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Integration : Welche Ziele verfolgt der Zentralrat der Muslime?

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Als Student zum Islam konvertiert: Ayyub Axel Köhler Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Wie ein Nachahmer des Propheten sieht Ayyub Axel Köhler nicht aus. Seit Anfang Februar ist er Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland. Und hat seine eigenen Vorstellungen von islamischer und deutscher Identität.

          Wie ein Nachahmer des Propheten sieht Ayyub Axel Köhler nicht aus. Anders als viele Konvertiten, die ihren neuen Glauben mit blonden Vollbärten zur Schau tragen, verkörpert Köhler westlichen Lebensstil. Mit Glatze, dünnrandiger Brille, Moustache und Fliege umweht ihn sogar ein Hauch von Salonlöwentum. Modisch würde der neue Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland gut in die zwanziger Jahre passen. Was macht dieser ältere Herr, dessen häufigster Gesichtsausdruck ein mehrdeutiges Schmunzeln ist, in den Kulturkämpfen des einundzwanzigsten Jahrhunderts? Während sein Vorgänger Nadeem Elyas, stolzer Abkömmling einer saudischen Gelehrtenfamilie, das Amt mit kühler Unnahbarkeit versah, strahlt Köhler eine fast onkelhafte Geduld aus - auch wenn er stets Manieren beweist und sich gediegener Ausdrücke wie „zweifaltig“ statt „ambivalent“ bedient.

          Im Begegnungs- und Fortbildungszentrum muslimischer Frauen an der Kölner Liebigstraße erklärt Köhler einem Saal voller ratloser Berufsschullehrer den Karikaturenstreit, der „tiefe Beleidigungen und tiefe Kränkungen“ hinterlassen habe. Nur durch Bildung könne man verhindern, daß muslimische Schüler zu „Opfern von Demagogen werden, die sie auf die Straße schicken, um die Häuser anzuzünden“. Als ein türkischer Lehrer für Religionskunde vorschlägt, im Unterricht zu diskutieren, ob ein striktes Bilderverbot überhaupt noch notwendig sei, antwortet Köhler mit einer ausweichenden Wendung: „Das kommt darauf an, wie nah oder fern man seiner Religion steht.“

          „Wir brauchen eine deutsche Identität“

          Fern steht Ayyub Axel Köhler, der 1938 in Stettin geboren wurde und 1963 als Student in Freiburg zum Islam übergetreten ist, seiner Religion nicht. „Ich habe einen festen islamischen Standpunkt“, erklärt Köhler nach der Diskussion in einer kleinen Pizzeria in Köln-Nippes, „und der ist auch nicht verhandelbar.“ Und dann stellt er eine überraschende Forderung: „Für die Integration brauchen wir in Deutschland zunächst einmal eine deutsche Identität.“ Wie dieses deutsche Wesen aussehen könnte? Köhler überlegt, und in der Antwort verrät sich der Liberale, der „in der Ostzone“ bis 1956 ein „System ohne Presse- und Meinungsfreiheit“ erlebte: „Es könnte ein verantwortungsvoller Umgang mit Freiheit sein.“ Ob denn Freiheit nicht eine genuine Errungenschaft säkularer Staaten sei? Hier zögert Köhler. „Der Islam hat einen starken Freiheitsbegriff in der direkten Gottesbeziehung. Man ist nicht so sehr abhängig vom neuesten Auto.“

          Die Unabhängigkeit von materiellen Werten, in muslimischen Verbänden keineswegs selbstverständlich, nimmt man Köhler durchaus ab: Sein Posten ist ein Ehrenamt, und der Dachverband hat sogar Probleme, ein bezahlbares Dienstbüro im Kölner Norden aufzutun. Der promovierte Geophysiker im Ruhestand, von 1973 bis 1999 am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln beschäftigt, lebt mit seiner Ehefrau, der türkischen Germanistin und Lehrerin Asiye Köhler, in einer bescheidenen Mietwohnung am Niehler Kirchweg. Als FDP-Bezirksvertreter protestierte Köhler 2003 gegen städtische Pläne, eine Bauwagenkolonie an diesem sozialen Brennpunkt anzusiedeln, der schon durch Metin Kaplans berüchtigten „Kalifatstaat“ in Verruf geraten war: „Es liegt insbesondere den Liberalen fern, jemandem vorzuschreiben, wie er sein Leben gestaltet“, formulierte Köhler in seiner Erklärung zu der in Schulnähe vorgesehenen Punker-Wagenburg, „jedoch sollte dies nicht zu Lasten der Gesellschaft gehen.“

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