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Schweizer Theaterexzess : Voodoo und Stinkfische

Sie Szene hat ihr Feindbild, und das zu pflegen, ist ihr kein Mittel zu billig: Roger Köppel, Chefredakteur der „Weltwoche“ und SVP-Politiker Bild: dpa

Das Zürcher Theater am Neumarkt ist von allen guten Geistern verlassen. Es verbreitet einen Aufruf zur „Deportation“ von Roger Köppel, dem Chef der „Weltwoche“ und Abgeordneten der Schweizerischen Volkspartei. Es ist sogar ein Teufelsaustreiber bestellt.

          Im Zürcher Theater am Neumarkt läuft das Festival „Krieg und Frieden: how artists approach war“. Im Rahmen diverser Erkundungen über den Umgang der Künstler mit dem Krieg erlässt das Haus einen Aufruf zur „Deportation“ von Roger Köppel, dem Chefredakteur der „Weltwoche“ und Abgeordneten der Schweizerischen Volkspartei SVP. Es hat Philipp Ruchs „Zentrum für politische Schönheit“, das mit einer Ebay-Versteigerung von Angela Merkel und ähnlichen Aktionen Berühmtheit erlangte, eingeladen. Die Inszenierung des Künstlers und Philosophen Ruch, „Performance und Aktion“, ist für Freitagabend um 20 Uhr angekündigt: „Roger Köppel - eine Abschiebung“.

          Jürg     Altwegg

          Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

          Köppel, liest man in Einladung und Programm, habe sich mit Titeln wie „Kosovaren schlitzen Schweizer auf“, „Kluge Deutsche, dumme Muslime“ und „vorsätzlichen Falschangaben“ des „gewerbsmäßigen betrügerischen Missbrauchs einer Datenverarbeitungsanlage“ schuldig gemacht. Einzelne Vorwürfe beziehen sich auf Aussagen Köppels in deutschen Talkshows, in denen er Dauergast ist, weil er forsch und frei Ansichten formuliert, für die man ihn als Alibi braucht. Ein „Verbrechen an den Menschen“ sei seine Forderung nach einer „Schließung des Todeskanals Mittelmeer“, denn sie bedeute, dass die „Außengrenzen der EU mit Waffengewalt“ geschützt werden sollen. Seit längerem steht die Ankündigung im Programm des Theaters: „Wir bitten die Bevölkerung, sich in weiten Kreisen an der Deportation des Köppels (ein gemeingefährlicher Straftäter) zu beteiligen. Mehr in Kürze.“

          Das Theater macht kurzen Prozess

          Vor wenigen Jahren hat der Regisseur Milo Rau im selben Theater Köppel und seiner Wochenzeitung während dreier Tage auf der Bühne den Prozess gemacht. Der endete mit einem Freispruch. Wohl deshalb versucht man es nun am selben Ort mit einem Exorzismus: Roger Köppel werde „der Geist von Julius Streicher ausgetrieben“. Der Herausgeber des „Stürmer“ war einer der übelsten Nazis und Antisemiten und nach dem Krieg gehängt worden.

          Schon im vergangenen September hat Philipp Ruch zur Vorbereitung seiner Aufführung in einer Anzeige im Straßenmagazin „Surprise“ zum Mord aufgerufen: „Tötet den Köppel“.

          Seit vorgestern wird in Zürich exorzisiert. Es begann mit einem „schamanischen Ritus“, mit dem Streichers Geist vor das Theater gelockt werden sollte. Am heutigen Freitag wird der „erfahrene Exorzist Reto Bastian de Samoto in einer strengkatholischen Prozession zum Privatdomizil von Roger Köppel nach Küsnacht vordringen. In einem streng rituellen Ablauf wird Streichers Geist aufgeschlitzt.“ Die Bevölkerung ist aufgefordert, mitzukommen und „stinkende Fische“ mitzubringen. Wer verhindert ist, kann sich im Internet an Roger Köppel schadlos halten. Es wurde ein Portal mit der Adresse „schweiz-entköppeln.ch“ eingerichtet, auf dem man ihm wahlweise einen Autounfall, Ebola, Impotenz und Inkontinenz, eine Zwangsstörung („zwanghaftes Onanieren“) oder schlicht einen Blitzeinschlag wünschen kann. Ebola war beim Stand von rund 600 000 Verwünschungen die häufigste Variante.

          Weil das alles noch nicht reicht, „lassen wir am 18. 3. 2016 zusätzlich einen renommierten Voodoo-Priester aus Kamerun einfliegen, der Köppel endgültig verflucht“. Dem Magier wird der Erfolgs des geglückten Autounfalls, bei dem Jörg Haider ums Leben kam, zugeschrieben. Schon im vergangenen September hat Philipp Ruch zur Vorbereitung seiner Aufführung in einer Anzeige im Straßenmagazin „Surprise“ zum Mord aufgerufen: „Tötet den Köppel“.

          Zürich schwelgt in diesen Wochen in der Erinnerung an Dada, vor hundert Jahren wurde das Cabaret Voltaire begründet. Mit ihrer Tradition kann man die Teufelsaustreibung des Roger Köppel und den Saubannerzug zu seinem Haus, in dem er mit Frau und drei Kindern lebt, nicht rechtfertigen. Auch nicht mit der Subversion der Surrealisten und Situationisten. Man hat eher den Eindruck einer dieser Hexenjagden, wie sie im Kalten Krieg in der Schweiz gegen einzelne Intellektuelle mit kommunistischen Sympathien inszeniert wurden. Die Inszenierung orientiert sich am verstorbenen Christoph Schlingensief, der sich um die Jahrtausendwende in Wien mit Jörg Haider und in Zürich mit Christoph Blocher anlegte. In seinem „Nazi-Hamlet“ am Schauspielhaus ließ er zum Aussteigen bereite Skinheads - aus Deutschland - auftreten, mit denen er auch einmal vor Blochers Villa auftauchte. Ohne Voodoo und tote Fische.

          Das späte Remake zementiert ein Unbehagen, an dessen Überwindung man nach den Abstimmungsschlappen der SVP Ende Februar zu hoffen begonnen hatte. Wie ein Gespenst waren nach dem Fall der Berliner Mauer Blocher und die nostalgische Ideologie der neuen SVP über die Schweiz gekommen, die „Weltwoche“ blieb von ihnen nicht verschont. Im Theater am Neumarkt wird offenbar, wie sehr sich der unheimliche Spuk auch ihrer Gegner bemächtigt hat.

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