09.09.2010 · Am Mittwoch abend erhielt der dänische Karikaturist Kurt Westergaard in Potsdam den M100-Medienpreis. Sein Hotelzimmer war der am besten bewachte Ort Brandenburgs. Sogar auf dem Bett saß ein Leibwächter. Doch Westergaard bleibt ruhig, witzig und tapfer.
Der Attentatsversuch auf Ihr Leben im Dezember 2009 hat weltweit Schlagzeilen gemacht. Damals drang ein somalischer Asylbewerber mit Axt und Messer in Ihr Haus ein, in der Absicht, Sie zu töten. Wie haben Sie das verkraftet?
Kurt Westergaard: Das hat mich nicht traumatisiert. Meine Grundstimmung war immer Wut. Dass man mich so bedroht hat, macht mich wütend. Ich bin kein gewalttätiger Mann, aber Wut ist eine gute mentale Abwehrhaltung. Ich habe mit dieser Zeichnung ja nur meine Arbeit als Satiriker und Karikaturist getan.
Wie geht es Ihnen heute?
Es geht ganz gut, glaube ich.
Ist Frau Merkel die erste europäische Regierungschefin, die Sie empfängt?
Der dänische Ministerpräsident hatte sich auch gemeldet, damals.
Also nur die beiden?
Ja.
Abgesehen von den Regierungen, fühlen Sie sich alleingelassen, oder sind Sie mit der Unterstützung zufrieden?
Die Solidarität mit mir war sehr zufriedenstellend. Die meisten meiner Landsleute haben mich beschützt oder mir Mut und Lob zugesprochen. Die einzige Ausnahme ist leider meine eigene Klasse. Man könnte sie die Intellektuellen und Kreativen nennen. Die sind skeptisch geblieben und haben meine Zeichnung als willkürliche Provokation des Islam verstanden. Ich wünsche keinen Konflikt mit unseren muslimischen Mitbürgern, aber wenn es nun schon mal zu einem solchen Konflikt kommt, dann müssen wir unsere demokratischen Werte verteidigen, allen voran die Meinungsfreiheit.
Können Sie sich an den Tag erinnern, an dem Sie das Blatt gezeichnet haben?
Ja, es war, wie man auf Englisch sagt, „just another day at the office“. Ein ganz normaler Arbeitstag. Ich habe Tausende von satirischen Zeichnungen angefertigt, diese war nichts Besonderes. Nie im Leben habe ich mir solche Konsequenzen vorgestellt. Diese Zeichnung wirkte, nach meiner Überzeugung, wie ein Blitzableiter: Es hätte sich irgendwo entladen müssen. Das hätte auch ein Buch oder ein Fernsehfilm sein können. Was dann kam, ist für mich allerdings schwer begreiflich. Es war eine echte Freak-Show.
Wie meinen Sie das?
Was haben wir getan, um diesen Hass auf uns zu ziehen? Dänemark ist ein kleines, tolerantes und sehr freundliches Land. Mit viel Geld haben wir armen Ländern geholfen, auch muslimischen Ländern natürlich. Der Mann auf der Straße versteht nicht, weshalb Menschen, die wir willkommen geheißen haben, die wir mit Wohnung und Ausbildung versorgt haben und die in Dänemark größere Freiheiten genießen als in vielen muslimischen Ländern, unsere satirische und freiheitliche Tradition nicht aushalten können.
Haben Sie das mal dänische Muslime gefragt?
Meine Kontakte mit der muslimischen Welt sind nicht besonders gut gegangen. Ich habe versucht, mit einigen Muslimen zu diskutieren, aber wir waren uns nicht einig. Immerhin konnten wir uns darauf verständigen dass es wichtig ist, miteinander zu diskutieren und dass so eine Diskussion nicht mit einem Begräbnis endet. (lacht)
Wie würden Sie jemandem, der sie nie gesehen hat, Ihre Zeichnung schildern?
Es ist eine Zeichnung, die satirisch zeigt, wie Terroristen aus Zeilen des Korans ihre geistige Munition basteln.
Diese Munition sitzt dann im Kopf des Propheten Mohammed?
Vielleicht ist es gar nicht der Prophet, ich weiß es nicht. Ich habe nur an einen grimmigen Terroristen gedacht. Und was die Bombe betrifft, da dachte ich an ein altes Stück von Adam Oehlenschläger, das im Orient spielt. Dort wird erwähnt, dass im alten Orient die Orange im Turban ein Glücksversprechen ist. Ich dachte: Dann ist die Bombe im Turban ja ein Versprechen auf Unglück.
Die Zeichnung warnt also vor Religionsterror auch deswegen, weil das Unglück für deren Anhänger bedeutet. Wo befindet sich das Original?
Es ist gut versteckt, tief in einem Bankverlies.
Möchten es viele Museen kaufen?
Nein. Wir haben versucht, Geld von Stiftungen dafür zu erhalten, aber die dänische Geschäftswelt ist immer gegen diese Aktion gewesen. Es bedeutet ja, die Exportchancen zu schmälern. Von denen kam dieselbe Reaktion wie in den dreißiger Jahren, als dänische Zeitungen Karikaturen von Goebbels, Hitler und Göring druckten. Der damalige Außenminister übte dann Druck auf die Redaktionen aus und bat mit Hinblick auf den Export, so etwas nicht mehr zu bringen. Also waren die Zeichnungen bald weg.
Man hat den Eindruck, ein mächtiger Gegner setze bei Ihnen kreative Energie erst so richtig frei.
Das sollte allen Künstlern so gehen. Ich denke oft an die Anekdote, nach der Picasso 1940 von einem deutschen Luftwaffenoffizier gefragt wurde, ob er nicht der sei, der „Guernica“ gemalt habe? Und Picasso antwortete: Nein, das habt ihr gemalt.
Hatten Sie auch Schwierigkeiten mit anderen Religionen?
Klar, ich wurde von Christen oft der Blasphemie geziehen. Aber die standen nicht mit der Axt in meinem Wohnzimmer. Ich selbst bin Atheist. In der Bibel steht, Gott habe den Menschen nach seinem Bilde geschaffen. Ich frage mich, ob es nicht eher umgekehrt war.
Wie empfinden Sie die Einschränkungen Ihrer Bewegungsfreiheit durch die notwendigen Sicherheitsmaßnahmen?
Die Bodyguards des dänischen Sicherheitsdienstes sind immer bei mir, das geht ganz gut. Diese Leute sind, um es mit einem altmodischen Wort zu sagen, Gentlemen. Sie sind diskret, aber doch anwesend. Wir haben eine gute Zeit zusammen. Was ich tue, das tun sie auch. Darum sind sie froh, dass ich kein Winterschwimmer bin oder Nudist.
Was bedeutet Ihnen der Preis für Meinungsfreiheit?
Es ist eine große Ehre. Jahrelang war ich bloß ein halbwegs tauglicher dänischer Zeitungszeichner. Ich weiß nicht genau, was ich jetzt bin. Ein Symbol? Das ist vielleicht eine zu große Position für mich. Andererseits braucht man vielleicht Symbole. Die machen komplizierte Dinge ganz einfach.
Wie geht es weiter?
Ich würde immer das Recht auf freie Religionsausübung auch der Muslime verteidigen. Damit habe ich kein Problem. Aber ich hoffe doch sehr, dass die religiösen Autoritäten des Islam eine Art „Islam light“ entwickeln, der diesen „Islam classic“ ersetzt.
Was sind Ihre nächsten Pläne?
Oh, wie ein Freund neulich sagte: Wir warten jetzt auf das Musical zu dieser ganzen Affäre.