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Die Instagram-Jugend : Wer nicht auf dieser Bühne spielt, ist raus

Sind wir nicht schön und glücklich? Jeder soll es sehen. Bild: mauritius images

Die Fotosharing-Plattform Instagram ist, was Facebook einmal war: der Ort der sozialen Vernetzung, an dem Jugendliche sich inszenieren. Aber was bedeutet es, wenn Heranwachsende sich permanent selbst darstellen?

          Als man sie nach Facebook fragt, da lacht sie nur. „Das ist so was von gestern“, sagt sie. Keiner ihrer Freunde interessiere sich noch ernsthaft für Facebook, inzwischen hätten ja selbst die eigenen Eltern, manchmal sogar die Großeltern die Vernetzungsplattform entdeckt. Das sei, als würde man auf derselben Party abhängen. Gemeinsam Bier trinken. Tanzen. Kein Jugendlicher will das.

          Melanie Mühl

          Redakteurin im Feuilleton.

          Sie ist siebzehn, heißt Lara, und wie alle ihre Freunde hat sie einen Account bei der Foto-Sharing-Plattform Instagram, deren Nutzerzahlen unentwegt steigen - inzwischen sind mehr als dreihundert Millionen Menschen registriert, die täglich mehr als siebzig Millionen Fotos teilen, Videos hochladen, Bilder liken und kommentieren. Unter ihnen sind zahllose Models und Stars wie Selena Gomez. Sie sorgte unlängst für einen Shitstorm, weil sie ein partyhaft anmutendes Foto von sich und Freunden auf dem Gelände der Scheich-Zayid-Moschee in Abu Dhabi geschossen und gepostet hatte. Bei aller Toleranz, das ging Teilen der Netzgemeinde dann doch zu weit.

          Laras dunkelblondes Haar reicht bis zum Schlüsselbein, weshalb der Schnitt, der in Hollywood gerade sehr beliebt ist, Clavi-Cut heißt. Ihre Augenbrauen sind dicht und breit, und auch diese Form ist sehr beliebt, alle wollen balkenartige Augenbrauen wie das Model Cara Delevingne oder Keira Knightley - oder eben wie Brooke Shields, die ihre Brauen allerdings bereits 1980 in der „Blauen Lagune“ buschig trug. Durch welche Modezeitschrift man auch blättert, überall erklären einem „Augenbrauen-Experten“ Schmink-Tipps für den „Cara-Effect“. Auch bei Instagram.

          Instagram als Bühne

          Lara winkt ab. „Nein, nein“, sagt sie, sie eifere keinen Stars nach, jedenfalls nicht bewusst. Und Fotos? Lädt sie selten hoch, nur von besonderen Momenten, wie vor ein paar Wochen, da reiste sie mit ihrer besten Freundin nach London, und sie schossen Bilder in einem Laden des Unterwäschelabels „Vicoria’s Secret“. Diesen Augenblick wollte sie teilen.

          Instagram ist Laras Standleitung zu ihren Freunden. Es ist ein Kommunikations- und Selbstvergewisserungsinstrument für Jugendliche. Absolut unverzichtbar, genauso wie Whats App. Ohne soziale Netzwerke würde sich Lara vom Informationsfluss abschneiden und stünde im Abseits. Wie sollte sie auf dem Pausenhof über die peinlichen Fotos der Tussi aus der Parallelklasse mitlästern? Wie den hochgeladenen Videoclip ihrer Freundin kommentieren? Wie über die in der Schule diskutierten Modetrends urteilen?

          Viel Haut bedeutet viele Likes

          Surft man bei Instagram, sticht die Professionalität vieler Teenagerprofile ins Auge. Perfektes Make-up, perfektes Styling, perfektes Licht. Die Inszenierungsspielregeln sind bekannt. Instagram ist eine Bühne. Es geht dabei nicht immer um Schönheit, aber sehr oft. Es existieren unzählige Apps, die den Fotos den professionellen Schliff verleihen. Im Grunde kann beinahe jeder, der den nötigen Aufwand betreibt, bei Instagram gut aussehen. Was unter dem Label Schnappschuss oder Selfie daherkommt, wirkt oft wie das Ergebnis eines durchgeplanten Fotoshootings.

          Die Bandbreite reicht von mädchenhaft verspielt bis eindeutig erotisch. Je mehr Haut, desto besser. Viel Haut bedeutet viele Likes. Likes sind die soziale Währung, ein permanent abrufbares Ranking, sichtbar für jeden. „Die mit besonders vielen Likes sind die ,Fame- Leute‘, sagt Lara. „Die sind halt like-geil.“ Sie wollen Applaus, jeder will Applaus, auch dieser Wettkampf ist Instagram-Realität. Was für die „Fame-Leute“ Segen ist, kann für jene, die ignoriert werden, Fluch sein. Unkommentierte Sichtbarkeit ist Unsichtbarkeit.

          Die Oberfläche als Schlüssel

          Lara ist eine hübsche junge Frau mit makelloser Haut, ohne Hang zum Tussihaften. Sie trägt enge Jeans, Turnschuhe und eine schwarze Lederjacke. Sie sitzt in einer Frankfurter Straßenbahn und wenn Jungs einsteigen, sehen sie sie an. Lara sieht nicht zurück, als würde sie die taxierenden Blicke gar nicht bemerken. Sie wächst in einer Optimierungsgesellschaft auf, in der schon kleinen Mädchen suggeriert wird, dass sie es im Leben besonders weit bringen, wenn sie schön sind. In der zahllose weibliche Teenager Heidi Klum verehren und „Germany’s next Topmodel“ im Fernsehen schauen - eine Sendung, deren berühmtester Satz lautet: „Ich habe heute leider kein Foto für dich.“ In der Magazine behaupten, vierzig sei das neue dreißig und der Körper zu einer gestaltbaren Spielfläche mutiert, als ließe sich der Alterungsprozess tatsächlich aufhalten.

          Die Oberfläche als Schlüssel, der die Tür zu Glück und Erfolg öffnet. In der Liebe und im Beruf. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die To-go-Kultur auch die Anti-Falten-Botox-Spritze erreichen würde. Lara ist dafür freilich viel zu jung. „Botox? Würde ich nie machen!“, sagt sie. „Da sieht man doch aus, als hätte man ein eingefrorenes Gesicht.“ Trotzdem verteufelt sie ästhetische Verschönerungsmaßnahmen nicht, sie findet: „wenn es eine Person zufriedener macht, warum nicht?“

          Selbstprüfung durch Bilderwettbewerb

          Ada Borkenhagen ist Psychologin, zu ihrem Forschungsschwerpunkt zählt der moderne Körper und dessen ausgefeilte Modifikationsmöglichkeiten. Sie sagt: „Minimalinvasive Eingriffe wie Botox und Hyaluronsäure werden in Zukunft so normal werden wie die Zahnprophylaxe.“ Der Körper ist sehr viel wichtiger geworden, ebenso wie seine Vermarktung, die sich im Internet zuspitzt. „Das setzt Jugendliche unter Druck.“ Es gelte, immer und überall gut auszusehen. „Selbst beim Sport sind manche Mädchen heute geschminkt. Ich kenne Fälle, da setzen Mädchen keine Schwimmbrille auf, weil sie sich um die Abdrücke auf ihrer Haut Sorgen machen.“

          Wissenschaftler der American Academy of Facial Plastic and Reconstructive Surgery (AAFPRS) fanden heraus, dass die von Hollywood-Stars ausgelöste Selfie-Manie den Markt der ästhetischen Chirurgie weiter wachsen lässt. Ein Drittel der befragten Ärzte gab an, dass vermehrt Patienten Eingriffe vornehmen ließen, um ihre Attraktivität in den sozialen Medien zu erhöhen. Soziale Plattformen wie Instagram, Snapchat und die iPhone-App Selfie.im, die ausschließlich auf Bildern basierten, zwängen die Patienten dazu, sich selbst wie unter einem Mikroskop zu betrachten. Mit einem viel selbstkritischeren Auge als jemals zuvor.

          Zahlreiche Studien beleuchten, wie sich die intensive Nutzung sozialer Plattformen auf das Selbstbewusstsein und die Beziehung zum eigenen Körper auswirkt. Damit exzessive Selbstbeschäftigung nicht in einen überkritischen Blick mündet, muss das Ego freilich ziemlich ausgeprägt sein. Das kuschlige Aufgehobensein in einer virtuellen Gemeinschaft, das sich die sozialen Netzwerke ja auf die Fahnen schreiben, trifft jedenfalls nicht automatisch auf alle zu, im Gegenteil. Das macht Instagram weder zu einem gefährlichen Kommunikationsinstrument, noch nimmt es ihm seine Vernetzungskraft. Es zeigt aber, dass die Selbstprüfung durch Wettbewerb das Bild vom eigenen Ich mitunter gewaltig auf die Probe stellt.

          Fitnessprofile auf dem Vomarsch

          Lara weiß um diesen Sog, aber sie definiert sich nicht über den Vergleich mit anderen. Gleichzeitig trägt sie wie wir alle keine immunisierende Hülle, an der die Bilderflut abperlt. Der Blick auf ihren schlanken Körper wird kritischer. Vor einiger Zeit ist ihr aufgefallen, dass sich die Fitnessprofile von Usern bei Instagram auffällig häufen. „Immer mehr Bilder drehen sich rund um gesundes Essen und Fitness. Man sieht lauter hübsche, dünne, junge Frauen oder durchtrainierte junge Männer und toll angerichtetes Essen. Und permanent werden Erfolgsbilder gepostet, dass man nach nur sieben Wochen so schnell so viel abgenommen hat und der Körper jetzt superstraff und perfekt ist.“

          Lara spielt Hockey im Verein. Manchmal, sagt sie, wenn sie zum Frühstück Toast mit Nutella isst, während anderen ein Obstteller genügt, sei da plötzlich dieses schlechte Gewissen. Ein neues Gefühl. Sie sagt: „Es sind eben nicht nur die unerreichbaren Promis, die eine gute Figur haben, sondern auch das ganz normale Mädchen von nebenan, das man zufällig bei Instagram entdeckt hat. Dass die Bilder meistens bearbeitet sind, vergisst man total.“ Manche ihrer Freundinnen essen jetzt nur noch an ihrem „Cheat-Day“ eine fettige Waffel.

          Die Instagram-Userin mit dem Namen „Fitnessgirlsmotivation“ ist ein Fitnessjunkie. Ein Foto zeigt das Mädchen liegend auf einem Bettbezug aus Satin. Es trägt einen orangefarbenen Sport-BH und weiße Shorts. Man sieht weder ihr Gesicht noch ihre Beine, nur einen sehr flachen, sehr durchtrainierten Bauch, über dem sich ein praller Busen wölbt. Die Haut ist leicht gebräunt. Leberflecke? Keine erkennbar. Die Kommentare lauten: „Ich möchte diesen Bauch!“, oder: „Das ist perfekt“, „genau mein Ziel!“.

          Sicherlich wird sich auch „fitnessgirlsmotivation“ durch den Instagram-Fitnessbilder-Kosmos klicken. Auch sie wird auf Profile stoßen, die noch schönere, durchtrainiertere, perfektere Körper zeigen. Körper, die in einer aufregenderen Umgebung inszeniert worden sind, am Strand eines Fünf-Sterne-Hotels, in einem 60-Quadratmeter-Badezimmer, auf einer Dachterrasse mit Pool. Lara kennt das Gefühl, irgendwie ausgestochen worden zu sein. Sie beschreibt es folgendermaßen: „Gerade hat man sich den heißersehnten, teuren Bikini von ,Victoria’s Secret‘ bestellt, da taucht ein Mädchen aus dem Bekanntenkreis auf und hat den neuesten und noch teureren Bikini von einer anderen Marke und sammelt bei Instagram Komplimente dafür.“ Eben noch stolz gewesen, stiehlt einem jemand im nächsten Augenblick die Show. Auch dieses Neidgefühl ist ihr neu, und sie schämt sich dafür.

          In diesem Jahr macht Lara Abitur. Danach will sie die Welt bereisen, wie und wo, weiß sie noch nicht genau. Es ist der Moment, da sich die Wege trennen und sie Freunde, die sie jahrelang beinahe täglich gesehen hat, nur noch selten oder gar nicht mehr sieht. Aber sie hat ja Instagram. Trotz allem.

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