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Gastarbeiter : Die Kunst des Missverstehens

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Bitte vergessen sie nicht ihre Heimat

Das bundesdeutsche Arbeitsministerium hatte Bedenken gegen das Engagement von ungelernten türkischen Arbeitskräften, glaubte man doch, die kulturell-religiöse Distanz zwischen den Menschen sei dem gesellschaftlichen Frieden nicht förderlich. Aber die Einwände der Sozialpolitiker wurden beiseite geschoben und das deutsche Außenministerium unter Heinrich von Brentano übernahm die Vertragsverhandlungen. Die Türkei sollte wirtschaftlich gestärkt werden und der westdeutschen Wirtschaft erschien es profitabel, für ein, zwei Jahre billige Arbeitskräfte aus Anatolien zu beschäftigen.

Die von den deutschen Arbeitsministerien vorgegebenen Bedingungen für die Anwerbung waren rigide. Die Arbeitsverträge wurden auf zwei Jahre begrenzt (das wurde 1964 auf Wunsch der Industrie wieder aufgehoben) und man setzte zunächst auf ein Rotationsprinzip, - nach zwei Jahren sollte ein Arbeiter durch einen anderen aus der Türkei ersetzt werden. Das stellte sich als nicht durchsetzbar heraus, weil so immer wieder Anlern- und Eingewöhnungszeiten anfielen. Explizit war in den Verträgen auch vereinbart, dass nur Unverheiratete angeworben werden durften.

Die Politik und Wirtschaft in Deutschland setzten darauf, dass die Gastarbeiter möglichst wenig kosteten und dabei ihre „kulturelle Identität“ bewahrten, damit die Rückkehrbereitschaft erhalten blieb. Erst 1979 erkannte der Sozialdemokrat Heinz Kühn an, dass aus Gastarbeitern Einwanderer geworden waren und wollte deren Integration durch Sprache und Bildung fördern.

Die Türken war nicht einfach nur die Ausgebeuteten

Bis 1973 wurde so der türkische Arbeitsmarkt, im Laufe von zwölf Jahren, von 857 000 Erwerbsuchenden entlastet. Das Anwerbeabkommen war das Ventil, das die sozial und politisch unter Druck stehende Türkei entlastete. Die Gastarbeiter, die in der Türkei bald „Almancis“, Deutschländer, genannt wurden, schickten monatlich einen Teil ihres Lohns aus dem kalten Norden nach Hause. Das war für Anatolien und jede Familie ökonomisch ein Segen. Geschätzt lebten um 1970 bis zu zehn Prozent der dreißig Millionen Menschen in der Türkei teilweise oder ganz von Überweisungen aus Deutschland - die Geburtenrate lag damals in der Westtürkei bei etwa 4,7 Kindern pro Frau und im Osten des Landes bei 7,4 Kindern. Vom damals in Deutschland ersparten Lohn - er war im Durchschnitt viermal so hoch wie in der Türkei - und dem Kindergeld konnte eine ganze Familie leben.

Die erste Generation der Gastarbeiter ernährte nicht nur sich, sondern auch ihre Großfamilien in Anatolien und rettete ihr Heimatland vor dem Bankrott. Die Entbehrungen und Leistungen dieser Menschen der ersten Generation wurden weder in der offiziellen Türkei noch in Deutschland wahrgenommen. Erst Günter Wallraff machte mit seinen Reportagen von „Ganz unten“ die Lage vieler Türken in Deutschland publik.

Aber gleichzeitig muss erwähnt werden, dass der Satz „Wir Türken haben dieses Land aufgebaut“, unvollständig ist. Denn die Türken waren nicht allein, sondern nur ein kleiner Teil des Millionenheers von mehr als fünf Millionen Arbeitsmigranten, meist aus anderen europäischen Ländern - aus Griechenland, Spanien, Italien, Jugoslawien, Portugal - die seit 1955 mit ihren deutschen Kollegen in Deutschland arbeiteten. Wenn heute so getan wird, als seien die Türken als Gastarbeiter damals unter die Räuber gefallen, ausgebeutet und diskriminiert worden, ist das nur die halbe Wahrheit und das Märchen vom Honig ist so süß wie falsch.

Die eigentliche Ursache des Integrationsproblems

Der Honig, von dem Erdogan sprach, wurde zwar von fleißigen türkischen Arbeitsbienen in Almanya gesammelt, verzehrt aber wurde er in der Türkei. Für viele war dies die einzige Unterstützung, denn die Türkei konnte ihre eigenen Bürger nicht ernähren. „Die Almancis haben damals die Türkei gerettet“, müsste es daher eigentlich heißen, was auch ein ehrlicher Dank an diese Menschen wäre.

In die Türkei zurückgekehrt sind die Türken im Gegensatz zur Mehrheit der Gastarbeiter aus europäischen Ländern übrigens auch nicht. Sie haben zuerst ihre Familien und später Jahr um Jahr Zehntausende junge Bräute und Bräutigame aus der Türkei nach Deutschland geholt. Erst dadurch entstand wirklich das uns heute beschäftigende Integrationsproblem. Aber das ist ein anderes Kapitel.

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