14.03.2009 · Der Journalist Joachim Gaertner hat für einen dokumentarischen Roman mehr als 25.000 Seiten Ermittlungsakten über die Amokläufer der Columbine High School ausgewertet. Zwischen Liebesbriefen und Hasstiraden sucht er eine Antwort auf die Frage: Was erklärt Taten wie diese?
Von Christian GeyerIn dieser Woche, derselben, in welcher der Amoklauf von Winnenden geschah, erscheint ein Buch, das die Urszene des Schul-Amoklaufs rekonstruiert - eine Urszene, so einflussreich, dass sich etliche Nachahmungstaten auf sie beziehen: das Massaker an der Columbine High School im amerikanischen Littleton vor zehn Jahren. Am 20. April 1999 erschossen die beiden Schüler Eric Harris und Dylan Klebold dreizehn Menschen und verwundeten einundzwanzig Personen. Das Buch heißt „Ich bin voller Hass - und das liebe ich“, ein „dokumentarischer Roman“, den der Journalist Joachim Gaertner soeben im Eichborn Verlag publizierte.
Es handelt sich um den Nachlass zweier Massenmörder, der jetzt minutiös rekonstruiert vor uns liegt. Gaertner schildert die näheren Umstände seiner Arbeit so: „Im Sommer 2006 hatte mir das County Sheriff's Office eine CD mit 946 weitgehend ungeordneten Seiten an persönlichen Dokumenten der beiden Columbine-Attentäter Eric Harris und Dylan Klebold zugeschickt, weil ich eine Fernsehreportage über das Massaker plante. Diese Unterlagen wurden von der Polizei in ihren Schlafzimmern, Autos, auf ihren Computer-Festplatten und in der Schule beschlagnahmt. Sie sind einfach ungeordnet hintereinander abgeheftet. Das meiste davon handschriftlich und zum Teil kaum zu entziffern. Jeden Bezug zwischen den einzelnen Zettelchen, Wörtern, Sätzen, Namen, Zeichnungen muss man sich mühsam erarbeiten.“
Unbehagliche Leerstellen
Das tat Gaertner. Er hatte es dabei mit allen Genres zu tun: Tagebuchaufzeichnungen, Kassenbons, Kalendereinträgen, Hasstiraden, Liebesbriefen, literarischen Phantasien, Schulaufsätzen, Einkaufslisten. Insgesamt Material aus 25.000 Seiten Ermittlungsakten.
Nicht jenes im Buch dokumentierte Wahnsinnsmaterial selbst soll hier im Detail ausgebreitet werden. Hier interessiert nur die Einschätzung seines Bearbeiters. Gaertner hält im Nachwort seines Buches fest: Es seien weniger die Hasstiraden, die rassistischen Ausfälle, die Anleihen bei den Nazis, welche die Lektüre so unbehaglich machen.
„Es sind eher die Leerstellen, die Räume zwischen den Texten, die man hier vorfindet, das, was nicht drinsteht: die Widersprüche, die fehlenden Zusammenhänge zwischen den Gewaltdelirien und den ganz normalen Wünschen, Sehnsüchten, Ängsten von Jugendlichen.“
Wann wird die Phantasie Wirklichkeit?
Wie muss der Typus von „Erklärung“ beschaffen sein, der einen Amoklauf zum Sprechen bringt? Das ist die Kernfrage, um die es Joachim Gaertner geht und die nun auch alle Welt im Blick auf Winnenden beschäftigt. Wann wird eine frühe Begebenheit in einer Täterbiographie zum „Indiz“ dafür, was später „folgte“? Und wann bleibt sie einfach eine Begebenheit, belanglos für die Tat?
Wie müssen die Leerstellen (in den Tätergehirnen, so weit diese sich in Texten und Handlungen ausdrücken) gefüllt werden, um einen Wirkungszusammenhang plausibel, gar zwingend zu machen? Um einen Schluss zu ziehen - einen Schluss von der Erfahrung A, die ein Täter erlitten haben mag, auf seine fürchterliche Tat B? Wann können wir sagen: Jetzt wissen wir Bescheid? Wann wissen wir, wo der Umschlagpunkt von der Fiktion in die Tat liegt? Jener Punkt, an dem die Phantasie sich verwirklicht?
Gaertners Fazit lautet: „Mit den naheliegenden Erklärungen kommt man nicht weit. Ja, sie (die Täter) wurden ausgegrenzt von ihren Mitschülern, aber das werden Tausende, wenn nicht Millionen anderer Schüler auf zum Teil deutlich grausamere Art. Nein, die Videospiele, Filme und Bands geben ihnen keine direkten Handlungsanweisungen, wie sie am besten und effektivsten möglichst viele ihrer Freunde und Mitschüler umbringen konnten. Ja, Psychologen können Eric Harris als Psychopathen und Dylan Klebold als depressiv-suizidal klassifizieren und die Dynamik zwischen diesen beiden Typen für die Katastrophe verantwortlich machen. Aber was erklärt das wirklich?“
Die Täter haben Hass und Aggression in sich aufgesaugt
Ja, was erklärt das wirklich? Gaertner erfährt das Ungenügen, nicht über Klassifikationen hinauszukommen. Und tappt nicht in die Falle, sie für Erklärungen zu halten. Stattdessen kommt einer wie er, der sich durch 25.000 Seiten Tätertexte gearbeitet hat, zu dem „Schluss“: „Es sind die Fragen, die diese Texte aufwerfen, die unsere scheinbar sichere Position gegenüber - sagen wir ruhig: gegenüber dem Bösen unterminieren.“
Gaertner hat keinen Zweifel daran, dass die Täter von Littleton intelligent genug waren, um den fiktionalen Charakter der Gewaltdelirien zu durchschauen, die sie sich im Kino ansahen. Sie kannten die These (an die viele Menschen „fest und gern glauben“), wonach die virtuelle Welt aggressive Impulse sublimieren und damit in der Realität unschädlich machen kann.
„Doch hier - und das ist das Beunruhigende an den Texten - scheint eher das Gegenteil der Fall gewesen zu sein. Im Nachhinein kann man deutlich verfolgen, wie sich die beiden immer mehr an ihren eigenen Phantasien berauschen, wie sie Hass und Aggression geradezu aufsaugen, wie sie ihre eigenen Texte als Verheißung des ultimativen und dann realen Kicks nehmen.“ Was diesen Kick auslöst, ist aber gerade nicht zu fassen.
„Ich werde nie aufhören nachzudenken“
Beim Studium des mörderischen Nachlasses verlor Gaertner nach eigenem Bekunden den Fluchtpunkt der Tat aus den Augen, auf den die Kriminologen fixiert sind. Für ihn nahmen sich die Dinge von Littleton eher wie in Gus van Sants Film „Elephant“ aus: „das Massaker geschieht völlig aus dem Nichts, banal, unerklärlich“. Die Vorbereitung der Tat lässt sich rekonstruieren, nicht jedoch, was sie letztlich in Gang bringt. Van Sant findet „keinerlei Anhaltspunkte dafür, warum und aus welchen Motiven die Täter handeln“.
Im Rummel der Deutungsmaschinerie von Winnenden sollte man vielleicht einen Moment lang die Luft anhalten - um Joachim Gaertners (sagen wir ruhig:) Montage des Bösen zu lesen, Seite für Seite, und abzuwarten, was man danach noch sagen möchte.
Dylan Klebold notiert am 2. Februar 1998: „Ich bin der Gott der Traurigkeit. Ich werde nie aufhören nachzudenken. Wir werden unsere Rache an der Gesellschaft nehmen und dann frei sein, an einem zeitlosen, raumlosen Ort reinen Glücks zu existieren.“ Es ist derselbe Ort, an dem seit Mittwoch auch Tim K. existiert.