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Ehrung des Mohammed-Karikaturisten Angela Merkels Risiko

 ·  Ein Tag für die Geschichtsbücher: Mit ihrer Ehrung des dänischen Mohammed-Karikaturisten macht die Kanzlerin deutlich, dass Europa ein Ort der Meinungsfreiheit ist. Mit dem Foto, welches sie neben Kurt Westergaard zeigen wird, geht Merkel aber auch ein großes Risiko ein.

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Wenn Angela Merkel heute Abend im Schloss Sanssouci den m100-Medienpreis an den dänischen Karikaturisten Kurt Westergaard überreicht, wird das Bild davon um die Welt gehen. Die Folgen eines solchen Fotos sind unabsehbar: Noch immer haben Islamisten ein Kopfgeld auf den fünfundsiebzigjährigen dänischen Karikaturisten ausgesetzt, noch immer reicht die Erwähnung seines Namens und seines Werks, insbesondere des Propheten mit der Bombe im Turban, um fast in jedem islamisch geprägten Land wütende Massen auf die Straße zu treiben.

Die Entscheidung der Bundeskanzlerin, Westergaard zu ehren und an seiner Seite fotografiert zu werden, reicht in ihrer symbolischen Bedeutung weit über den Tag hinaus. Es ist ein Tag für die Geschichtsbücher. Angela Merkel setzt heute einen der Akzente ihrer Kanzlerschaft und tut es in einer Zeit, in der sich die Zeichen starker kultureller Spannungen selbst im Alltag aufdrängen.

Der Kleinbus wippte vor Vergnügen

Am späten Sonntagnachmittag fiel mir ein Kleinbus auf, der durch die Frankfurter Innenstadt schaukelte. Drin saßen ein halbes Dutzend Islamisten, die wirklich alles taten, damit man sie auch ja als solche erkennt: weißes Gewand, weiße Kappe, Bart, so gut er wächst, und auf der Stirn diese dunkle Stelle, die entsteht, wenn die Haut sich sehr oft am Gebetsteppich reibt. Ich fuhr in der Spur zu ihrer Linken und sah, dass sie sich köstlich amüsierten. Sie lachten und schauten nach rechts, zu einem anderen Fahrzeug, und gestikulierten und grimassierten dorthin. Der Kleinbus wippte vor ihrem Vergnügen. Später konnte ich erkennen, wem ihr Hohn und Spott gegolten hatte: Neben ihnen war ein Taxi, in dem zwei junge Männer mit Glatzen saßen. Nun bemerkten mich auch die Islamisten und schauten zu mir. Es waren junge Männer, fast schien es ihnen peinlich, dass ich sie bei ihrem ausgelassenen Treiben beobachtet hatte.

Unweigerlich schien mir die kleine spätsommerliche Szene wie ein Symbol künftiger Sorgen: Liefern sich hier bald wildgewordene, vollbehaarte Islamisten Straßenkämpfe mit Glatzköpfen? Es kann alles ganz anders gewesen sein, aber diese Deutung bot sich an, denn in diesen Tagen ist der interkulturelle Kessel besonders unter Druck. In allen europäischen Ländern erstarkt der rechte Rand. Sorgen vor Überfremdung mischen sich mit der Erkenntnis, als Staat, ja als Kontinent in mehrfacher Hinsicht abgehängt zu werden. In zahlreichen Internetforen wird dem Hass auf Araber, Türken und Muslime freier Lauf gelassen. In den Vereinigten Staaten soll dem Präsidenten geschadet werden, indem man das Gerücht verbreitet, er sei Muslim – eine Religionsbezeichnung wird zum Schimpfwort. Und eine Gruppe radikaler Christen rief zur Verbrennung des Koran auf.

Ein historisches Datum

Auch die andere Seite dreht auf: Iran entwickelt seelenruhig sein Nuklearprogramm und beantwortet die weltweiten Proteste gegen eine zur Steinigung verurteilte Frau dadurch, dass diese zu zusätzlichen Peitschenhieben verurteilt wird. Vor den Augen der Welt wurde die bürgerliche gewaltfreie Opposition mit den in dortigen Gefängnissen üblichen, grauenvollen Methoden unterdrückt. Obendrein unterstützt das Land Terrorbewegungen in der ganzen Welt, vermutlich auch die Operationen gegen die Nato-Truppen in Afghanistan. In Rom konnte Muammar al Gaddafi eine seltsame Missionierungsschau vor jungen Frauen veranstalten. Und immer noch stehen Personen, die sich kritisch oder satirisch mit dem Islam auseinandergesetzt haben, auf Todeslisten.

Darum ist der heutige Tag ein historisches Datum. Die Bundeskanzlerin gibt mit ihrer Rede auf die Pressefreiheit, verkörpert durch Kurt Westergaard, ihre habituelle Zurückhaltung auf und setzt, zum ersten Mal in ihrer Amtszeit, ein starkes kulturelles Zeichen, ohne Rücksicht auf die zu erwartenden, heftigen internationalen Reaktionen. Denn es ist leider nicht so, dass Ehrungen für jene, die auf den Todeslisten der Islamisten stehen, zur europäischen Tagesordnung gehören. Während sich Politiker in großen Reden gerne auf das verpflichten, was die Verfassungen ohnehin schon vorschreiben, tun sie sich mit dem direkten Kontakt, mit der praktischen Hilfe für die Verfemten schwer. Salman Rushdie wurde, wenn überhaupt, nur über Hintereingänge oder Tiefgaragen empfangen und garantiert ohne Fototermin. Wer Beistandserklärungen niederländischer Politiker für Ayaan Hirsi Ali einholen wollte, konnte vor allem die Variationen dortiger Warteschleifenmusik studieren, bevor er die Absage notieren durfte. Beide fanden ein freies Leben und volle Anerkennung erst in den Vereinigten Staaten.

Der brisanteste Termin der bisherigen Kanzlerschaft

Kurt Westergaards Gesamtsituation wurde deutlich, als im letzten Winter ein axtschwingender Islamist bis in sein Wohnzimmer vorgedrungen war. Sicher, die Polizei schützt all diese Personen mit dem Geld der westlichen Steuerzahler, schließlich ist das ja auch gesetzlich vorgeschrieben. Aber noch wertvoller als die Verteidigung immaterieller Güter schienen lange die Exportchancen. Da galt jahrzehntelang die Doktrin von Jürgen W. Möllemann, der in der Frage, ob Deutschland an ein autoritäres, offen antisemitisches und islamistisches Regime wie Saudi-Arabien seine Panzer verkaufen dürfe, erklärte, man brauche doch „Leo“ bloß umzudrehen, schon wisse man, warum man verkaufen müsse.

Angela Merkel geht mit dieser Preisverleihung, mit dem Foto, welches sie neben Westergaard zeigen wird, ein großes Risiko ein. Es ist vermutlich der brisanteste Termin ihrer bisherigen Kanzlerschaft. Er ist schließlich kein Ausnahmekünstler wie Rushdie und keine Erscheinung wie Hirsi Ali. Er ist bloß ein Zeichner, wie es sie in Europa zu Dutzenden gibt, deren Assoziationen und Gedanken mit geübter Hand täglich den Weg in regionale und nationale Zeitungen finden. Sein Prophet mit der Bombe im Turban ist nicht das Kunstwerk des Jahrhunderts und sicher keine Inspiration für feinsinnigen Dialog.

Zwischen Bartträgern und Hitzköpfen

Er hat aber, auf diesem Blatt, die Dimension unserer Grundwerte abgesteckt und unsere Identität auf eine Kurzform gebracht: Europa ist ein Ort, in dem ein Zeichner so etwas zeichnen darf. Und wenn sein Leben deswegen bedroht wird, richtet sich diese Drohung gegen uns alle.

Angela Merkels Solidarität mit Westergaard, die einen hohen außenpolitischen Preis fordern könnte, inspiriert die Freiheitsbewegung in Iran und verleiht auch den internationalen Einsätzen der Bundeswehr eine symbolische Legitimation. So kurz nach ihrem Einspruch gegen das pauschale Urteil von Thilo Sarrazin über die in Deutschland lebenden Muslime kommt dieser symbolischen Handlung eine besondere dialektische Geltung zu: Hier halten wir uns von biologistischen Abqualifizierungen fern, dort feiern wir das so hart erworbene Recht auf freie und freche Meinungsäußerung.

So steckt die Kanzlerin die breite republikanische und bürgerliche Fahrspur ab, die sich selbstbewusst zwischen Bartträgern und den Hitzköpfen der anderen Seite eröffnet. So gefällt uns Richtlinienkompetenz.

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Jahrgang 1966, verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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