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Islamwissenschaften Der Idomeneo-Reflex

26.11.2008 ·  Fast neunzig Prozent der deutschen Muslime sind nicht organisiert. Trotzdem gewinnen gerade extreme Islamvereine an Macht. An der Uni Münster trifft diese Politik vor allem die islamischen Studenten, wie der Streit um die Lehrbefugnis des einzigen deutschen Islamtheologen Muhammed Sven Kalisch zeigt.

Von Regina Mönch
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Die Frage, was künftige Theologen, Lehrer, Soziologen oder Politologen in Münster lernen, wenn sie auch am Centrum für Religiöse Studien (CRS) der Universität Islamseminare besuchen und vor allem Vorlesungen bei Muhammad Sven Kalisch hören, wäre leicht zu beantworten. Man muss sich nur das Vorlesungsverzeichnis anschauen und die „fächerspezifischen Vorgaben Islamunterricht“, was offenbar selten geschieht, obwohl sie im Internet leicht zu finden sind. Doch in diesem Konflikt werden Urteile ohne Prüfung der Fakten und Argumente gefällt - und wenn sie gefällt sind, wird nur noch reagiert, als hätten Islamverbände den Rang einer Großkirche.

In den letzten Monaten sind auf diese Weise skandalöse Forderungen verbreitet worden genauso wie Falschmeldungen, wonach man etwa dem einzigen deutschen Islamtheologen die Lehrbefugnis entzogen habe und sich Studenten weigerten, bei ihm Koranvorlesungen zu hören, weil man da entweder fast nichts oder das Falsche lernt.

Ohne den Professor geht es nicht

Doch die meisten der tatsächlich an diesem Centrum Studierenden - einige Empörer, die sich im Radio oder in Zeitungen dazu äußerten, gehören nicht dazu - möchten ihr Studium gern so beenden, wie sie es vorhatten: mit dem Prüfungsnachweis für Islamische Theologie, arabische Literatur und Sprache, für Religionspädagogik und -didaktik oder zum islamischen Recht von den Anfängen bis zur Gegenwart, zum Frühislam aus philologischer, literaturwissenschaftlicher, historisch-kritischer und theologischer Perspektive und für die traditionellen islamischen Wissenschaften.

Ohne ihren Professor wird das nicht gehen. Die Studenten hoffen zudem, weil es so üblich ist, auch mit inner- und außerislamischen Diskussionen über die Authentizität der überlieferten Texte vertraut gemacht zu werden. Würde man ihnen das verweigern, weil Islamfunktionäre, mit denen sie nichts zu tun hatten und nichts zu tun haben wollen, das verlangen, kämen sie sich wie Studenten zweiter Klasse vor, sagen viele.

Die selbsternannten Glaubensrichter

Trotzdem ist einigen recht unbehaglich zumute, seit die für sie kaum nachvollziehbare Kampagne gegen Professor Muhammad Sven Kalisch fortdauert. Nicht alle Studenten sind Muslime, die künftigen Theologen und Religionslehrer natürlich schon, doch war es den meisten bisher kein Thema, ob Außenstehende darüber zu urteilen haben, wie fromm sie ihren Glauben leben, ob man Studentinnen unters Kopftuch zwingen darf, ob sie einen nichtmuslimischen Mann heiraten dürfen, ja ob sie überhaupt Muslime sind, wenn sie am CRS studieren.

Sie hielten sich zudem für unpolitisch, jedenfalls die Theologie- und Lehramtsstudenten, und sind es nun nicht mehr, denn dieser Streit ist kein akademischer, sondern ein politischer. Sie haben Beschimpfungen und sehr viel Druck, auch Drohungen ausgehalten und wissen jetzt, was zu verteidigen ist: die Freiheit, ihren Glauben so zu leben wie bisher, ohne Sittenwächter und selbsternannte Glaubensrichter, und die Freiheit, ihr Studium zu absolvieren, wie es die Universität eingerichtet hat.

Vor allem muslimische Studentinnen sind aufgewacht. Der Streit geht bis in die Familien, die fürchten, ausgerechnet an einer staatlichen Universität könnten ihre Kinder dem Gehabe jener Verbände ausgeliefert werden, deren thesenfreie, moralinsaure Politik sie immer schon ablehnten.

Gescheiterte Besetzungsversuche

Irgendwann in den nächsten Wochen, vielleicht aber auch erst im nächsten Jahr soll an das Centrum für Religiöse Studien ein islamischer Religionspädagoge berufen werden. Er oder sie wird dann die Ausbildung künftiger Lehrer für einen ebenfalls noch nicht existierenden, aber dringend benötigten islamischen Religionsunterricht mitbestreiten: mit dem Theologen Kalisch, denn ohne vergleichende Religionswissenschaft und historisch-kritische Theologie gäbe man nicht nur die Studenten, sondern vor allem das erreichte Niveau preis.

Doch die Universität verbreitet hasenfüßige Verlautbarungen, die den Anschein erwecken, man könne Religionslehrer werden ohne Kalisch. Das nordrheinwestfälische Wissenschaftsministerium verlangt das sogar und vor allem die im sogenannten Koordinierungsrat der Muslime zusammengeschlossenen Vereine. Doch seit fast zwei Jahren - und nicht erst, seit Islamfunktionäre damit ausprobieren, ihren politischem Einfluss zu vergrößern - versucht die Universität vergeblich, diesen Lehrstuhl zu besetzen. Es scheiterte bisher immer wieder am Mangel an wissenschaftlich geeigneten Bewerbern.

Vorauseilende Servilität

Wenn das Verfahren abgeschlossen ist, autonom in der Universität, so wird versichert, soll dann aber doch über das Wissenschaftsministerium in Düsseldorf das Einverständnis der Islamverbände, die nur eine Minderheit repräsentieren, eingeholt werden. Die gleichen Verbände, die einst Kalisch befürworteten und den Studienplänen zustimmten. Aber vielleicht hatten sie damals weder hingehört noch gelesen. Was also wäre es wert, stimmten sie dem zweiten Professor auch zu? Und vor allem, warum müssen ausgerechnet Verbände befriedet werden, deren Positionen weder intellektuell noch politisch-ideologisch mehrheitsfähig sind?

Die Islamwissenschaften an der Münsteraner Wilhelms-Universität wollen zur Spitzenforschung gehören. Ein Exzellenzcluster „Religion und Politik in den Kulturen der Vormoderne und der Moderne““ ist aufgebaut, eine Juniorprofessur für Islam und Recht wird gerade besetzt; neu hinzugekommen sind Religionssoziologie und Geschichte des Islam, die Islamische Theologie wird ausgebaut, das Institut für Arabistik genießt seit jeher einen guten Ruf. So gesehen müssten alle zufrieden und glücklich sein, denn an keiner anderen deutschen Universität ist in den letzten Jahren so viel und so durchdacht Forschung und Lehre zur dritten großen Religion entwickelt worden.

Wer verteidigt was?

In der Öffentlichkeit aber wird unter dem Stichwort „Islam und Münster“ nur der zum „Fall Kalisch“ zusammenkonstruierte Skandal wahrgenommen. Ideologen aller Coleur, Journalisten und leider auch einige Wissenschaftler behandeln den Streit um Deutschlands einzigen Lehrstuhl für Islamische Theologie wie ein Fanal, das über uns gekommen ist, und Professor Muhammad Sven Kalisch als Gotteslästerer. Eine lebensgefährliche Unterstellung. Was er vor anderthalb Jahren geschrieben hat und erst in diesem Sommer skandaliert worden ist, kennen die wenigsten seiner Kritiker. Gleichwohl wird jede noch so windige Behauptung wiederholt, aber nicht überprüft. Wer verteidigt hier was und wen?

Nur scheinbar ist der entfachte Sturm der Entrüstung abgeflaut, zumal die vielfach wiederholte Behauptung, man habe Kalisch von der Lehre „abgezogen“, falsch ist. Vom Tisch ist diese Forderung nicht, nur hat sich im Landtag in Düsseldorf energischer Widerstand pro Kalisch formiert. Nicht nur Helmut Stahl, Fraktionsvorsitzender der CDU im Landtag, will den Rückzug Kalischs verhindern und sieht den Streit als weit mehr denn nur eine Personalie an. Abgeordnete anderer Parteien unterstützen ihn. „Es gibt innerhalb des Islam durchaus ein Stück mehr Offenheit, als die Verbände demonstrieren, und diese Reformbereitschaft müssen wir schützen“, sagt er im Gespräch. Gelinge das nicht, sei eine aufgeklärte Islamwissenschaft nicht möglich.

Der eingeknickte Minister

Hätte man Kalisch die Lehrbefugnis bereits entzogen, wäre das der eigentliche Skandal. Denn es wäre einfach so passiert, ohne das hierzulande übliche, rechtlich geordnete Verfahren, das gewiss nicht von selbsternannten religionspolitischen Bündnissen wie dem Koordinierungsrat der Muslime diktiert werden darf. Und sehr viele Studenten in Münster, um deren Wohlergehen sich angeblich alle so sorgen, von der Universität bis in die Politik, hätten ihr Studium jetzt abbrechen müssen.

Das Einknicken des nordrheinwestfälischen Wissenschaftsministers Pinkwart und einiger Integrationspolitiker angesichts der unverschämten, weil wissenschaftlich nicht begründbaren Forderungen der Islamfunktionäre nach einem Rückzug Kalischs und Boykott des CRS war töricht. Es erinnert an die vorauseilende Erregung um die Berliner „Idomeneo“-Inszenierung. Damals hatte die Intendantin der Deutschen Oper eine Mozart-Oper abgesetzt, um zu verhindern, dass Muslime sich beleidigt oder, noch schlimmer, derart angegriffen fühlen könnten wie einst nach dem Karikaturen-Streit. Diese Bereitschaft zur kulturellen Selbstaufgabe, damals in Bezug auf die Meinungs- und Kunstfreiheit, in Münster in Bezug auf die Freiheit der Forschung, greift in verfassungsrechtlich garantierte Freiheiten ein. Denn weder müssen Muslime vor bestimmten Operninszenierungen geschützt werden noch islamische Vereine vor den Lehrinhalten eines akademischen Studiums, sondern eine freie, heterogene Gesellschaft vor unerlaubten Einschränkungen und intoleranten Bekenntniszwängen.

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Jahrgang 1953, Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

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