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Islamkritik Im diskursiven Vakuum

30.01.2010 ·  Weil der innerislamische Diskurs fehlt, geraten sie zwischen die Fronten. Dabei kämpfen Necla Kelek und ihre Gesinnungsgenossinnen gegen eine Selbstrelativierung der Demokratie um der Demokratie willen.

Von Sonja Margolina
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In der heroischen Phase der Aufklärung waren engagierte Verfechter von Meinungsfreiheit und Menschenrechten immer schon „Fundamentalisten“. Sie mussten es sogar sein. In der Rhetorik Voltaires, der bereit wäre, das Recht eines Andersdenkenden auf seine Meinung bis in den Tod zu verteidigen, schwang der Hass gegen die Herrschaft mit, die für eine abweichende Ansicht tötete.

Hassprediger, von denen die Religionsgeschichte eine Menge kennt, riefen zum Mord auf, Vernunftprediger waren selbst bereit, Opfer für Redefreiheit und Menschenrechte zu bringen. Das sind zwei große Unterschiede, wie man in Odessa zu sagen pflegte.

Vor dem verblassten Hintergrund der glorreichen Aufklärungsepoche erscheint der Vorwurf des Fundamentalismus an die islamkritischen Menschenrechtlerinnen wie Necla Kelek eher als ein Kompliment.

Doch die Anerkennung schließt die Kritik an ihren Ansichten nicht aus. In der Tat ist in ihrer Diktion etwas Apodiktisches. Das auf „Ausgewogenheit“ und politische Korrektheit geschulte Mainstreamdenken mag darüber irritiert sein. Der Duktus der Islamkritikerinnen erinnert an die Sozialismuskritik der osteuropäischen, vor allem sowjetischen Dissidenten im Kalten Krieg. Das Fundament ihrer Kritik am eigenen System war eine Vorstellung vom Westen als Norm und Endziel der gesellschaftlichen Entwicklung. Es war ein verklärter und ahistorischer Westen, der den Andersdenkenden moralische Kraft verlieh, ihre „hoffnungslose Mission“ ungeachtet der Repressalien fortzuführen.

Der Westen in der Defensive

Damals wurden sie vom Westen auch unterstützt, um die Sowjetunion von innen zu schwächen. Heute glauben die ergrauten Dissidenten, der Westen habe sie ausgenutzt und seine eigenen Werte verraten. Dass der „Verrat“ immer schon dazugehörte, blieb den damaligen Intellektuellen in der geschlossenen Gesellschaft verborgen.

Nach dem Aufkommen des politischen Islamismus und dem Aufstieg von China als Weltmacht geriet der Westen in die Defensive. Auch seine universalistischen Werte, die durch Guantánamo und den Irak-Krieg diskreditiert wurden, werden selbst in Europa immer häufiger nur noch als partikulare westliche Normen wahrgenommen. Diese den anderen Kulturen aufzuzwingen käme einem Kolonialismus gleich, so die Mainstreammeinung. Dass die „anderen Kulturen“ im Nachbarviertel leben, ändert an der defensiven Haltung wenig. Anscheinend findet diese Ansicht auch bei den deutschen Intellektuellen Gehör. Doch wer im lutherischen Sinne nicht mehr zu seinen Werten stehen will, der gibt sie auf. So kommt es, dass es eines Migrationshintergrunds bedurfte, um eine Immunität gegen den Zerfall des universalistischen Wertesystems zu entwickeln.

Gegen eine Selbstrelativierung der Demokratie

Das Problem der türkischen Menschenrechtlerinnen besteht darin, dass sie mit ihrer berechtigten Kritik an der Parallelgesellschaft und an der Feigheit der deutschen Öffentlichkeit zwischen die Fronten geraten. Das Apodiktische, das Polarisierende an der Islam-Kritik mag deren Schwäche sein, doch es hat ihren Ursprung im Fehlen eines innerislamischen Diskurses, einer Diskussion unter den Migranten, säkularen wie religiösen. Das Milieu für die Auseinandersetzung mit dem „totalitären“ Moment im Islam sollten eigentlich der islamische (türkische) Mittelstand und das Bildungsbürgertum sein. Einen (zahlenmäßig allerdings nicht sonderlich großen) türkischen Mittelstand gibt es hierzulande durchaus.

Doch die erfolgreich integrierten Gruppen scheinen sich mit dem eigenen Fortkommen zu beschäftigen. Die „anatolische“ Unterschicht ist nicht ihr Bier. Andererseits ist bereits eine Schicht entstanden, die von der gescheiterten Integration profitiert. Das sind Juristen, Ärzte, Verbandsfunktionäre, die an den isolierten ethnischen Strukturen gut verdienen und Interesse an deren Fortsetzung haben. Nach einer Zivilgesellschaft sieht es nicht aus.

Allerdings müssen eine Handvoll türkischer Aufklärerinnen im diskursiven Vakuum agieren. Dabei sind Kelek und ihre Gesinnungsgenossinnen keine Dissidenten. Denn der Dissident tritt gegen das herrschende System auf. Sie kämpfen indes für die bestehende Gesellschaftsordnung, gegen eine Selbstrelativierung der Demokratie um der Demokratie willen. Sie sehen diese durch die Mischung vom Patriarchat der Migrantenmilieus und einem religiösen Autoritarismus bedroht. Dass deutsche Meinungsführer ihnen mit scheinliberalen Argumenten in den Rücken fallen, ist deren Armutszeugnis.

Von der Publizistin Sonja Margolina, 1951 in Moskau geboren, erschien zuletzt das Buch „Wodka: Trinken und Macht in Russland“, WJS-Verlag, Berlin 2004.

Quelle: F.A.Z.
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