Home
http://www.faz.net/-gsf-q13j
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

Informationsflut Eltern beraten Eltern: Der Babybücherboom

Folgt man der Familienministerin, dann erhöht Naivität die Bereitschaft, Kinder zu bekommen. Für die Überdreißigjährigen ist es da zu spät. Sie machen sich mit Elternratgebern schlau, die sich umso ungehemmter vermehren, je weniger Kinder die Deutschen bekommen.

Wir haben uns ein Buch über Baby-Massagen gekauft. Baby-Massagen, hatten wir gelesen, sind für das Neugeborene das Schönste überhaupt, sie sind immens wichtig für seine seelisch-geistige Entwicklung, und auch für den massierenden Elternteil gibt es kaum eine bessere Möglichkeit, sich mit dem Kleinen inniglich ver-bunden zu fühlen. Das Buch hat 96 Seiten und ein herausnehmbares Poster, das wir über die Wickelkommode gehängt haben.

Jörg Thomann Folgen:      

Bei jedem Windelwechsel sehen wir nun die Fotos eines strahlenden Babys, das die verschiedensten Massagetechniken genießt, und können, wenn gerade Zeit ist, dieselben bei unserer Tochter anwenden. Leider ist meist gerade keine Zeit. Bei ein, zwei halbherzigen Massageversuchen ist es geblieben, gestrahlt hat die Kleine dabei nicht, und das Poster über der Kommode, das eigentlich als Vorlage gedacht war, ist mit der Zeit zu einem Mahnmal geworden, zu einer Anklage. Schaut, ruft uns das strahlende Baby auf den Bildern entgegen, was für Glücksmomente ihr eurer Tochter vorenthaltet.

Mehr zum Thema

Die Ratgeberliteratur füllt Regalmeter

Versagensängste kennen alle Eltern. Nirgends aber spürt man sie so stark wie beim Besuch einer ganz gewöhnlichen Großbuchhandlung. Wer nicht schon längst weiß, welch gewaltige Aufgabe es ist, ein Kind großzuziehen, der ahnt es beim Anblick eines meterlangen Regals voller Ratgeberliteratur, das nicht nur ein Dutzend Anleitungen zur Baby-Massage enthält, sondern auch etliche weitere Fachbücher, die unser Elterntum veredeln wollen. Wir haben die Wahl zwischen „Kinder gezielt fördern“ oder „Babys spielerisch fördern“, dürfen „Die 10 Gebote der Erziehung“ lernen oder auch „Die Kunst der Elternliebe“, weil es sich dabei offensichtlich um nichts Naturgegebenes handelt.

Ganz Ambitionierte unterziehen sich mit dem Werk „Der Eltern-Führerschein“ einem strengen Selbsttest und studieren, wie die „Basis-Arbeit für ein gutes Familienklima“ aussieht. Denn davor, was alles schiefgehen kann, warnen weitere Buchtitel: „Wenn Kinder nicht hören wollen“, „Wenn Kinder trotzen“, „Wenn Kinder schwierig sind“, „Wenn Kinder immer alles haben wollen“. Nicht zu vergessen ein Stoßseufzer ältester Schule: „Wie werden Kinder heute wieder tugendsam?“

Je weniger Kinder, umso mehr Elternratgeber

Die Ratgeberbranche spottet der Demographie. Je weniger Kinder die Deutschen bekommen, desto ungehemmter vermehren sich diese Bücher. Sie haben mit den Eltern leichtes Spiel. Viele derjenigen, die, wie es heute nicht unüblich ist, im stolzen Alter von Anfang, Mitte Dreißig ein Kind bekommen, haben zuvor nicht eine einzige Windel gewechselt oder einen Brei zubereitet, da es keine kleinen Geschwister, Nichten oder Neffen zum Üben gab. Und die wenigen Großfamilien, die es heute noch gibt, hat das Schicksal, das zumeist Arbeitsmarkt heißt, oft weit im Land verstreut; die Großmutter, die einst nicht nur mit Rat, sondern auch tatkräftig zur Stelle war, ist vielfach zum Telefonnotdienst degradiert worden. Und ist als solcher auch nur eingeschränkt verläßlich, hat sie doch ihr Kind, wie vor dreißig Jahren üblich, auf dem Bauch gebettet, anstatt, wie uns die moderne Medizin beschwört, auf dem Rücken.

Statt aus dem Erfahrungsschatz älterer Generationen schöpfen wir aus einem heftig sprudelnden Quell ständig aktualisierter Informationen; Google erzählt uns in Sekundenschnelle mehr über den Magen-Darm-Virus unseres Kindes als der Hausarzt nach mehrstündiger Wartezeit. Die Ängste freilich nimmt uns das nicht.

Die Frau vom Fach fordert: Naivität

Familienministerin Ursula von der Leyen, die gern angefeindet wird, weil sie trotz einer Schar von sieben Kindern nie müde aussieht und stets freundlich lächelt, hat unlängst einen bemerkenswerten Satz gesagt: In anderen Ländern sei man schon mit Dreiundzwanzig mit dem Studium fertig, in einem Alter also, in dem man „noch viel risikofreudiger, auch naiver“ sei und folglich „eher bereit, Kinder in die Welt zu setzen“. Wo viele Dreißigjährige an ihrer für die Elternschaft nötigen Reife zweifeln, fordert die Frau vom Fach: Naivität. Damit kommt sie bei uns zu spät. Wir wissen schließlich um die ungewisse Zukunft unserer Kinder in einem Land, dessen Sozialsysteme das Verfallsdatum überschritten haben, in dem der Kampf um die verbleibenden Ressourcen immer härter wird und ein jeder sehen muß, wo er bleibt - und das darf auf keinen Fall sein: unten.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 19.04.2006, 10:34 Uhr

Himmlische Ruhe

Von Gina Thomas

Das Jahr, in dem der Erste Weltkrieg hundert Jahre zurück liegt, neigt sich nun dem Ende zu. Das sollte man nochmals auskosten. Wie die Supermarktkette Sainsbury Werbung mit dem Mythos der Kriegsweihnacht von 1914 macht. Mehr 3 3