27.01.2006 · Eine Berliner Schule einigt sich auf die einzige Sprache, die alle verstehen: auf Deutsch. Jetzt muß sie sich gegen eine Diffamierungskampagne selbsternannter Schutzmächte zur Wehr setzen.
Von Regina MönchDer Schulhof, über den sich seit einigen Tagen das ganze Land erregt, liegt verlassen unter einer kalten Wintersonne. Hier, in der Hoover-Schule, wird deutsch gesprochen, mitten in einem Viertel des Berliner Wedding, in dem man sonst überwiegend Türkisch, Arabisch und noch vierzig andere Sprachen hört.
Eine dicke Eisschicht auf dem Boden verhindert, daß die zahlreich angereisten Journalisten sofort die Probe aufs Exempel machen können: Sind Kinder unglücklich, wenn sie deutsch reden? Sind sie unglücklich, weil Deutsch nicht ihre Muttersprache ist, wohl aber die Sprache, in der nicht wenige alsbald die Abschlußprüfung ablegen wollen, um danach, wenn alles gutgeht, die nächste, die große Hürde zu nehmen: das Abitur?
Von dem Vater erschossen
In einem Hof der Schule steht ein kahler Baum, an seinem Fuß eine kleine Grabplatte, die an Iman D. erinnert, einst Hoover-Schülerin. An einem Novembermorgen vor über zehn Jahren wurde das vierzehnjährige Mädchen von seinem Vater erschossen, den es bei der Polizei angezeigt hatte; auf dem Weg zur Schule, nur fünfhundert Meter entfernt. Der Gedenkort im Schulhof will nicht nur an die Tragödie erinnern. Er bietet auch Gelegenheit, immer mal wieder über das tödliche Verhängnis zu sprechen. Und über Vertrauen und Hilfe, die bekommt, wer sie sucht.
Die Hoover-Schule hat im letzten Jahrzehnt eine Wandlung durchgemacht wie fast alle Schulen im Viertel. Viele Familien, die ehrgeizigere Zukunftspläne für ihre Kinder hatten, zogen weg, fast alle Deutschen sowieso. Nun gibt es weniger Eltern als früher, die sich für das Schulleben und Fortkommen ihrer Kinder interessieren, und für viele wurde es zum Problem, der Unterrichtssprache zu folgen. Das ist die Vorgeschichte einer Reform, die jetzt skandalisiert worden ist. Eine Vorgeschichte, die Fachlehrer dazu brachte, ihre Einzelkämpferposition aufzugeben und gemeinsam mit Deutschlehrern ein mühseliges, doch erfolgreiches Lernprogramm zu entwickeln.
Mehr Deutschstunden als anderswo
Seither werden an dieser Realschule mehr Deutschstunden gegeben als anderswo, und mehr Schüler erreichen gute Schulabschlüsse. Auch Migrantenkinder haben längst begriffen, warum sie Deutsch lernen sollten. Und sie wissen, daß der Erfolg von ihnen so sehr abhängt wie von ihren Lehrern. Im Souterrain der Schule gibt es ein Internetcafe, das vor allem bei Mädchen beliebt ist, die hier nach dem Unterricht ungestört viel Zeit verbringen. Mädchen, auf die daheim in aller Regel jede Menge Hausarbeit wartet. Kleine Freiheitsgewinne, über die niemand spricht. So wenig wie bislang über die Hausordnung.
Im März 2005 verschickte die Hoover-Schule an alle Eltern einen Brief. Er war nicht der erste, und er wird, falls Bigotterie und nationalistische Verblendung nicht obsiegen, auch nicht der letzte sein. „Liebe Eltern“ stand darüber und darunter der Hinweis auf die neue Hausordnung. Lehrer, Schüler und Eltern, hieß es, seien eine Selbstverpflichtung eingegangen: Solange die Schüler in der Schule sind, wollen sie deutsch miteinander sprechen. Der Brief schloß mit der Bitte, „Ihre Kinder dementsprechend zu beeinflussen“.
Fälle roher Gewalt
Was nicht im Brief stand, aber allen bekannt war: Es hatte Fälle roher Gewalt an der Schule gegeben. Immer zwischen Jungengruppen, die sich in verschiedenen Sprachen beschimpften, deren Schlichtung Lehrern wie Mitschülern unmöglich war, weil sie nichts verstanden. Die Sprache wurde als Waffe eingesetzt, um sich abzuschotten, um zu verletzen, ohne dafür verantwortlich gemacht werden zu können. Das sollte sich ändern, beschlossen Schüler, Eltern, Lehrer.
Und es hat sich verändert, versichern die Klassensprecher, die immer noch nicht begriffen haben, warum sich plötzlich so viele Erwachsene darüber aufregen, daß Ausländer gut Deutsch sprechen wollen. Geduldig erklärt Schulsprecher Asad Suleman daher den Journalisten noch einmal, warum viele seiner Mitschüler Deutsch besser als ihre Muttersprache sprechen. Und ein türkisches Mädchen wiederholt, sie fände es normal und außerdem höflicher, sich an der Schule in der einzigen Sprache zu verständigen, die alle verstehen: auf deutsch.
Drohende „Zwangsgermanisierung“
Trotzdem wittern selbsternannte Schutzmächte, die 3sat-Sendung „Kulturzeit“ etwa, eine drohende „Zwangsgermanisierung“. Es war von „einfachen Menschen in Angst“ die Rede und von diskriminierten Jungen. Yener Polat, Deutschtürke und Sprecher der Hoover-Eltern, versteht das Geschrei nicht. Er verwahrt sich gegen die Lüge, gerade die türkischen Eltern fänden das alles verkehrt. Aber aller Widerspruch hilft nicht. Denn es geht nicht um diese Schule, auch nicht um die enormen Anstrengungen von Lehrern und Schülern, Teil dieser Gesellschaft zu sein. Es geht um Macht und Einfluß bestimmter Verbände. Die Zeitenwende in Migrantenschulen, deren Schüler und Lehrer endlich den Mut finden, sich öffentlich zum Deutschen zu bekennen, verfolgen sie mit Argwohn.
Es sind denn auch vor allem türkische Vereine, die jetzt, ein Jahr nach dem Beschluß über die neue Hausordnung, Stimmung machen gegen die Hoover-Schule. Auch sie haben dieser Tage die Medien eingeladen, um das, was sie für die Wahrheit halten, unters Volk zu bringen. Sie behaupten, für alle zu sprechen, die „in Angst leben“, nicht nur die Türken Berlins, auch für Russen, Chinesen, Araber, Pakistani, Libanesen. Daß sich alle Hoover-Eltern und -Schüler auf das Deutsche als Verkehrssprache geeinigt haben, ficht sie nicht an: „Daß alle einverstanden sind, heißt noch lange nicht, daß die Sache gut ist!“ Der Vertreter des türkischen Elternvereins in Berlin entwickelte flugs eine Verschwörungstheorie: Die Eltern seien alle hinters Licht geführt worden, sie würden von der Schule instrumentalisiert.
Auf die Frage, wo denn die Beschwerden Verzweifelter seien, antwortete er erregt, es werde sie schon noch geben! Und Eren Ünsal vom Türkischen Bund verkündete gar: „Wir bestimmen, wann unsere Muttersprache gesprochen wird.“ Wer das nicht versteht, ist selbst schuld; wer sich dem Diktat entzieht und ausschert, wird unter Generalverdacht gestellt. Der Lärm zeigt, wie brisant die Frage ist, auf die die Berliner Hoover-Schule eine Antwort gefunden hat. Die Frage lautet: Wer sind wir, und wie wollen wir leben?