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Gedenkfeier in Jekaterinburg : Reliquienkult in der Zarenmörderstadt

Porträt der Großfürstin Jelisawjeta Fjodorowna (1864-1918), Prinzessin Elisabeth von Hessen-Darmstadt Bild: culture-images/fai

Hundert Jahre nach der Ermordung des letzten Zaren feiert Jekaterinburg zwei hessische Prinzessinnen, die hier zu Märtyrerinnen des russischen Glaubens wurden.

          In der Industriestadt Jekaterinburg, wo vor hundert Jahren der letzte russische Kaiser mit seiner Familie und vier treuen Bediensteten ermordet wurde, widmen alle Kulturinstitutionen dem tragischen Jubiläum Sonderveranstaltungen. Vor der Allerheiligenkirche auf dem Blut, die an der Stelle des nach seinem vorrevolutionären Besitzer genannten Ipatjew-Hauses steht, worin der entmachtete Nikolaj II. mit seinen Angehörigen zuletzt gefangen gehalten und von erbitterten Bolschewiken erschossen wurde, weht tagsüber die grüngoldene Fahne das Patriarchen Kirill, der für die Gedenkfeiern eingeflogen ist.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          In der Nacht zum Dienstag wurde vor der Kirche ein Freiluftgottesdienst zelebriert, zu dem Tausende Gläubige zusammenströmten. Unter ihnen waren neben Jekaterinburger Politikern und Journalisten viele Pilger, die mit Bussen aus der Provinz angereist waren, aber auch Angehörige der russischen Auslandskirche aus Amerika, Australien und Neuseeland. In den frühen Morgenstunden begann dann hier die mittlerweile traditionelle Prozession, die mit einer fahrbaren Riesenikone des kanonisierten Zaren zu den zwanzig Kilometer außerhalb der Stadt gelegenen Eisenerzschächten zieht, wo die Henker die Toten zunächst verschwinden lassen wollten. Heute befindet sich dort ein Mönchskloster mit Pilgerzentrum. Mehr als hunderttausend Menschen sollen diesmal dabei gewesen sein, meldet das Jekaterinburger Episkopat.

          Eine der schönsten Frauen ihrer Zeit

          Die Philharmonie, der unmittelbare Nachbar der Blutskirche, hebt in ihrem Festival „Zarentage“ eher das weltliche Kulturerbe der Romanows hervor. Im Konzertsaal erklingen Strauss-Walzer, Opern- und Operettenouvertüren, wie sie Russlands Zaren liebten. Außerdem geben die Blasorchester der Jekaterinburger Region vor der Kirche berühmte Märsche und patriotische Lieder zum Besten. Just als die Kaiserhymne „Gott schütze den Zaren“ ertönt, tritt Patriarch Kirill im Festornat auf den Balkon des Bibliotheksgebäudes. Das Publikum bejubelt das Kirchenoberhaupt wie eine Epiphanie. Kirill kam nicht mit leeren Händen. Er brachte eine Reliquie der Schwägerin von Nikolaj II. mit, der Großfürstin und Ordensgründerin Jelisaweta Fjodorowna, die von bolschewistischen Schergen vierundzwanzig Stunden nach der Zarenfamilie im hundertfünfzig Kilometer entfernten Städtchen Alapajewsk in eine Erzgrube zu Tode gestürzt wurde. Der Schrein, der Überreste der rechten Hand der heiligen Jelisaweta enthält, gastierte in der neuen Klosterkirche in Alapajewsk und vom heutigen Mittwoch an in der Jekaterinburger Blutskirche, damit Gläubige ihn küssen und vor ihm beten können.

          Zu den Märtyrern der jungen Sowjetmacht, deren Glaubensstärke die russisch-orthodoxe Kirche in diesen Tagen feiert, gehören zwei protestantisch erzogene hessische Prinzessinnen: neben der letzten Zarin Alexandra Fjodorowna, ehedem Alix von Hessen-Darmstadt, deren ältere Schwester Elisabeth, die von der Moskauer Kirche schon 1992 heiliggesprochen worden war. Im Laden der Blutkirche sind Bücher und Broschüren über sie sowie Bildchen und Gebetssammlungen in jeder Größe und Preislage zu erwerben. Prinzessin Elisabeth, die als eine der schönsten Frauen ihrer Zeit gerühmt wurde, hatte den Großfürsten Sergej Alexandrowitsch Romanow geheiratet, einen Onkel von Nikolaj II., der Generalgouverneur von Moskau wurde.

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