02.09.2010 · Thilo Sarrazin hat sich in seinem Buch bemüht, jede Menge Ängste, Falschinformationen, Mutmaßungen und Projektionen zu bewältigen. Die Art und Weise, wie er damit umgeht, lässt auf eine große intellektuelle Einsamkeit schließen. Sie trat bei „Hart aber fair“ deutlich zutage.
Von Nils MinkmarEin Mann sitzt bei einem Psychotherapeuten. Nicht dass ihm wirklich etwas fehlt, er hatte nur so komische Panikanfälle während seiner Vorlesung. Er arbeitet als Geschichtsprofessor und hält nichts von Psychoanalyse, was er dem Therapeuten auch wortreich und überzeugend erklärt. Nur besorgten Kollegen zuliebe ist er überhaupt hergekommen, er findet den Termin übertrieben und nutzlos. Der Therapeut hebt ratlos die Schultern. Da er doch nun schon mal hier sei, könne man sich doch auch etwas unterhalten, schlägt er vor und fragt, wann denn der erste dieser Anfälle aufgetreten sei? Der Professor antwortet, das sei vor rund drei Wochen gewesen, an einem Donnerstag. Was denn an diesem Tag sonst war, fragt der Therapeut. Nichts eigentlich, antwortet der Patient. „Da habe ich nicht gearbeitet, da war die Beerdigung meines Vaters.“
Nun bittet der Therapeut um Entschuldigung: Er muss lachen. An diese Schlüsselszene aus Cedric Klapischs Film „So ist Paris,“ in der Fabrice Luchini den in der Lebensmitte verirrten Historiker gibt, erinnerte „Hart aber Fair“ mit Thilo Sarrazin. Der Moment kam relativ früh, als Sarrazin auf sein Interview vom vergangenen Sonntag zu sprechen kam, in dem er nach den genetischen Grundlagen von Kultur gefragt wurde. Da habe er nur nach einem naheliegenden Beispiel gesucht, er hätte die Ostfriesen anführen können, aber: “Ich weiß auch nicht, warum ich als erstes die Juden genannte habe.“ Nun mussten Historiker um eine unfreiwillige Lachpause bitten.
Thilo Sarrazins Verdienst ist es, solche Schlüsselszenen zur deutschen Psyche zu bieten. Mit ihm entdecken wir das unkorrekte, unzeitgemäße Unbewusste in der deutschen Kultur. Die gestrige Sendung hat das sehr gut darstellen können: Es gibt keine neuen Erkenntnisse oder wissenschaftlich seriösen Thesen in seinem Buch, dennoch ist es wichtig, weil es die Tür zu einem Dachboden öffnet, auf dem sich Manches angesammelt hat: Ängste, Falschinformationen, Mutmaßungen und jede Menge Projektionen. Manche seiner Beschreibungen treffen auch glatt zu - aber mit den von ihnen vermuteten Ursachen haben sie wiederum nichts zu tun. Sarrazin hat sich bemüht diesen ganzen Kram zu bewältigen, alles in eine schlüssige Form zu bringen - aber auf eine Art und Weise, die auf eine große intellektuelle Einsamkeit schließen lässt.
Viele muslimische Migranten sehen sich gar nicht als Muslime
Er hat, so schilderte er es in der Sendung, bei diversen statistischen Stellen angerufen, um die Leistungen und Merkmale der „muslimischen Migranten“ aufgeschlüsselt zu bekommen. Daran ist er gescheitert und hat sich die Daten dann selbst, unter anderem aus dem Mikrozensus, zusammengereimt. Offenbar hat ihn aber keiner gefragt, was er mit den Daten denn vorhabe. Ab einem gewissen Grad in der sozialen und politischen Hierarchie erfährt man keinen Einspruch mehr, zumal wenn man sich auf ein Feld abseits des eigenen Berufs bewegt. Niemand hat ihm erklärt, dass viele „muslimische Migranten“ sich gar nicht als Muslime sehen und ganz froh sind, ihrer Ursprungsgesellschaft entkommen zu sein. Offenbar kennt er auch die heftigen Diskussionen innerhalb des Islams nicht, wo Autoren wie Reza Aslan und Irshad Manji nicht auf ihn gewartet haben, um ihre Glaubensgemeinschaft zur Demokratisierung und Modernisierung anzutreiben.
Auch Ayaan Hirsi Ali stammt aus einer streng religiösen Familie, sie sagt selbst, aus ihr hätte auch gut ein weiblicher Mohammed Atta werden können. Stattdessen wurde sie, erst in den Niederlanden, an der Seite des ermordeten Theo van Gogh, nun in den Vereinigten Staaten, die expliziteste Kritikerin des Islam. Doch sie ist keine Mutantin und nicht vom Himmel gefallen. Sie ist ebensowenig als statistischer Einzelfall abzutun wie die paar Dichter und Denker des klassischen Zeitalters, von denen alle Deutschen so viel Stolz beziehen. Doch solche muslimischen Fortschrittsdenker scheint Sarrazin nicht zu kennen. Völlig rätselhaft ist schließlich, dass Thilo Sarrazin nicht die politische Dimension des Problems zu erkennen scheint.
Die politische und intellektuelle Einsamkeit Sarrazins wurde deutlich
Denn Migration ist ja kein innenpolitisches Problem allein: die Re-Islamisierung von entsprechenden Migrantengemeinschaften in Europa wurde jahrelang gezielt von politischen Kräften beispielsweise aus der Türkei und Saudi-Arabien betrieben. Gestern Abend wurde diese mehrfache, die intellektuelle und politische Einsamkeit Sarrazins deutlich. Vollends tragisch wurde seine Position, als sich seine wichtigste wissenschaftliche Referenz, die Zürcher Forscherin Elsbeth Stern (Siehe auch Lernforscherin Elsbeth Stern im Gespräch über Gene und Intelligenz) ihm den Boden unter den Füßen wegzog. Frank Plasberg zitierte sie mit dem Satz: „Mit seinem mehrfach wiederholten Satz »Intelligenz ist zu 50 bis 80 Prozent erblich« zeigt Thilo Sarrazin, dass er Grundlegendes über Erblichkeit und Intelligenz nicht verstanden hat. Deshalb muss man auch viele seiner Folgerungen infrage stellen.“
Diese Annahme bildet aber, zusammen mit einem statistischen Modell der Bevölkerungsentwicklung, welches ebenfalls in der Sendung kritisiert wurde, das Fundament seiner Argumentation. Blieb ein Mann auf verlorenem Posten. Mit begründetem Zorn erinnerte die türkischstämmige Journalistin Asli Sevindim daran, dass man beispielsweise ihre Eltern in den frühen siebziger Jahren nicht als Deutschlehrer ins Land geholt habe, sondern als Arbeitskräfte. Sprache, Bildung, danach habe niemand gefragt, schließlich sollten sie in den Fabriken und auf Baustellen arbeiten.
Sarrazin hatte sich wohl vorgenommen, Max Weber fortzuschreiben
Auf ihre Geschichte wiederum reagierte Sarrazin mit dem Hinweis auf die lange Dauer und die große weite Welt, dass es dieselben Probleme von Pakistan bis Marokko gebe, da also die Religion irgendwie reinfunke. Politiker hätten anmerken können, dass Pakistan nicht wegen zu rückständiger, sondern wegen zu weitreichender Entwicklung Sorgen bereitet: Hätte der Staat keine Atomwaffen, wäre die Welt um eine Sorge erleichtert. Aber Sarrazin hat sich offenbar vorgenommen, Max Weber fortzuschreiben: Wo der Soziologe im Geist des Protestantismus die wesentliche Triebfeder zur Herausbildung des Kapitalismus erkannte, will Sarrazin im Geist des Islamismus den Schlüssel zum Niedergang unserer Zivilisation erkennen.
Leider ist die Welt komplizierter geworden und er ist - mag es Umwelt sein, die Erziehung oder die Veranlagung - nun mal kein Max Weber. In seinem Autismus ist Sarrazin vor allem ein Symbol des intellektuellen Zustands seiner Partei, der SPD. Wie der während der Sendung neben ihm stehende, ihn bei deutlichen intellektuellen Vorbehalten doch tapfer in Schutz nehmende Arnulf Baring, wie Wolfgang Clement und letztlich auch Oskar Lafontaine ist Sarrazin ein populärer Sozialdemokrat, dem in seiner Partei die geistige Heimat abhanden gekommen ist.
Vorurteile sind im Kleinbürgertum tief verwurzelt
In eine falsche Richtung führte die in der gestrigen Sendung formulierte Annahme, Sarrazin könnte eine neue rechte Partei gründen und Arnulf Baring gleich mitnehmen. An ihnen ist nichts rechtsradikales. Ihre Sorgen, auch Vorurteile und fremdenfeindlichen Gefühle sind im Kleinbürgertum tief verwurzelt. Lange hat sich die Öffentlichkeit darauf verständigt. so zu tun, als gebe es sie gar nicht, als reiche es, die Migranten zu loben und die meckernden Deutschen zu ignorieren. Doch Sarrazin hat das beendet. Sein Buch ist ein einziger Anfall von Sorge und schlechter Laune, den Deutsche türkischer, arabischer oder sonstiger Abstammung zurecht als Beleidigung empfinden. Doch auch so ein Konflikt, dieses „Aus euch wird ja nie was!“ kann durch den Trotz, den er zu Recht hervorruft, produktiv wirken.
Fies bleibt seine Unterstellung, es gebe in diesem von der demographischen Krise so direkt bedrohten Land je nach sozialer Lage der Eltern wünschenswerte und weniger wünschenswerte Geburtenquoten. Selbst der politischer Korrektheit unverdächtige George W. Bush fügte in seinem Kampf gegen Teenagerschwangerschaften immer an, dass sie trotz aller Mühen nun mal vorkommen und: „Die Babys lieben wir auf jeden Fall!“
Der letzte Moment der Wahrheit war der erschütterndste. Sarrazin hatte vor einem Land gewarnt, in dem keiner mehr „Wanderers Nachtlied“ kenne. Die „Hart aber fair“ Redaktion hatte das im Essener Goethe-Gymnasium überprüft, wo es weder Schüler noch Lehrer kannten - ein unglaubliches Fiasko. Dann wurde im Studio gefragt, wo es auch keiner kannte. Thilo Sarrazin, der dies zu einem Argument in seinem Buch gemacht hatte, hob immerhin an - und vergaß prompt eine Zeile der vierzeiligen Komposition. Und auch diese Fehlleistung war wieder so ein Schlüssel zur deutschen Psyche, wo es gerade ziemlich kraus umhertobt. Obwohl die Bundeskanzlerin doch gesagt hat, dass uns gar nichts fehlt.
Ein Heer von Intellektuellen fühlt sich auf einmal zum Staatsanwalt berufen
B. Keim (bkeim)
- 02.09.2010, 10:37 Uhr
Ayaan Hirsi Ali
fritz Teich (fazfazfaz123)
- 02.09.2010, 10:41 Uhr
Ich bins Leid...
L. Richard (LarsenI)
- 02.09.2010, 10:47 Uhr
Subtiler Versuch, Thilo Sarrazin fertigzumachen
Gerhard Rodé (G.R.R)
- 02.09.2010, 10:48 Uhr
Was soll das alberne Gerede !?
K. Peter Luecke (microplan2002)
- 02.09.2010, 10:55 Uhr