritiker zu maßlos und selbstgerecht verteidige.

Mehr zum Thema

Aber ich bestehe darauf, dass wir, reflektiert und auf den Inhalt konzentriert, über den Islam streiten, jenseits persönlicher Angriffe. Wir brauchen eine Debatte über das, was unsere Gesellschaft im Innersten zusammenhält: einen Diskurs über die Freiheit des Wortes und seine Grenzen und darüber, ob in diesem Land die Menschenrechte tatsächlich für alle gelten, auch für alle Muslime; welche Rolle die Religion in unserem Leben spielen sollte und warum unter Verdacht gerät, wer unsere Freiheitswerte verteidigt. Vielleicht spiegeln meine Kritiker ja nur ihre eigene Verunsicherung in Sachen „westliche Werte“ – die Steinfeld immer in Anführungszeichen setzt – und kompensieren dies mit verbalen Hieben. Dabei wird deutlich, wie fremd ihnen die Kultur des Islam ist. Und irgendwie versuchen sie den Eindruck zu erwecken, es handele sich ums Feuilleton und nicht um eine politische Auseinandersetzung.

Alle Parteien versuchen seit dem Wahlkampf im letzten Jahr, das ihnen unangenehme Thema Islam und Integration der Muslime aus der öffentlichen Debatte herauszuhalten. Unangenehm, weil kein Fortschritt in Sicht ist. Der Dialog mit den Islamverbänden ist gescheitert, weil sie unfähig zum inhaltlichen Diskurs sind. Die Islamkonferenz – so hört man – soll umstrukturiert werden, um die Erfolgserwartungen zu dämpfen. Allen Verantwortlichen ist nach drei Jahren quälender Debatte klar, mit dem organisierten Islam wird keine Integration gelingen, man wird die Verbände allenfalls befrieden. Darum macht man die Sache klein. Da erscheint es als eine göttliche Fügung, wenn aus selbstberufenem Mund religionskritische Positionen grundsätzlich in Frage gestellt werden. Das Thema Islam soll so wie die Schweinegrippe erster Klasse beerdigt werden. Die konservativen Islamverbände wird es freuen, verkünden sie doch immer, dass ihre Religion frei von Fehlern ist.

Die Aufklärung ist keine „Siegerreligion“

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Islam und Gewalt Die Linke im Muff von tausend Jahren

Man konnte aus Algerien berichten, was man wollte, die kleine linke Dynastie im Frankfurter Nordend wollte von einem verknöcherten Islam nichts wissen. Sie sagte: Wer den Islam angreift, greift die Muslime an. Ein Weggefährte berichtet. Mehr Von Samuel Schirmbeck

19.01.2015, 12:03 Uhr | Politik
Muslime in Deutschland Nicht ohne meinen Schleier

Die Debatte über Islamisierung im Alltag reißt nicht ab. Welche Motive junge Muslime bewegt, etwa einen Schleier zu tragen, bleibt dabei oft im Dunkeln. FAZ.NET hat die deutsche Muslimin Attia Nuur Ahmad-Hübsch auf dem Weg in die Moschee der Ahmadiyya-Gemeinde in Frankfurt begleitet. Mehr

25.11.2014, 13:05 Uhr | Politik
Islam und Terror Die Muslime müssen selbst Lösungen finden

Die friedliche Mehrheit der Muslime muss die Deutungshoheit über ihre Religion zurückerlangen. Wir dürfen uns nicht länger hinter der Phrase verstecken, Gewalt und Terror hätten nichts mit dem Islam zu tun. Ein Gastbeitrag. Mehr Von Serap Güler

22.01.2015, 09:20 Uhr | Politik
Bürgermeister von Steinfeld Staatsempfang in Ägypten

Marc Steinbrecher war Autogrammjäger und hat es mit diesem Hobby geschafft, persönlich von Husni Mubarak eingeladen zu werden. Mehr Von Marcus Kaufhold

26.01.2015, 19:11 Uhr | Gesellschaft
TV-Kritik:Anne Will Auch der Islamismus gehört zu Deutschland

Auch bei Anne Will stritten die Gäste um die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehört. Aber ist es überhaupt eine sinnvolle Frage? Ein Islamwissenschaftler und ein Anwalt hatten zumindest interessante Antworten. Mehr Von Harald Staun

29.01.2015, 04:39 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 22.01.2010, 10:07 Uhr

Auschwitz

Von Maxim Biller

Als populärster Holocaust-Überlebender Deutschlands hat man es nicht leicht. Markus Lanz drückt einem den Arm und freut sich über jüdischen Humor. Und dann lädt auch noch Pegida ein. Mehr 1 2