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Amerikas Furcht vor dem Islam Das Schreckgespenst der Scharia

12.03.2011 ·  Schrille Warnungen vor einer muslimischen Gefahr finden auch in den Vereinigten Staaten immer mehr Gehör. Ein Kongressausschuss hält jetzt Anhörungen über die herbeigeredeten inneren Feinde ab, ganz entgegen der multikulturellen Tradition des Landes.

Von Jordan Mejias, New York
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In „Vale of Tears“, einem vor sieben Jahren erschienenen Roman, wird New York wieder vom Terror heimgesucht. Bei Anschlägen auf Gebäude und Tunnel sterben mehr als hundert Menschen. Auf der Suche nach den Tätern wird ein heldenhafter Abgeordneter fündig, indem er sich in seinem eigenen Wahlkreis auf Long Island umsieht und dort hinter den vorbildlichen Kulissen eines islamischen Zentrums die Spuren von Al Qaida entdeckt. Unter seinen muslimischen Mitbürgern hatte die Terrororganisation ihre neuen Mitglieder rekrutiert. „Es waren Drecksäcke, die hier ein paar Jahre gelebt haben“, muss der Abgeordnete feststellen. Und dem Gründer des Zentrums, einem prominenten Chirurgen, wirft er vor, dass „einige deiner Leute“ nicht begriffen, wo ihre „ultimative Loyalität“ liege. Sie müssten nicht nur den Terrorakt verdammen, sondern mit der Polizei und dem FBI zusammenarbeiten und „ihre eigenen Leute“ anzeigen.

Was der fiktive Abgeordnete Sean Cross über amerikanische Muslime denkt und von ihnen fordert, wiederholt nun, zum Teil wörtlich, der vorschriftsmäßig gewählte Abgeordnete Peter T. King, der in Washington den New Yorker Wahlkreis Nummer drei auf Long Island vertritt. Genauso wahr wäre freilich die Aussage, Cross habe King imitiert. Denn King ist der dreifache Romancier, dem Cross sein quasiliterarisches Leben verdankt. Bisher interessierte das, über vereinzelte Leser hinaus, niemanden. Durch den epochalen Wahlsieg der Republikaner zum Vorsitzenden des Ausschusses für Heimatsicherheit aufgestiegen, konnte King jetzt aber eine Anhörung anberaumen, die darauf abzuzielen schien, die Thesen seines Romans mit erschreckenden Beispielen aus der landesweiten Wirklichkeit zu unterfüttern. Dass seit nahezu zehn Jahren in Amerika selbst jeder Versuch eines Anschlags fehlschlug, spielte dabei keine Rolle.

Anhörung ohne Anlass

Die emotional aufgeladene und von privaten Geschichten geprägte Darbietung vor dem Ausschuss, angekündigt als erste Folge einer Fortsetzungsserie, hatte die vorhersehbare Wirkung. Wer, wie der Ausschussvorsitzende, an eine besorgniserregende Radikalisierung der amerikanischen Muslime glaubte, wurde darin von Zeugen bestätigt, deren einer, ein Muslim, gar von einem „exponentiell ansteigenden Problem“ sprach. Wer dagegen der Veranstaltung von vornherein mit Misstrauen begegnet war und darin vor allem eine demagogische Stimmungsmache gegen eine leicht zu verdächtigende Minderheit erkennen wollte, kam ebenso auf seine Kosten. Von Emotionen in Schach gehalten, findet dieser Tage die Vernunft auch keine Unterstützung in Statistiken, die unterschiedlich genug sind, um für jede Behauptung die passenden Daten zu liefern. Beruft sich ein Politiker auf Ergebnisse der University of North Carolina und der Duke University, zieht ein anderer als Gegenbeweis eine Studie des Congressional Research Service hervor.

Trotz allen Lärms konnte King den Eindruck nicht verscheuchen, einer Anhörung ohne Anlass vorzusitzen. Im Gegensatz zu einigen Brennpunkten in Europa waren die Vereinigten Staaten ja lange Zeit geneigt, mit ihren muslimischen Bürgern wie mit allen anderen umzugehen. Die Nation fühlte sich auch da im Vorteil dank ihrer multikulturellen Wurzeln, ihrer jahrhundertelangen Erfahrung mit Einwanderern und einer wahrlich nicht immer selbstverständlichen, aber schließlich doch meist erreichten Offenheit gegenüber ungewohnten Lebensentwürfen, solange sie nur den nationalen Grundkonsens nicht in Frage stellten. Auch nach den Anschlägen des 11. September blieb diese Vereinbarung in einem überraschenden Maße bestehen. Selbst Präsident Bush achtete darauf, Amerikas Muslime nicht auszugrenzen.

Wachsende Polarisierung

Warum sich einer derart stolz vorgetragenen Harmonie nunmehr beträchtliche Dissonanzen hinzugesellen, wollte der Abgeordnete King leider nicht klären. Vielleicht wäre er auf eine allgemeine Verhärtung der Fronten im politischen und medialen Diskurs und die damit verbundene Verteufelung einst unbedeutender Differenzen gestoßen, vielleicht auch auf die grassierende Polarisierungswut, wie sie in Reinkultur die Tea Party vorführt, die in Muslimen zwar nicht ihre Hauptgegner erkennen will, aber in ihrer Sehnsucht nach einem Amerika, wie es nie war, und ihrer Angst vor dem globalen Wandel es fertigbringt, das Land in eine irrationale Defensive zu treiben.

Mit der Hysterie um ein bestehendes islamisches Zentrum, das wenige Straßenblocks weiter in die Nähe von Ground Zero ziehen wollte, brachen die Dämme, die bislang für einen erstaunlich ruhigen Verlauf der Debatte gesorgt hatten. Immer mehr Gehör finden inzwischen grelle antimuslimische Stimmen, die durch die republikanischen Stimmengewinne noch gestärkt wurden und auch Obsessionen übertönen, wie sie King zugeschrieben werden, dem Augenzeugen des Angriffs aufs Pentagon und ehemaligen Sympathisanten der Irish Republican Army, einer Organisation, die zumindest aus der Sicht der mit den Amerikanern verbündeten Briten nicht nur unter Terrorverdacht stand. King, der einst behauptete, fünfundachtzig Prozent aller Moscheen in Amerika würden von Extremisten geleitet, gab sich bei der Anhörung fast versöhnlich, als er verkündete, die meisten Muslime Amerikas seien „hervorragende Amerikaner“. Brigitte Gabriel wird das mit Empörung vernommen haben.

Verallgemeinerte Lebenserfahrung

Von ihr, der Gründerin des Verbands „Act! for America“, der angeblich hundertfünfundfünfzigtausend Mitglieder und in ganz Amerika schon ein halbes Tausend Ableger haben soll, ist zu hören, dass die Nation zurzeit muslimisch untergraben werde und die Verfassung durch die Scharia ersetzt werden solle. Radikale Kräfte hätten Amerika auf allen Ebenen infiltriert, bis ihn zur CIA, dem FBI, dem Pentagon und Außenministerium. Gabriel findet bei Mitgliedern der Tea Party offene Ohren und verbreitet ihre Lehren auch in einer Fernsehsendung, die sie mit Guy Rodgers, einem gut vernetzten Republikaner und Architekten der fundamentalistischen Christian Coalition, bestreitet. Die streitbare Frau, die im Libanon als maronitische Christin aufwuchs, in den Kriegswirren nach Israel flüchtete, dort für das evangelikale Fernsehimperium des amerikanischen Predigers und ehemaligen Präsidentschaftskandidaten Pat Robertson tätig war, bevor sie in den Vereinigten Staaten Fuß fasste, hat keinerlei Hemmung, ihre Lebenserfahrung absolut zu setzen, ganz nach dem Vorbild einer Ayaan Hirsi Ali.

„In der muslimischen Welt“, heißt es in ihrem Buch „Because They Hate“, „ist der Extremismus der Mainstream.“ Kommenden September will sie eine Aktion starten, in der vor Hunderten von Kirchen, Synagogen und Bibliotheken Flugblätter verteilt werden, die in ausgewählten Koranversen belegen sollen, was sie als die muslimische Neigung zu Gewalt und Frauenfeindlichkeit bestimmt. Damit verglichen, geht King geradezu subtil vor. Gleichwohl könnte seine Anhörungsserie, die vielfach bereits mit der Kommunistenjagd eines Joe McCarthy verglichen wird, die Atmosphäre zusätzlich vergiften. Ein kalifornischer Sheriff, den die Demokraten als Zeuge geladen hatten, wies auf die Gefahren hin, die entstehen, wenn eine ganze Bevölkerungsgruppe angeprangert werde. Wer den Islam als gefährlichen Monolith versteht und Muslimen grundsätzlich mit Misstrauen begegnet, dürfte sich nicht über ihren Rückzug in die Isolation wundern.

Gegen die amerikanischen Werte

Es passt nicht in Kings Amerikabild, dass die meisten Hinweise, die es zur Aufklärung von versuchten Anschlägen oder ihrer Verhinderung gab, aus muslimischen Kreisen kamen. Er will mit seiner Inquisition den nächsten Anschlag verhindern helfen, auch wenn er damit, wie seine Kritiker fürchten, im muslimischen Ausland antiamerikanische Ressentiments aufpeitscht.

Sein Kollege Keith Ellison, einer von zwei Muslimen im Repräsentantenhaus, sagte auf verlorenem Posten aus. Unter Tränen erinnerte er an einen muslimischen Sanitäter, der bei den Angriffen aufs World Trade Center ums Leben kam und doch in Verdacht geriet, bei den Terroranschlägen mitgewirkt zu haben: „Der Ansatz, den der Ausschuss bei diesem speziellen Thema gewählt hat, steht im Gegensatz zu den besten amerikanischen Werten und ist eine Bedrohung für unsere Sicherheit oder könnte es werden.“ Ellison wird es nicht leicht haben, seine Landsleute zu überzeugen. Nach der jüngsten Umfrage meinen 82 Prozent aller Amerikaner, dass amerikanische Muslimen ihrem Glauben treu seien, aber nur 53 Prozent, dass sie auch zu Amerika hielten.

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Jahrgang 1949, Feuilletonkorrespondent in New York.

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