Thilo Sarrazin ist wieder da. Diesmal als gefühlter BBC-Reporter, der über den „wahren Frontverlauf“ der „Integrationsfront“ berichtet und für sich und Necla Kelek in Anspruch nimmt, von dem Migrationsforscher Klaus Bade und dessen Kollegen der „Integrationskraftzersetzung“ angeklagt zu werden. „Wollen sich, um im Bilde zu bleiben, Klaus Bade und Kollegen wirklich in die Rolle des ,Reichsfunks‘ begeben, der in kühnen Bildern Probleme kleinredete und die baldige Wende des Kriegsglücks beschwor?“ So fragte Sarrazin am 7. Juli an dieser Stelle. Warum greift der inzwischen schiedsgerichtlich bestätigte Sozialdemokrat Sarrazin stets auf Sprachbilder aus der Zeit des Dritten Reiches zurück, um für seine Thesen zu werben? Integrationspolitik ist kein Krieg mit Frontverläufen, sondern ist eine gesellschaftliche Notwendigkeit nach fünfzig Jahren „defensiver Erkenntnisverweigerung“ (Bade).
Dass es Probleme bei der Integration gibt, ist keine neue Erkenntnis, die eines Buchautors Thilo Sarrazin im Herbst 2010 bedurft hätte. Die Kirchen und auch die Gewerkschaften haben sich seit dreißig Jahren um Integration von Zuwanderern gekümmert. Der erste Ausländerbeauftragte einer Bundesregierung, Heinz Kühn, hat bereits 1979 in einem eindringlichen Memorandum die Bekämpfung von Integrationsdefiziten angemahnt. Die Politik aber hat über Jahrzehnte das Thema verdrängt. Während die Union lange bestritt, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist, verkannte die politische Linke, dass man auch Anforderungen stellen muss, damit Integration gelingt.
Kritische Themen standen auch vor Sarrazin auf der Tagesordnung
Gerade weil es darum ging, Ursachen und Lösungsmöglichkeiten klar und offensiv anzusprechen, wurde 2005 das erste deutsche Integrationsministerium in Nordrhein-Westfalen gegründet. Wir wollten, um in der Kriegssprache Sarrazins zu bleiben, „die Schützengräben verlassen“ und gemeinsam an Lösungen arbeiten. Bundeskanzlerin Merkel lud 2006 zu einem Integrationsgipfel – fünfzig Jahre nach dem ersten Anwerbeabkommen. Es folgte der Nationale Integrationsplan, an dem der Bund, Länder, Kommunen, Medien, Wirtschaft, Gewerkschaften, Kirchen und Sport mitwirkten, vor allem aber Zuwanderer selbst. Auch wenn der Gipfel noch nicht auf die „Erkenntnisse“ Sarrazins zurückgreifen konnte, da dieser sich damals noch als Finanzsenator der rot-roten Regierung in Berlin der Kürzung von Bildungsprogrammen widmete, begannen Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft damit, Integrationsdefizite abzubauen.
Auch kritische Themen wie Zwangsheirat und Ehrenmorde standen auf der Tagesordnung, die türkische Zeitung „Hürriyet“ startete eine Kampagne gegen häusliche Gewalt. Und mit der Deutschen Islamkonferenz begann der damalige Innenminister Schäuble ein Gespräch zwischen Staat und Religion, das die verfassungsrechtlich verbriefte Religionsfreiheit mit Leben füllte. Zugleich wurde der Primat des Grundgesetzes anerkannt. Muslimische Verbände mussten sich dort der Kritik von Necla Kelek, Seyran Ates und anderen in Anwesenheit deutscher Regierungsvertreter stellen.
In Deutschland sagt jeder jeden Tag alles
Doch warum soll Sarrazin dies alles nicht noch einmal sagen? Was ist an Sarrazins Thesen zu kritisieren? Die ersten 250 Seiten seines Buches widmen sich allgemeinen Zeitfragen. Geben die sozialen Sicherungssysteme genügend Anreize zum Arbeiten? Belohnen wir nicht die, die den Sozialstaat ausnutzen? Sind die familienpolitischen Milliardenprogramme richtig ausgerichtet? Wie entwickelt sich Intelligenz in unserer Gesellschaft? Fragestellungen, die wichtig und richtig sind, wenn auch nicht typisch sozialdemokratisch.
Der Streit mit Sarrazin ist kein Disput über Integrationsdefizite, auch wenn er sich jetzt wieder selbst in der Opferrolle sieht, nachdem er in Kreuzberg in Begleitung eines ZDF-Fernsehteams unfreundlich empfangen worden ist. „Das wird man doch noch sagen dürfen“ – der Lieblingsspruch all derer, die undifferenziert und verkürzend argumentieren, wirkt angesichts der breiten Debatten in ungezählten Talkshows, zahlreichen Büchern und Blogs rund um Rütli-Schule, Erdogan-Auftritte und U-Bahn-Täter geradezu abenteuerlich. In Deutschland sagt jeder jeden Tag alles. Auch Sarrazin darf sich da einreihen.
Intelligenz gibt es auch in der Uckermark
Was aber ist Sarrazins methodischer und intellektueller Grundfehler? Was kennzeichnet seine Auseinandersetzung mit Bade? Es sind die „gruppenbezogenen Unterschiede“, mit denen er Defizite zu analysieren versucht – so ausdrücklich wieder in seinem Artikel vom 7. Juli. Sarrazin sieht den Menschen selten als Individuum, sondern erklärt alle Defizite „gruppenbezogen“.
Dabei geht es zuerst gar nicht um Muslime. Die erste These seiner Intelligenzforschung lautet, „dass die in Schwaben lebenden Menschen durchschnittlich einen höheren Intelligenzquotienten haben als jene in der Uckermark“. Die deutsche Bundeskanzlerin aus der Uckermark hat also laut Sarrazin ein gruppenbezogenes Intelligenzproblem.
Als Angehörige einer anderen Gruppe kann sie allerdings punkten, da seine zweite gruppenbezogene Intelligenzanalyse nämlich Katholiken als weniger intelligent einstuft als Protestanten – jedenfalls historisch. Da sich Intelligenz vererbe, würden die schlauesten Protestanten Pfarrer. Und da evangelische Pfarrerskinder in „geräumigen Pfarrhäusern bei guter Ernährung auch überdurchschnittliche Überlebenschancen“ hatten, sei die Intelligenz auf dem Erbweg also trotz Uckermark auch auf die Pfarrerstochter Merkel gekommen. Bei den Katholiken habe das Zölibat „eine Vermehrung dieses Teils der intelligenten Bevölkerung verhindert“. Deshalb seien noch in den sechziger Jahren die deutschen Professoren zum weit überwiegenden Teil evangelisch gewesen.
Respektos gegenüber Gläubigen jeder Religion
Was sagen solche absurden Zahlenspiele, selbst wenn sie stimmten? Sarrazin selbst sagte einem Reporter der „Süddeutschen Zeitung“ zu seinem teils nicht belastbaren Zahlenmaterial: „Wenn man aber keine Zahl hat, muss man eine schöpfen, die in die richtige Richtung weist, und wenn sie keiner widerlegen kann, dann setze ich mich mit meiner Schätzung durch.“ Sarrazin nutzt richtige und falsche Zahlen, um in seine „Richtung“ gruppenbezogen zu argumentieren.
Sarrazins Thesen zur jüdischen Intelligenz sind bekannt. Aber sollen wir 25 Millionen Katholiken uns bei seinen „gruppenbezogenen Verhaltensdefiziten“ sowie seinen „kulturellen Ursachen wie der Religion“ ganz besonders angesprochen fühlen? Die konservativen Anhänger Sarrazins sollten sich fragen, ob sie seine Meinung teilen, dass „die Sicherheit der Tradition und eines klaren Wertekanons“ sich „nicht mit dem Tempo des technologischen Wandels“ vertrage. Und auch seine im negativen Zusammenhang aufgestellte These, dass „die Fremden, die Frommen und die Bildungsfernen in Deutschland überdurchschnittlich fruchtbarer“ seien, ist vielleicht nicht rassistisch, aber respektlos gegenüber Gläubigen jeder Religion.
Ein Hauch des Bismarckschen Kulturkampfs
Wem helfen solche Statistiken? Auch Güner Balci, die kluge Journalistin, auf die Sarrazin sich gerne beruft, wirft ihm vor, dass in seinem Buch Menschen „zu Formeln, Zahlen und Statistiken reduziert, zu Gruppen zusammengeworfen werden, in dem der Einzelne nicht vorkommt“. Sie selbst, die in ihrem Buch „Arabboy“ erschütternd arabische Parallelwelten in Neukölln beschreibt, hat mit eigenen Aktivitäten insbesondere Mädchen zu neuen Chancen verholfen. Das ist ein kritischer Ansatz – im Unterschied zu der aus Statistiken destillierten Prognose, dass sich Deutschland abschafft.
Durch Sarrazins pauschale gruppenbezogene Kritik an den Muslimen weht ein Hauch des Bismarckschen Kulturkampfs gegen die Katholiken. Sie seien einer fremden Macht, dem Papst jenseits der Alpen treuer als dem protestantischen deutschen Kaiserhaus, so lautete die Staatsphilosophie, die 1871 zum „Kanzelparagraphen“ führte und noch Konrad Adenauers Skepsis gegenüber „Berlin“ erklärt. Diese religiöse Klassifizierung des neunzehnten Jahrhunderts überträgt Sarrazin im einundzwanzigsten Jahrhundert auf die Muslime, die einem „fremden religiösen Einfluss unterliegen, den wir nicht überblicken und schon gar nicht steuern können“. Nun bin ich mir nicht sicher, wie sehr Sarrazin den Papst und dessen Einfluss „steuern“ kann. Seine These, dass „jeder Werthaltung letztlich etwas Fundamentalistisches“ anhafte, wird aber weder Kardinal Meisner in Köln noch den Deutschen auf dem Stuhle Petri begeistern.
Die Religion ist nicht verantwortlich für Desintegration
Die Anwerbung von Arbeitern für den Bergbau, die Stahl- und Autoindustrie war geprägt davon, Menschen aufgrund ihrer körperlichen Konstitution auszuwählen. Nicht die kemalistischen Eliten in Istanbul, sondern die Bildungsfernsten, zum Teil Analphabeten in Südostanatolien waren begehrte Zuwanderer, deren Integration in den sechziger Jahren durch Arbeit gelang. Noch 1972 war die Ausländerarbeitslosigkeit mit 0,9 Prozent geringer als die der Deutschen (1,1 Prozent). Spätestens mit dem Anwerbestopp 1973 hätten beim Familiennachzug frühkindliche Bildung, Deutschförderung und der Ausbau von Ganztagsangeboten für Kinder, bei deren Eltern nicht der vierundzwanzigbändige Brockhaus zur Grundausstattung des Wohnzimmers gehört, im Mittelpunkt stehen müssen. Diese jahrzehntelange Fehlentwicklung ist der Grund mangelnder Aufstiegschancen, nicht aber die Religion.
In den Vereinigten Staaten gehören die Muslime zum Mittelstand. Sarrazin beschreibt in seinem Buch die Proteste gegen den „Personal Responsibility and Work Opportunity Act“ von Präsident Clinton 1996. Mit diesem Gesetz wurde die Möglichkeit unterbunden, „durch Kinder an Welfare-Zahlungen“ zu kommen. Sarrazin berichtet, dass Clinton sich als Rassist beschimpfen lassen musste, „denn unter den kinderreichen ,Welfare-Mothers‘ waren Schwarze und auch Hispanics weit überdurchschnittlich vertreten“. Gerade die Schwarzen in den Vereinigten Staaten engagieren sich aber sehr häufig in christlichen Bewegungen, die Hispanics aus Lateinamerika gehören sogar der katholischen Kirche an. Will Sarrazin behaupten, der Katholizismus sei verantwortlich für Desintegration? So absurd diese These gewiss auch nach Ansicht der meisten Islam-Kritiker ist, so selbstverständlich benennen Sarrazin, Kelek und andere aber den Islam als Grund für Desintegration in Deutschland.
Beherrscht man die Straßenverkehrsordnung besser als Atheist?
Die Migranten aus den Herkunftsgebieten Bosnien-Hercegovina, Türkei, Naher und Mittleren Osten sowie Afrika „werden im Folgenden muslimische Migranten genannt“ (Sarrazin, Seite 261). Alle Afrikaner als „muslimisch“ einzuordnen, Aleviten aus der Türkei ohne weiteres dazuzuschlagen und aramäische und irakische Christen zu islamisieren: derlei gruppenbezogene Kategorisierung ist das Gegenteil von Empirie.
Seine Kritik an Bade beendet Sarrazin mit dem Bericht über seine Begegnung mit einem iranischen Taxifahrer, der ja nach Sarrazinscher Definition unabhängig von seinem persönlichen Bekenntnis ein „muslimischer Einwanderer“ ist. Er gibt sich als Oppositioneller zu erkennen und stellt sich als Vermessungstechniker mit Diplom der FU Berlin vor. Sehr viele Iraner in Deutschland, die in Opposition zum Schah und später zum Mullah-Regime standen, kommen aus der Bildungsoberschicht. Sie arbeiten hier oft als Ingenieure oder Ärzte, aber sie sind zumeist Muslime. Liegen die Unterschiede zum Hartz-IV-Empfänger aus Ostanatolien nicht in den Bildungstraditionen der Familien? Beide islamisch, beide „Naher und Mittlerer Osten“ und doch unterschiedliche Aufstiegschancen.
Wird Sarrazin seinem eigenen intellektuellen Anspruch als Autor dieses Feuilletons gerecht, wenn er den iranischen Taxifahrer zitiert, der über seine türkischen Kollegen schimpft, die in der Warteschlange des Flughafens Tegel angeblich „die Gebetsteppiche ausrollen“? Ist man ein besserer oder ein schlechterer Taxifahrer, wenn man nicht betet? Beherrscht man die Straßenverkehrsordnung besser als Atheist? Verdienen nicht beide ihren Lebensunterhalt durch Arbeit? Hat Sarrazin vor beiden den gleichen Respekt, wie er behauptet?
Jeden Einzelnen als Individuum betrachten
Die große Leistung der Nachkriegsgesellschaft war es, Aufstieg durch Bildung individuell zu ermöglichen, gleich welcher Herkunft die Eltern waren. Auf dem Weg zur Aufsteigerrepublik ist es wichtig, jeden Einzelnen im Sinne des liberalen Staates nicht als Angehörigen einer Gruppe, sondern als Individuum zu betrachten. Diese Liberalität schließt den Kampf ein gegen jeden, der das Grundgesetz und dessen Werteordnung ablehnt oder Gewalt auch in der Familie ausübt. Keine Religion kann ihre Werte über die Verfassung stellen. Aber zugleich sollte auch niemand Menschen religiös kollektivieren.
Der Regisseur Fatih Akin, die Landesministerin Aygül Özkan und der Parteivorsitzende Cem Özdemir, die Unternehmer Kemal Sahin und Recep Keskin, die Schriftsteller Navid Kermani und Hatice Akyün, die Rechtsanwältin Seyran Ates, der Sterne-Koch Ali Güngörmüs und auch der Fußballer Mesut Özil tragen viel dazu bei, dass sich Deutschland nicht abschafft. Die vielen Erfolgreichen wenden sich ab, wenn sie in Debatten wie der von Sarrazin angestoßenen immer wieder über ihre Religion definiert werden. Der Glaube an die Aufstiegschancen jedes Einzelnen ist das Gegenmodell zu den Abschaffungsszenarien des Sarrazinschen Denkens.