Als ich vor einem Jahr Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ las, hatte ich die Hoffnung, dass der Sozialdemokrat und Bundesbanker mit seiner mit statistischem Material gestützten Analyse der bundesdeutschen Sozial,- Bildungs- und Integrationspolitik den von allen Parteien, Medien und Lobbyisten im Laufe der Jahre geknüpften gordischen Knoten durchschlagen könnte. Nahm er sich doch Problemen an, die offensichtlich, und reichlich diskutiert worden waren, aber ungelöst blieben. Neu war sein in vielen Teilen alternatives Konzept, das auf Eigenverantwortung der Bürger, auch der Migranten, setzte. Vielleicht, so dachte ich mir, muss man, wie der Neuköllner SPD-Bürgermeister Heinz Buschkowsky anmerkte, „grenzwertig“ formulieren wie Sarrazin, um einen Paradigmenwechsel einzuleiten. Ich vertraute auf die Debatten in diesem Land und darauf, dass letztlich sich alle Sorgen um es machten und nicht wollten, dass eintritt, was der Titel des Buches suggeriert.
Die Kanzlerin hielt das Buch aber schon vorab für nicht hilfreich, der Bundespräsident und die Bundesbank distanzierten sich von dem Spitzenbeamten, die SPD wollte ihren Genossen ausschließen. Der Erfolg des Buches wurde als Menetekel gewertet, dass die schweigende und kaufende Mehrheit wieder mal nichts aus der Geschichte gelernt habe. Dass der Auflagenerfolg des Buches vielleicht ein Zeichen dafür war, dass die Menschen die Probleme sahen und sich von der Politik nicht mehr verstanden fühlten, wurde als Grund verworfen, zerredet. Von der Regierung wurde Hals über Kopf der Integrationsgipfel wieder aufgelegt und faktisch ergebnislos abgewickelt. Das, was ich mir erhofft hatte, fand nicht statt.
Das Gegenteil trat ein. Es wurde nicht weiter über die besten Konzepte der Integration, Bildungspolitik, Grundeinkommen und Bildungschancen gestritten, sondern über die mangelnde Empathie Sarrazins gegenüber Muslimen, vorgeblichen Rassismus, ethnische Diskriminierung und eine Debatte über Genetik, bei der einige froh schienen, diesen vom Autor selbst geschnitzten Knüppel gefunden zu haben, um sich nicht mit den anderen Thesen des Buches beschäftigen zu müssen. Man war entweder für oder gegen Sarrazin.
Die Leser und Befürworter fühlten sich in ihrer düsteren Weltsicht bestätigt, der Umgang mit dem Autor bestätigte sie. Die angesprochenen Politiker verhielten sich, als hätte Sarrazin die Themen kontaminiert, kaum jemand wagte ihm öffentlich zuzustimmen. Thilo Sarrazin wurde zum Störfall der deutschen Integrationspolitik. Wer sich heute in seine Nähe begibt oder seine Thesen aufgreift, gilt als politisch verstrahlt. Das ist für seine Gegner bequem, denn so können Integrationsbeauftragte und Bildungspolitiker weitermachen wie bisher und sich auf der richtigen Seite wähnen.
Alle sind plötzlich das neue Ganze
Die Folge davon ist das faktische Ende der Integrationsdebatte. Der Begriff „Multikulti“ gilt nun als passé, der Ersatzbegriff lautet in Integrationspolitikerkreisen deshalb jetzt „Diversität“. Vielfalt ist schön; eine Diskussion um Werte oder um europäische Leitkultur wird selbst vom FDP-Außenminister mit einem „weg von der Überlegenheitskultur“ bedacht. Alles, der Islam, die Migranten, die soziale Lage ist nach dem neuesten Wissenschaftssprech „ambig“, vielschichtig, nicht zu fassen. Die Betroffenen sind für nichts verantwortlich zu machen, schon gar nicht für ihre Lage. Der Türke wird - so die Neudefinition - nur von den Deutschen zum Türken gemacht. Allein die Frage „Woher kommst du?“ wird in diesen Kreisen bereits als potentiell diskriminierend empfunden. Man ist kein Türke, kein Migrant, kein Muslim, sondern einer von vielen.
Und für die ist Partizipation, Teilhabe angesagt, Integration gehört abgeschafft, denn alle sind plötzlich das neue Ganze. Der Einwanderer selbst fühlt sich postmigrantisch, meinen die intellektuellen Interkulturbeauftragten. Nur haben das die meisten Migranten und vor allem die Muslime noch nicht mitbekommen. Sie verhalten sich weiterhin „realdominant“, verstecken und bewachen weiter ihre Töchter, verteidigen ihre Kieze und Einflusssphären vor „Bio-Deutschen“, wie die Dorfwächter ihr Kaza in Anatolien. „Bio-deutsch“ ist ein Begriff, den der grüne „Bio-Türke“ Cem Özdemir für zutreffend hält und gern gebraucht.
Erfolge bei einem touristischen Publikum
Eine chaotische Lage, die nicht frei von absurdem Theater ist. Da klagen Lehrer jüngst wieder über die Unbeschulbarkeit von Kindern in Neukölln, da wird die ehemalige Rütli-Schule als Vorbild hingestellt, weil es auf dem inzwischen muslimischen Campus nun an Ramadan keinen Mittagstisch mehr gibt. In eben diesem „Kreuzkölln“ wird gleichzeitig ein „postmigrantisches Theater“ gefeiert, weil es gegen Klischees des Türkenbildes anspielt. Nicht ohne andere zu bedienen: Da werde ich in einem Stück als „Preisträgerin“ Bratwurst essend vorgeführt und als Pointe auf der Bühne „eingesargt“. Das ist lustig! Ich werde, so die etwas dürftige Idee, von den Deutschen dafür ausgezeichnet, dass ich Türken Probleme andichte und selbst nicht ganz dicht bin.
Es lebe die Freiheit der Kunst. Aber wie immer gibt es alles zweimal, als Tragödie und als Farce. Und so tritt dieses antikoloniale - war die Türkei denn jemals deutsche Kolonie? - , subventionierte Theater vor einem deutschen (denn die „vielen“ selber gehen nicht so viel ins Theater), vor allem aber touristischen Publikum auf, weil es ja ach so authentisch-kritisch ist, und bekommt dafür einen Theaterpreis - natürlich von den Deutschen, und zwar dafür, dass man den Deutschen vorführt, dass sie eine Frau auszeichnen, die den Türken Probleme andichtet.
Der Bauchnabel als einziger Identifikationspunkt
Diese angebliche Vielfalt der vielen ist nur das Plagiat der heimischen identitätslosen Elite. Auch die deutschen Intellektuellen wollen selbst keine Elite mehr sein, sie wollen auch nicht deutsch oder außer mit sich mit sonst was identisch sein. Und das obwohl sie Stellung, Amt und Privilegien nur deshalb übertragen bekommen haben, weil sie mit diesen Möglichkeiten und ihrer intellektuellen Qualität der Gesellschaft auch eine kulturelle Identität nahebringen sollen. Aber wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren, lautet ein deutsches Sprichwort. Die vielen sind zu bedauern. Sie haben nur noch ihren Bauchnabel als Identifikationspunkt. Man sollte für das Manifest der vielen den geistigen Insolvenzverwalter rufen.
Aber warum soll es in Integrationsdingen besser laufen als bei Energiefragen oder Finanzproblemen? Wer aufgehört hat, sich darüber Gedanken zu machen, was Europa im Kern ausmacht, wer Freiheit nur noch pragmatisch interpretiert, wer Europa nicht mehr als kulturelle Union, sondern nur noch als Zweck- und Interessengemeinschaft für eigene politische und wirtschaftliche Ziele definiert, wer demokratische Prozesse aussetzt, wenn es opportun erscheint - der hat tatsächlich ein Problem zu erklären, warum die Menschen für Deutschland, für Europa und für die Integration im eigenen Land sein sollen.
Da erklärt man besser die Probleme für inexistent und die Mahner zu Panikmachern. Und dann wird der Erfolg der rechten Populisten und die „Renationalisierung“ in den Niederlanden, Dänemark, Österreich etc. beklagt, ohne zu reflektieren, wer dieses Identitätschaos zu verantworten hat und ob es vielleicht eine Reaktion auf die Ignoranz der Politik ist? Ein Jahr nach Sarrazins Buch ist die Verwirrung größer denn je.
@Herr Sanders: Abstrus
Joachim Mense (JMense)
- 31.08.2011, 15:44 Uhr
@Jan Froehlich
Gabi Heintz (Kolma_Puschi)
- 31.08.2011, 14:55 Uhr
treffend!
Stefan Grün (klarsehend)
- 31.08.2011, 14:19 Uhr
You made my Day!
Adam Smith (addamsmith)
- 31.08.2011, 14:06 Uhr
Kelek
Rolf Günther (Pimentos)
- 31.08.2011, 14:00 Uhr