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Integrationsdebatte Die postidentischen Deutschen

Vor einem Jahr kam das Buch von Thilo Sarrazin heraus. Seitdem wird nicht mehr von Integration geredet, sondern nur noch von Teilhabe. Migranten gibt es scheinbar keine mehr.

© Michael Hauri Vergrößern Inzwischen ein Vorbild? Die ehemalige Rütli-Schule - heute Neuköllner Gemeinschaftsschule - in Berlin

Als ich vor einem Jahr Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ las, hatte ich die Hoffnung, dass der Sozialdemokrat und Bundesbanker mit seiner mit statistischem Material gestützten Analyse der bundesdeutschen Sozial,- Bildungs- und Integrationspolitik den von allen Parteien, Medien und Lobbyisten im Laufe der Jahre geknüpften gordischen Knoten durchschlagen könnte. Nahm er sich doch Problemen an, die offensichtlich, und reichlich diskutiert worden waren, aber ungelöst blieben. Neu war sein in vielen Teilen alternatives Konzept, das auf Eigenverantwortung der Bürger, auch der Migranten, setzte. Vielleicht, so dachte ich mir, muss man, wie der Neuköllner SPD-Bürgermeister Heinz Buschkowsky anmerkte, „grenzwertig“ formulieren wie Sarrazin, um einen Paradigmenwechsel einzuleiten. Ich vertraute auf die Debatten in diesem Land und darauf, dass letztlich sich alle Sorgen um es machten und nicht wollten, dass eintritt, was der Titel des Buches suggeriert.

Die Kanzlerin hielt das Buch aber schon vorab für nicht hilfreich, der Bundespräsident und die Bundesbank distanzierten sich von dem Spitzenbeamten, die SPD wollte ihren Genossen ausschließen. Der Erfolg des Buches wurde als Menetekel gewertet, dass die schweigende und kaufende Mehrheit wieder mal nichts aus der Geschichte gelernt habe. Dass der Auflagenerfolg des Buches vielleicht ein Zeichen dafür war, dass die Menschen die Probleme sahen und sich von der Politik nicht mehr verstanden fühlten, wurde als Grund verworfen, zerredet. Von der Regierung wurde Hals über Kopf der Integrationsgipfel wieder aufgelegt und faktisch ergebnislos abgewickelt. Das, was ich mir erhofft hatte, fand nicht statt.

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Das Gegenteil trat ein. Es wurde nicht weiter über die besten Konzepte der Integration, Bildungspolitik, Grundeinkommen und Bildungschancen gestritten, sondern über die mangelnde Empathie Sarrazins gegenüber Muslimen, vorgeblichen Rassismus, ethnische Diskriminierung und eine Debatte über Genetik, bei der einige froh schienen, diesen vom Autor selbst geschnitzten Knüppel gefunden zu haben, um sich nicht mit den anderen Thesen des Buches beschäftigen zu müssen. Man war entweder für oder gegen Sarrazin.

Die Leser und Befürworter fühlten sich in ihrer düsteren Weltsicht bestätigt, der Umgang mit dem Autor bestätigte sie. Die angesprochenen Politiker verhielten sich, als hätte Sarrazin die Themen kontaminiert, kaum jemand wagte ihm öffentlich zuzustimmen. Thilo Sarrazin wurde zum Störfall der deutschen Integrationspolitik. Wer sich heute in seine Nähe begibt oder seine Thesen aufgreift, gilt als politisch verstrahlt. Das ist für seine Gegner bequem, denn so können Integrationsbeauftragte und Bildungspolitiker weitermachen wie bisher und sich auf der richtigen Seite wähnen.

Alle sind plötzlich das neue Ganze

Die Folge davon ist das faktische Ende der Integrationsdebatte. Der Begriff „Multikulti“ gilt nun als passé, der Ersatzbegriff lautet in Integrationspolitikerkreisen deshalb jetzt „Diversität“. Vielfalt ist schön; eine Diskussion um Werte oder um europäische Leitkultur wird selbst vom FDP-Außenminister mit einem „weg von der Überlegenheitskultur“ bedacht. Alles, der Islam, die Migranten, die soziale Lage ist nach dem neuesten Wissenschaftssprech „ambig“, vielschichtig, nicht zu fassen. Die Betroffenen sind für nichts verantwortlich zu machen, schon gar nicht für ihre Lage. Der Türke wird - so die Neudefinition - nur von den Deutschen zum Türken gemacht. Allein die Frage „Woher kommst du?“ wird in diesen Kreisen bereits als potentiell diskriminierend empfunden. Man ist kein Türke, kein Migrant, kein Muslim, sondern einer von vielen.

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