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Integration : Eure Familien, unsere Familien

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Necla Kelek Bild: F.A.Z.-Holde Schneider

Ich übertreibe nicht: Ein Gespräch mit der Soziologin Necla Kelek über die Macht des Islam, Gewalt und Verrat, Kulturbarrieren und Kopftücher sowie anatolische Dörfer mitten in Deutschland.

          Ein Jahr nach dem Erscheinen hat „Die fremde Braut“ von Necla Kelek eine heftige Kontroverse über die Ausländerintegration und deren Erforschung ausgelöst. Kritiker werfen der 1957 in Istanbul geborenen, in Deutschland ausgebildeten Autorin vor, sie arbeite unwissenschaftlich und schüre Vorurteile. Mitte März erscheint Necla Keleks neues Buch „Die verlorenen Söhne“.

          F.A.Z.: Frau Kelek, Sie haben Ihre Familie in den Mittelpunkt Ihres Buches „Die fremde Braut“ gestellt. Warum?

          Ihre Geschichte ist exemplarisch für die Entwicklung der Türkei seit 1923, aber auch für die Migration in Deutschland. Sie fängt an, als der Traum von der Republik in das private Leben meiner Familie einzog, die sich langsam aus dem Kollektiv, das der Islam prägt, zu lösen beginnt. Ich beschreibe Menschen, die die individuelle Freiheit entdecken, die versuchen, selbst über ihr Leben zu bestimmen. Ich wollte erklären, wie es zu diesem Bruch mit dem Kollektiv, der Umma, kam. Meine Kindheit in Istanbul war wunderbar, wir schwärmten für Amerika, für diese Filme, diese Musik, diese Autos. Aber vor allem für die unendliche Freiheit des Individuums. Mein Vater gehörte zu jener Aufbruchsgeneration, die sich davon anstecken und wegen dieses Traums das Dorf verließ. Meine Eltern waren Anhänger von Kennedy und Atatürk. Aber das ist lange vorbei.

          Und heute?

          Die Illusionen, die meine frühe Kindheit prägten, sind mit der millionenfachen Binnenmigration, vom Dorf in die Stadt erstickt. Sollte ich heute ein Resümee ziehen, würde ich sagen: Die Dörfer mit ihren islamischen Traditionen haben die Städte erobert, auch Istanbul. Nicht mehr der einzelne trägt für seinen Lebensweg die Verantwortung, sondern wieder das islamische Kollektiv.

          Während der ersten Jahre, die Ihre Familie in Deutschland lebte, schien das noch anders zu sein. Wie erklären Sie sich diese Umkehr?

          Der kulturelle Hintergrund, die Religion, ist inzwischen viel entscheidender geworden als sozioökonomische Ursachen. Der Islam spielt heute eine größere politische Rolle, als viele wahrhaben wollen, und er regelt auch den Alltag: wie gelebt, was gedacht und was abgelehnt wird - Unreine zum Beispiel, zu denen für viele Türken die Deutschen gehören, die sie verachten.

          Existiert denn nur dieser traditionelle Dorfislam, oder gibt es auch liberalere Spielarten?

          Natürlich. Der Islam war auch für meine Familie eine Bereicherung in diesen Jahren, als sich die Türkei öffnete, doch nicht das Bestimmende, so wie heute, wo die politische Dimension dazugekommen ist. Religion ist eigentlich Privatsache, aber der Islam darf nicht nur als persönlicher Glaube diskutiert werden. Er muß politisch gesehen werden, er ist Politik. Der gewaltige Demonstrationszug durch Istanbul zum Beispiel gegen die dänischen Karikaturen, da brüllten und schrien die radikalen Nationalisten gemeinsam mit den Islamisten. Das ist Islam-Faschismus. Und doch freut sich der deutsche Radio-Reporter über diese „friedliche“ Demonstration, weil keine Botschaft brannte.

          Haben Sie das früher anders wahrgenommen? Oder haben sich die Verhältnisse verändert?

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