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Integrationsdebatte Die Lücken eines Gutachtens

07.07.2011 ·  Über die Unterschiede in den Integrationserfolgen zwischen Muslimen und anderen Migranten verliert Professor Klaus Bade, Vorsitzender des Sachverständigenrats Migration, keine Worte. Er weiß ja, dass die Fakten stimmen.

Von Thilo Sarrazin
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Necla Kelek hat in diesem Feuilleton am 9. Mai Klaus Bade, den Migrationsforscher und Vorsitzenden des Sachverständigenrats Migration, scharf kritisiert (siehe Necla Kelek: Professor Bade gibt den Anti-Sarrazin ). Dieser warf ihr in einer nicht minder scharfen Antwort am 18. Mai im Ergebnis vor, keine seriöse Wissenschaftlerin zu sein, und sprach ihr letztlich die Eigenschaft einer ernstzunehmenden Diskussionspartnerin ab (siehe auch Klaus J. Bade antwortet Necla Kelek: Ich sitze keinem Politbüro vor).

Das war starker Tobak. Eigentlich war das im April veröffentlichte Jahresgutachten 2011 des Sachverständigenrats für Migration in meinem Lesestapel ziemlich weit unten angesiedelt und wäre irgendwann im Frühwinter dran gewesen. Ich änderte nach der Lektüre dieses Schlagabtauschs die Lesereihenfolge und studierte das Gutachten bis hinunter auf die Ebene des einzelnen Kommas im Detail. Das machte mich nicht dümmer, und sachliche Fehler fand ich auch nicht, wohl aber viele Anregungen für weitere Lektüre und die ein oder andere neue Erkenntnis.

Eine Antwort auf die in meinem Buch aufgeworfenen Fragen fand ich in dem Gutachten allerdings nicht. Klaus Bade freut sich zwar in seinem Vorwort darüber, dass „die abrupten Stimmungsausbrüche der Sarrazin-Debatte...in der breiten Mitte die relativ pragmatischen und differenzierten Einschätzungen zu Migration und Migrationspolitik nicht grundlegend verzerrt“ hätten. Mit dieser Wertung hat er aber auch schon die maximale Eindringtiefe des Gutachtens in diese Debatte erreicht.

Diese Argumentationstiefe wird dann noch im Vorwort des Vorsitzenden des Kuratoriums, Rüdiger Frohn, mit ein wenig Diffamierung angereichert: „Leider veränderte sich das innenpolitische Klima im Spätsommer 2010 durch eine Häufung von Angst- und Empörungsappellen vor dem ,Fremden‘, den Muslimen im Besonderen oder ,gar dem deutschen Untergang‘. An die Stelle des Arguments trat der Verdacht, der mit dem Gestus der unterdrückten Wahrheit (,Man wird doch wohl noch sagen dürfen ...‘) vorgetragen wurde.“

Ausgeblendete Probleme

Abgesehen davon, dass mit dieser Beschreibung mein Buch eigentlich nicht gemeint sein kann, offenbar aber gemeint ist – wie verdruckst und verquollen ist doch die aus solchen Texten sprechende Einstellung: „Huch, wir bekommen ein schlechtes Klima.“ Nach meinem Eindruck kommt das schlechte Klima nicht aus einer kontroversen Diskussion, sondern aus der repressiven Atmosphäre, die solche ungelüfteten Texte mit ihrem hohlen moralischen Anspruch verbreiten.

Leider blendet das (gleichwohl über weite Strecken lesenswerte) Gutachten alle jene Probleme nahezu vollständig aus, die Necla Kelek seit vielen Jahren publizistisch behandelt. Diese Probleme werden nicht einmal negiert (was ja noch eine Auseinandersetzung beinhalten würde), sie werden schlicht ignoriert. Und damit werden auch jene Themen weitgehend ignoriert, die die Mehrheit der Menschen bei Zuwanderung und Integration bewegen.

Keine Analyse, keine Therapie

Es geht mir nicht um die Ergebnisse des Integrationsbarometers. Bei der Befürwortung der Zuwanderung von Hochqualifizierten (60 Prozent) und der Ablehnung der Zuwanderung von Unqualifizierten (70 Prozent) teile ich die Meinung der dort ermittelten demoskopischen Mehrheit. Ich stelle auch nicht in Frage, dass die Umfrageergebnisse wissenschaftlich seriös zustande kamen.

Zur Steuerung von Arbeitsmigration macht das Gutachten zwar konkrete Vorschläge. Zu den Fragen der Demographie, der Abwanderung Hochqualifizierter und der unerwünschten Zuwanderung in den Sozialstaat liefert das Gutachten aber außer Appellen keine Lösungsansätze. Zu den gruppenbezogenen Unterschieden im Integrationsverhalten äußert es sich gar nicht. Zu den besonderen Integrationsschwierigkeiten beziehungsweise zum mangelhaften Integrationswillen eines Teils der muslimischen Einwanderer enthält das Gutachten keine Analyse und folglich auch keine Therapie.

Ein seriöser Wissenschaftler

Die Hauptsorge der Forscher gilt offenbar dem Bestreben, durch vermehrte Einwanderung von Arbeitskräften die durch die Geburtenarmut seit vielen Jahrzehnten entstandenen und sich immer weiter vergrößernden Lücken zu schließen, die sie als Bedrohung für Wachstum, Arbeitsmarkt und die sozialen Sicherungssysteme sehen. Kulturelle Fragen werden dabei gar nicht behandelt. Zuwanderung und Integration sollen der Reparaturbetrieb für eine alternde und schrumpfende Gesellschaft sein, der man nicht mehr genügende innere Selbstheilungskräfte zutraut. Das ist der Antrieb der Forscher, und dieser Geist durchweht das Gutachten.

Dagegen sind im Gutachten alle jene Probleme ausgeklammert, die Necla Kelek anspricht und die auch ich in meinem Buch als „Latecomer“ (so nennt Klaus Bade meinen Eintritt in die Debatte) diskutiert habe. Wie die Verkaufsergebnisse meines Buches und die Umfragen zeigen, sind das auch Probleme, die viele Menschen in Deutschland bewegen.Klaus Bade, ein liebenswürdiger Mann und sicherlich ein seriöser Wissenschaftler, gehört zu den Menschen, die nicht gern anecken und es möglichst vielen recht machen wollen.

Wenige Stunden nach dem Erscheinen von Auszügen meines Buchs als Vorabdruck im „Spiegel“ äußerte Bade am 24. August 2010: „Da, wo Sarrazin recht hat, sagt er nichts Neues“, und kritisierte die „Auferstehung der Legende von der gescheiterten Integration, diesmal mit dem besonderen Feindbild Muslime“. In meinem Buch kommt der Begriff „gescheiterte Integration“ allerdings gar nicht vor, und zu der dort ausgebreiteten empirischen Evidenz über die Unterschiede in den Integrationserfolgen zwischen Migranten aus muslimischen Ländern einerseits und allen übrigen Migranten andererseits sagt Bade bis heute kein Wort. Er weiß ja, dass die Fakten stimmen.

Bades Kritik wird überbetont

Vierzehn Tage später, am 6. September 2010, traf ich Klaus Bade als Mitdiskutanten bei einer Podiumsdiskussion in Berlin. Er sagte mir, er habe mein Buch mittlerweile ganz gelesen – das mit vielen Lesezeichen gespickte Exemplar in seiner Hand zeigte, dass er die Wahrheit sprach –, und er könne mir in weiten Teilen zustimmen. In der Diskussion war er höflich, zu einem richtigen Streit kam es gar nicht, zumal wir auch viele Gemeinsamkeiten entdeckten. Dann hörte ich lange nichts von Klaus Bade, offenbar schwieg er zu meinem Buch.

Am 13. April 2011 stellte Klaus Bade das Jahresgutachten 2011 des Sachverständigenrats für Migration vor. „Spiegel online“ meldete, dass er bei der Vorstellung des Gutachtens die Abwanderung qualifizierter Migranten beklagte und dafür das Buch von Thilo Sarrazin verantwortlich machte. Bades Kritik an Sarrazin machte in den Medien mehr als 50 Prozent der Berichterstattung über das Gutachten aus.

Kritikwürdige Berichterstattung

Sie wurde in den Printmedien vielfältig wiederholt und bei Anne Will am 17. April zum Gegenstand eines Einspielfilms. Ich antwortete dort: „Es ist vollständig lächerlich und eines Bade unwürdig, die vom Sachverständigenrat beklagte Nettoabwanderung Qualifizierter seit Mitte der neunziger Jahre mit meinem Buch in Verbindung zu bringen, das im Herbst 2010 erschien.“ Klaus Bade schrieb mir daraufhin und erklärte, er sei falsch wiedergegeben worden. Er habe nur ausdrücken wollen, dass mein Buch möglicherweise in Zukunft eine negative Auswirkung auf das Wanderungsverhalten qualifizierter Migranten haben könne.

Nach einem Vortrag in Köln zum Thema „Rückkehr zur Vernunft: Integration in Deutschland vor und nach Sarrazin“, den er am 3. Mai gehalten hatte, schrieb er mir erneut und distanzierte sich von Pressemeldungen, er habe dort vom „Brandstifter Sarrazin“ gesprochen, er habe mich immer „differenziert und respektvoll“ behandelt. Ich glaube Klaus Bade, dass er das so empfindet. Er ist sicher (wie ich auch) immer wieder Opfer undifferenzierter und denunzierender Berichterstattung.

Wunschdenken und Unkenntnis

In einem Punkt allerdings unterscheiden wir uns: Ich halte es nicht für schädlich und integrationsfeindlich, sondern für geboten und für einen Dienst an der Integration, vorhandene Integrationsdefizite, deren Ursachen und Lösungsmöglichkeiten klar und offensiv anzusprechen und dabei auch gruppenbezogene Verhaltensdefizite sowie kulturelle Ursachen wie die Religion nicht auszuklammern. Es ist ein Irrtum, zu meinen, gesellschaftliche Probleme seien dadurch besser beherrschbar, dass man sie gar nicht oder nur auf Samtpfoten anspricht und nur ja keine Schuldigen benennt. Es stört mich auch gar nicht, wenn Bade beklagt, dass durch mein Buch der „Integrationspessimismus“ in der Bevölkerung gewachsen sei.

Ein durch Realismus und Sachverhaltskenntnis geprägter Pessimismus ist allemal besser und für die Zukunft zielführender als ein durch Wunschdenken und Unkenntnis geprägter Optimismus. Wunschdenken, Unkenntnis und dadurch geprägte Fehlentscheidungen stehen nämlich am Beginn von 90 Prozent aller vom Menschen selbst gemachten Katastrophen. Dazu müssen wir uns doch nur die konzeptionellen und politischen Geisterfahrten rund um die friedliche Nutzung der Kernenergie oder die Rettung der griechischen Staatsfinanzen anschauen.

Der rührende Versuch von Bade und Kollegen, unangenehme Nachrichten von der Integrationsfront zu relativieren, erinnert an die Kriegsberichterstattung im Dritten Reich: Wer BBC hörte, um die Wahrheit über den Frontverlauf zu erfahren, war kein Wahrheitssucher, er machte sich der „Wehrkraftzersetzung“ schuldig. Necla Kelek, Thilo Sarrazin und andere sind in diesem Sinne der „Integrationskraftzersetzung“ anzuklagen. Diese ist, hier zitiere ich Angela Merkel, „nicht hilfreich“. Aber wollen sich, um im Bilde zu bleiben, Klaus Bade und Kollegen wirklich in die Rolle des „Reichsfunks“ begeben, der in kühnen Bildern Probleme kleinredete und die baldige Wende des Kriegsglücks beschwor? Im Übrigen: Auf der kritischen Seite zu irren, ist allemal gesellschaftlich gesünder, als vorhandene Probleme schönfärberisch kleinzureden.

Ein studierter Taxifahrer

Am Tage nach dem Erscheinen des Artikels von Klaus Bade fuhr ich in Berlin mit dem Taxi zum Bahnhof. Es stellte sich heraus, dass der Taxifahrer aus Iran kam. Er hatte Anfang der achtziger Jahre an der TU Berlin Vermessungstechnik studiert. Eine Insolvenz hatte ihn zum Taxifahrer gemacht, was er aber nicht beklagte. Er äußerte sich begeistert zu meinem Buch. Ich hätte genau die Wahrheit beschrieben, alle Landsleute, die er kenne, teilten diese Begeisterung. Der Islam sei eine gefährliche Religion und eine Geißel der Menschheit. In seiner Heimat würden junge Menschen beiderlei Geschlechts, die protestierten, in den Gefängnissen systematisch vergewaltigt.

Auch im Exil könne kaum ein Iraner öffentlich bekennen, dass er vom Islam abgefallen sei, das sei viel zu gefährlich. Darum hielten die 90 Prozent der Exiliraner, die mit dem Islam gebrochen hätten, auch im Ausland den Mund. Sie könnten dann nämlich nie mehr Iran besuchen, und ihre Verwandten dort seien auch gefährdet. Er äußerte sich entsetzt über die Unbildung und die Engstirnigkeit eines großen Teils seiner türkischen Kollegen im Taxigewerbe. Schrecklich sei, dass es jetzt schon bei manchen gebräuchlich werde, beim Warten in der Taxischlange am Flughafen Tegel den Gebetsteppich auszurollen.Ich habe den taxifahrenden iranischen Vermessungsingenieur vollständig und wahrheitsgetreu ohne eigene Wertung zitiert. Nach den Opportunitäts- und Schicklichkeitsvorstellungen von Klaus Bade hätte ich dies gar nicht so niederschreiben dürfen, weil das Zitat den Integrationspessimismus des Lesers steigern und gruppenbezogene Vorurteile wecken könnte.

Seltener Kontakt zu Deutschen

Unschicklich im Sinne Klaus Bades ist es wohl auch, wenn ich abschließend die Ergebnisse einer aktuellen repräsentativen Umfrage unter den türkischen Migranten in Deutschland wiedergebe:Nicht einmal die Hälfte von ihnen bezeichnet ihre Deutschkenntnisse selbst als gut. Gut 40 Prozent von ihnen haben von der Diskussion um Thilo Sarrazins Buch nichts mitbekommen. Von denen, die etwas mitbekommen haben, stimmt immerhin jeder Sechste Sarrazin zu.

Fast die Hälfte der Türken hat seltener als einmal in der Woche Kontakt zu Deutschen. 40 Prozent möchten am liebsten nur mit Türken zusammen sein. Fast jeder Dritte gibt an, sofort in die Türkei zurückzugehen, wenn es in Deutschland keine Unterstützung bei Arbeitslosigkeit mehr gibt. Davon findet sich im Jahresgutachten 2011 des Sachverständigenrats für Migration nichts. Es wäre ja geeignet, den Integrationspessimismus zu beleben und gruppenbezogenes Misstrauen zu schüren.

Thilo Sarrazin veröffentlichte im vergangenen Jahr das Buch „Deutschland schafft sich ab“.

Quelle: F.A.Z.
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