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Frankfurter Kulturdezernat : Die SPD überrascht sich selbst

Eine überraschende Wahl: Literaturkritikerin Ina Hartwig Bild: Jürgen Bauer/Ullstein

Den nächsten Frankfurter Kulturdezernenten stellt die SPD, und auf dem Programm steht „Kultur für alle“. Die anspruchsvolle Literaturkritikerin Ina Hartwig soll es richten. Was kommt da auf die Stadt zu?

          Kulturdezernent von Frankfurt zu sein, heißt Einiges. Nicht nur, weil die Maßstäbe für Amtsführung und Erfolg zwischen 1970 und 1990 unter fünf Oberbürgermeistern von Hilmar Hoffmann (SPD) gesetzt worden sind. Frankfurt war seit dem Wirken des überragenden Kulturpolitikers seiner Zeit nicht mehr vom Weg zu einer Kulturmetropole abzubringen. Der von Hoffmann gegen Widerstand bei den eigenen SPD-Leuten durchgesetzte Wiederaufbau der Alten Oper und die von ihm angestoßenen Neugründungen am Museumsufer mit seinen fünfzehn Häusern, die seit Jahren nicht nur in Deutschland weltberühmte Oper unter Bernd Loebe und das seit 2009 erfolgreiche Schauspiel unter Oliver Reese, das kürzlich wiedereröffnete Museum Judengasse und, immer eigens zu erwähnen, das Städel unter Max Hollein – die Liste dessen, was in Frankfurt kulturell gelang und derzeit gelingt, ist umfangreich. Es gibt keine deutsche Stadt dieser Größe, die einen vergleichbar dichten Besatz an historisch-ästhetischen Einrichtungen aufweist.

          Zu notieren ist allerdings auch, dass Frankfurt im Jahr 2013 törichterweise auf Druck der Grünen aus der Finanzierung des Deutschen Romantikmuseums ausgestiegen ist. In einem Akt maximaler Ignoranz hatte die Stadt 2004 die Ballettsparte der Städtischen Bühnen geschlossen. Auf ihrem Museum für Weltkulturen liegt seit langem kein Segen, das Künstlerhaus Mousonturm hat eine Neigung zum üblichen Avantgardekitsch, und zuletzt sorgte der Leiter des Literaturhauses durch merkwürdige Forderungen von literarischer Alleinherrschaft im Stadtgebiet für etwas Unruhe. Auch das ist festzuhalten, denn es kommt zu den Aufgabe des Kulturdezernenten in Frankfurt hinzu: die Konkurrenzen im engen Raum der sehr kompakten Metropole, auf dem sich jeder nicht nur zweimal im Leben, sondern durch ständige Kreuzung der sozialen Kreise mehrmals im Monat sieht, zu moderieren.

          Bauen ist auch eine schöne Sache

          Man kann es auch so formulieren: Frankfurt ist eine Bürgerstadt, die gerade kulturell nicht einfach nur verwaltet werden kann, sondern diplomatisches Geschick verlangt. Es ist eine Stadt von Mäzenen, eine Stadt hochmobilen Kapitals, reich bestückter privater Sammlungen und zugleich lokalen Selbstbewusstseins, eine Stadt auch, deren Alltagskultur durch einen Ausländeranteil von mehr als einem Viertel der Bevölkerung geprägt ist. Wobei „Ausländer“ hier englische Investmentbankerinnen in japanischen Finanzhäusern genau so meint wie osteuropäische Bewohner illegaler Elendslager.

          Als jetzt, ausgelöst durch Stimmenverluste der Regierungsparteien im Stadtparlament bei der letzten Kommunalwahl, die Frage nach einer Neubesetzung des Kulturdezernats aufkam, spielte diese Spannung zwischen der Bildungs- und Besitzbürgerstadt und der Stadt der sozialen Gegensätze eine Rolle. Die CDU, deren Spitze derzeit mit Kultur nicht viel anfangen kann, verzichtete auf das Ressort. Bauen ist ja auch eine schöne Sache. Felix Semmelroth (CDU), derzeitiger Kulturdezernent, sollte eigentlich erst im Sommer 2017 ausscheiden, hat aber am gestrigen Dienstag, verärgert über seine Partei, seinen Rücktritt zum 1. Juli verkündet.

          Die SPD, der das Dezernat überlassen wurde, hat angekündigt, sie wolle an das Motto Hilmar Hoffmanns, „Kultur für alle“, anknüpfen. Im Entwurf zu einem Programmpapier war die Formulierung von der Kultur als „Schmiermittel der Sozialpolitik“ zu finden. In der Sache ist Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) davon nie abgegangen. Für ihn ist Kultur „Verbreiterung nicht Elitisierung“, ein Beitrag zur sozialen Integration. Teure Kunst für Wenige ist ihm eine Ungerechtigkeit.

          Anspruchsvolle Präferenzen

          Doch nicht der Kopf hinter der Schmiermittel-Konzeption, Feldmanns parteiloser Bürochef Martin Wimmer, gilt jetzt als Kandidat der SPD, sondern die freie Literaturkritikerin Ina Hartwig, die das sozialdemokratische Parteibuch besitzt. Noch bestätigt die Frankfurter SPD die Personalie nicht, aber die Spatzen pfeifen es vom Römer. Zur Zeit arbeitet Hartwig am Berliner Wissenschaftskolleg an einer Biographie der Lyrikerin Ingeborg Bachmann. Bis 2010 leitete die Germanistin und Romanistin das Literaturressort der „Frankfurter Rundschau“.

          Bemerkenswert an einer solchen Entscheidung wäre, dass Ina Hartwig Neigungen zu einem „verbreitenden“ Kulturbegriff nicht vorgeworfen werden können. Ihre ästhetischen Urteile sind sozialpolitisch unergiebig. Man kann sie sich schlecht bei der Einweihung zweiter Bauabschnitte des kommunalen Kindertheaters vorstellen. Selbst wenn man ihre Präferenzen nicht elitär, sondern nur sehr anspruchsvoll nennen möchte, ist der einzige außerästhetische Gesichtspunkt, den sie pflegt, der feministische. Auch eine Diplomatin mit Hang zur flüssigen Netzwerkarbeit zwischen städtischen Bürgertum und Parteipolitik wird man sie nicht gleich nennen wollen. Warum auch sollte sie eine sein? Zu den ersten Tugenden einer Intellektuellen gehören nicht Verhandlungsgeschick und ausgleichendes Temperament.

          Zu den ersten Tugenden eines Kulturdezernenten allerdings schon. Felix Semmelroth, den sie zu beerben hätte, war zuvor Bürochef der Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) - eine Schule der politischen Verhandlungsführung, der Personenkenntnis und der strategischen Zurückhaltung. Ohne in eine solche Schule gegangen zu sein, wird es anstrengend werden, die vielen guten und schwierigen Spannungen in dieser Stadt so zu bearbeiten, dass die hohe Qualität, die kulturell erreicht wurde, erhalten bleibt. Mit der Entscheidung für Ina Hartwig würde die SPD uns also, kurz gesagt, überraschen. Immerhin, mag sie sagen, das ist doch schon einmal etwas und kulturpolitisch schon seit langem nicht mehr gelungen. Vermutlich ist aber es sogar so, dass spätestens wenn Ina Hartwig ihr Amt angetreten haben wird, die Frankfurter Sozialdemokraten merken werden, wie sehr sie sich selbst damit überrascht haben.

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