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Veröffentlicht: 17.01.2015, 13:13 Uhr

Die Instagram-Jugend Wer nicht auf dieser Bühne spielt, ist raus


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Die Bandbreite reicht von mädchenhaft verspielt bis eindeutig erotisch. Je mehr Haut, desto besser. Viel Haut bedeutet viele Likes. Likes sind die soziale Währung, ein permanent abrufbares Ranking, sichtbar für jeden. „Die mit besonders vielen Likes sind die ,Fame- Leute‘, sagt Lara. „Die sind halt like-geil.“ Sie wollen Applaus, jeder will Applaus, auch dieser Wettkampf ist Instagram-Realität. Was für die „Fame-Leute“ Segen ist, kann für jene, die ignoriert werden, Fluch sein. Unkommentierte Sichtbarkeit ist Unsichtbarkeit.

Die Oberfläche als Schlüssel

Lara ist eine hübsche junge Frau mit makelloser Haut, ohne Hang zum Tussihaften. Sie trägt enge Jeans, Turnschuhe und eine schwarze Lederjacke. Sie sitzt in einer Frankfurter Straßenbahn und wenn Jungs einsteigen, sehen sie sie an. Lara sieht nicht zurück, als würde sie die taxierenden Blicke gar nicht bemerken. Sie wächst in einer Optimierungsgesellschaft auf, in der schon kleinen Mädchen suggeriert wird, dass sie es im Leben besonders weit bringen, wenn sie schön sind. In der zahllose weibliche Teenager Heidi Klum verehren und „Germany’s next Topmodel“ im Fernsehen schauen - eine Sendung, deren berühmtester Satz lautet: „Ich habe heute leider kein Foto für dich.“ In der Magazine behaupten, vierzig sei das neue dreißig und der Körper zu einer gestaltbaren Spielfläche mutiert, als ließe sich der Alterungsprozess tatsächlich aufhalten.

Die Oberfläche als Schlüssel, der die Tür zu Glück und Erfolg öffnet. In der Liebe und im Beruf. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die To-go-Kultur auch die Anti-Falten-Botox-Spritze erreichen würde. Lara ist dafür freilich viel zu jung. „Botox? Würde ich nie machen!“, sagt sie. „Da sieht man doch aus, als hätte man ein eingefrorenes Gesicht.“ Trotzdem verteufelt sie ästhetische Verschönerungsmaßnahmen nicht, sie findet: „wenn es eine Person zufriedener macht, warum nicht?“

Selbstprüfung durch Bilderwettbewerb

Ada Borkenhagen ist Psychologin, zu ihrem Forschungsschwerpunkt zählt der moderne Körper und dessen ausgefeilte Modifikationsmöglichkeiten. Sie sagt: „Minimalinvasive Eingriffe wie Botox und Hyaluronsäure werden in Zukunft so normal werden wie die Zahnprophylaxe.“ Der Körper ist sehr viel wichtiger geworden, ebenso wie seine Vermarktung, die sich im Internet zuspitzt. „Das setzt Jugendliche unter Druck.“ Es gelte, immer und überall gut auszusehen. „Selbst beim Sport sind manche Mädchen heute geschminkt. Ich kenne Fälle, da setzen Mädchen keine Schwimmbrille auf, weil sie sich um die Abdrücke auf ihrer Haut Sorgen machen.“

Wissenschaftler der American Academy of Facial Plastic and Reconstructive Surgery (AAFPRS) fanden heraus, dass die von Hollywood-Stars ausgelöste Selfie-Manie den Markt der ästhetischen Chirurgie weiter wachsen lässt. Ein Drittel der befragten Ärzte gab an, dass vermehrt Patienten Eingriffe vornehmen ließen, um ihre Attraktivität in den sozialen Medien zu erhöhen. Soziale Plattformen wie Instagram, Snapchat und die iPhone-App Selfie.im, die ausschließlich auf Bildern basierten, zwängen die Patienten dazu, sich selbst wie unter einem Mikroskop zu betrachten. Mit einem viel selbstkritischeren Auge als jemals zuvor.

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