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Integration Welche Ziele verfolgt der Zentralrat der Muslime?

13.03.2006 ·  Wie ein Nachahmer des Propheten sieht Ayyub Axel Köhler nicht aus. Seit Anfang Februar ist er Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland. Und hat seine eigenen Vorstellungen von islamischer und deutscher Identität.

Von Andreas Rosenfelder
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Wie ein Nachahmer des Propheten sieht Ayyub Axel Köhler nicht aus. Anders als viele Konvertiten, die ihren neuen Glauben mit blonden Vollbärten zur Schau tragen, verkörpert Köhler westlichen Lebensstil. Mit Glatze, dünnrandiger Brille, Moustache und Fliege umweht ihn sogar ein Hauch von Salonlöwentum. Modisch würde der neue Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland gut in die zwanziger Jahre passen. Was macht dieser ältere Herr, dessen häufigster Gesichtsausdruck ein mehrdeutiges Schmunzeln ist, in den Kulturkämpfen des einundzwanzigsten Jahrhunderts? Während sein Vorgänger Nadeem Elyas, stolzer Abkömmling einer saudischen Gelehrtenfamilie, das Amt mit kühler Unnahbarkeit versah, strahlt Köhler eine fast onkelhafte Geduld aus - auch wenn er stets Manieren beweist und sich gediegener Ausdrücke wie „zweifaltig“ statt „ambivalent“ bedient.

Im Begegnungs- und Fortbildungszentrum muslimischer Frauen an der Kölner Liebigstraße erklärt Köhler einem Saal voller ratloser Berufsschullehrer den Karikaturenstreit, der „tiefe Beleidigungen und tiefe Kränkungen“ hinterlassen habe. Nur durch Bildung könne man verhindern, daß muslimische Schüler zu „Opfern von Demagogen werden, die sie auf die Straße schicken, um die Häuser anzuzünden“. Als ein türkischer Lehrer für Religionskunde vorschlägt, im Unterricht zu diskutieren, ob ein striktes Bilderverbot überhaupt noch notwendig sei, antwortet Köhler mit einer ausweichenden Wendung: „Das kommt darauf an, wie nah oder fern man seiner Religion steht.“

„Wir brauchen eine deutsche Identität“

Fern steht Ayyub Axel Köhler, der 1938 in Stettin geboren wurde und 1963 als Student in Freiburg zum Islam übergetreten ist, seiner Religion nicht. „Ich habe einen festen islamischen Standpunkt“, erklärt Köhler nach der Diskussion in einer kleinen Pizzeria in Köln-Nippes, „und der ist auch nicht verhandelbar.“ Und dann stellt er eine überraschende Forderung: „Für die Integration brauchen wir in Deutschland zunächst einmal eine deutsche Identität.“ Wie dieses deutsche Wesen aussehen könnte? Köhler überlegt, und in der Antwort verrät sich der Liberale, der „in der Ostzone“ bis 1956 ein „System ohne Presse- und Meinungsfreiheit“ erlebte: „Es könnte ein verantwortungsvoller Umgang mit Freiheit sein.“ Ob denn Freiheit nicht eine genuine Errungenschaft säkularer Staaten sei? Hier zögert Köhler. „Der Islam hat einen starken Freiheitsbegriff in der direkten Gottesbeziehung. Man ist nicht so sehr abhängig vom neuesten Auto.“

Die Unabhängigkeit von materiellen Werten, in muslimischen Verbänden keineswegs selbstverständlich, nimmt man Köhler durchaus ab: Sein Posten ist ein Ehrenamt, und der Dachverband hat sogar Probleme, ein bezahlbares Dienstbüro im Kölner Norden aufzutun. Der promovierte Geophysiker im Ruhestand, von 1973 bis 1999 am Institut der deutschen Wirtschaft in Köln beschäftigt, lebt mit seiner Ehefrau, der türkischen Germanistin und Lehrerin Asiye Köhler, in einer bescheidenen Mietwohnung am Niehler Kirchweg. Als FDP-Bezirksvertreter protestierte Köhler 2003 gegen städtische Pläne, eine Bauwagenkolonie an diesem sozialen Brennpunkt anzusiedeln, der schon durch Metin Kaplans berüchtigten „Kalifatstaat“ in Verruf geraten war: „Es liegt insbesondere den Liberalen fern, jemandem vorzuschreiben, wie er sein Leben gestaltet“, formulierte Köhler in seiner Erklärung zu der in Schulnähe vorgesehenen Punker-Wagenburg, „jedoch sollte dies nicht zu Lasten der Gesellschaft gehen.“

Eine originelle Form der Aneignung

Mit der Wahl von Ayyub Axel Köhler, der zwischen Minderheitenrechten und Mehrheitsinteressen abzuwägen versteht, hat der Zentralrat der Muslime allem Anschein nach eine Richtungsentscheidung getroffen. Köhler selbst will sich „nicht darum gerissen“ haben, zum sichtbarsten Stellvertreter des Islam in Deutschland aufzusteigen. Am Ende eines mit Interviews vollgepackten Tages starrt der Siebenundsechzigjährige manchmal für Sekunden ins Leere - und es liegt mehr Erschöpfung als Meditation in diesem Blick. Dennoch bereut Köhler die Kandidatur nicht. Als Deutscher könne er neue Gesprächspartner gewinnen, und als Lokalpolitiker kenne er sich mit der „Aufklärung an der Basis“ aus: „Wir haben eine andere politische Kultur und ein anderes Vorgehen.“

Tatsächlich gab es im Zentralrat der Muslime einen bedeutenden Gegenkandidaten. Ibrahim El Zayat von der Islamischen Gemeinschaft in Deutschland, nach Ansicht mancher Experten der mächtigste Mann des Islam in Deutschland, hätte im Kontrast zu Köhler wohl die Sache eines politischen Islam betrieben. El Zayat verwaltet als Funktionär der Europäischen Moscheebau- und Unterstützergemeinschaft den Immobilienbesitz von Milli Görüs und hat zudem in die Dynastie des türkischen Islamisten und ehemaligen Ministerpräsidenten Necmettin Erbakan eingeheiratet. Unlängst erwarb El Zayat das stattliche Anwesen von Heinrich Böll in Bornheim-Merten - eine originelle Form der Aneignung deutscher Leitkultur.

Köhlers Wahl als Befreiungsschlag

Anders als Köhler steht El Zayat für die ökonomischen und familiären Verflechtungen des deutschen Islam. Daß Köhler tatsächlich eine Alternative ist und nicht bloß ein Strohmann zur Beschwichtigung der deutschen Mehrheitsgesellschaft, dafür spricht der erstaunliche Rückhalt, den er sogar unter säkularen Muslimen findet. So bezeichnet ihn Lale Akgün, SPD-Bundestagsabgeordnete aus Köln und im Kopftuchstreit eine erbitterte Gegnerin Köhlers, als „Glücksfall für den Zentralrat und für die Muslime in Deutschland“. Er vertrete einen „sehr liberalen Islam“, sei „ohne politische Ambitionen“ und stehe nicht unter dem Einfluß des Auslands. Akgün lacht: „Der hört nur auf seine Frau.“

Auch Faruk Sen vom Essener Zentrum für Türkeistudien knüpft große Erwartungen an Köhler. Anders als der Wahabit Nadeem Elyas stehe er nicht für einen konservativen Islam, der sich nur aus taktischen Gründen an seine deutsche Umwelt anpasse: „Ich hoffe, daß Köhler einen deutsch-europäischen Weg sucht.“ Und Muhammad Salim Abdullah, der erfahrene Leiter des 1927 gegründeten Islam-Archivs Deutschland in Soest, sieht in der Wahl einen möglichen „Befreiungsschlag“ gegen die Steuerung durch internationale Organisationen: „Nach Elyas hat die Islamische Weltliga, deren Zentrale in Mekka sitzt, keinen Mann mehr im Zentralrat.“

„Nicht weniger, als die Verfassung erlaubt“

Ayyub Axel Köhler war bereits 1988 an der Gründung des Islamischen Arbeitskreises beteiligt, der sich 1995 Zentralrat der Muslime in Deutschland nannte und mit diesem Kunstgriff mitgliederstärkere Dachverbände wie Ditib und den Islamrat in den Schatten stellte. Die Präsenz des Zentralrats beruht laut Köhler einerseits auf dem Umstand, daß hier wegen der multiethnischen Mitgliederstruktur nicht Türkisch, sondern Deutsch gesprochen wird, andererseits aber auch auf einer geschickten „Politik der kleinen Schritte“. Ende letzten Jahres traf sich der Zentralrat, seit Jahren wegen der Nähe einiger Mitgliederorganisationen zur fundamentalistischen Muslimbruderschaft vom Verfassungsschutz beobachtet, in Berlin mit den Präsidenten von Bundeskriminalamt und Bundesverfassungsschutz - und wurde nach der Verabschiedung eines Konzeptpapiers über „vertrauenbildende Maßnahmen“ von einigen Konkurrenzverbänden inoffiziell der Kollaboration bezichtigt.

Mit diplomatischem Gespür verfolgt der Zentralrat der Muslime in Deutschland sein Ziel, das nach Ayyub Axel Köhler in der „Integration des Islam in die deutsche Staatsordnung“ nach dem Vorbild anderer Religionsgemeinschaften besteht. Man wolle „nicht mehr, aber auch nicht weniger, als die Verfassung erlaubt“. Die Einführung der Scharia gehöre nicht zu diesen Zielen - allerdings gelte das islamische Recht ohnehin nur für Muslime. Die verbreitete Sorge um eine vom demographischen Wandel bewirkte Umwertung westlicher Werte wischt Köhler mit einer allergischen Handbewegung vom Tisch. Zu diesem Thema hat er nur Massenpsychologie anzubieten: „Die Deutschen sind immer ein ängstliches Volk gewesen.“ Andererseits betrachtet Köhler Deutschland „aufgrund seiner guten Verfassungsbedingungen“ als mögliches Musterland für ein „Auskommen der Religionen“, mit Strahlkraft „auch in andere Erdteile“. Hier handle es sich um einen säkularen Staat, der die Religionen nicht „auf jakobinische Art“ bekämpfe.

Aus dem Schloß wird ein Schlüssel

Ein klassisches Konversionserlebnis hat Ayyub Axel Köhler, als Naturwissenschaftler eher ein nüchterner Kopf, nicht vorzuweisen. Kein Lichtstrahl sei ihm 1963 erschienen. Es war eher eine Vernunftentscheidung, die seinen aus dem protestantischen Elternhaus übernommenen Zweifeln an der Trinität entgegenkam. Für Köhler, der „aus der Enge der Ostzone“ nach Freiburg kam, standen die Mensa-Tischnachbarn aus Persien, Ägypten und Nordafrika für die Weite der Welt. Köhler gerät ins Schwärmen, wenn er von seiner ersten Reise nach Teheran und von der Fahrt im klapprigen Bus durch Ostanatolien erzählt. Glaubenskrisen hat er nie gehabt: „Das kommt bei Muslimen selten vor. Es gibt da nicht so viele Dinge, die nachdenklich machen.“

Wenn schon der westliche Hang zum Selbstzweifel fehlt - wie steht es dann um die Gelassenheit, die den Reaktionen der arabischen Welt auf die dänischen Karikaturen in so eklatanter Manier abging? Ayyub Axel Köhler sieht seine Aufgabe im mäßigenden Einwirken auf die deutschen Muslime. Auf längere Sicht will er sogar das heikle Thema der antijüdischen Stimmung angehen und an das gute Zusammenleben im maurischen Spanien erinnern. Überhaupt kultiviert Köhler, der Hiobs arabischen Namen „Ayyub“ annahm, eine Haltung, die in angespannten Lagen nicht schaden kann.

„Schicksalsschläge, das sind Dinge, die man geduldig hinnehmen kann“, erläutert er. „Das sind Prüfungen, wie Hiob von Gott auch geprüft wurde. Zum Schluß stellte sich heraus, daß es nichts Schlimmes war.“ Dann zitiert der freundliche Herr mit der Glatze, dem Schnurrbart und der Fliege die Weisheit eines persischen Derwischs: „Was einem als Vorhängeschloß erscheint, erscheint einem später als Schlüssel!“ Und er schaut dabei so verschmitzt, daß man unwillkürlich nickt - auch wenn man noch nicht wirklich weiß, wofür genau in diesem Bild Schlüssel, Schloß und Türe stehen.

Quelle: F.A.Z., 14.03.2006, Nr. 62 / Seite 41
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