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Im Zeitalter der Unsicherheit Der permanente Alarmzustand und seine Folgen für die Seele

Das erste Opfer der Krise ist immer unser Vertrauen in die Zukunft - besonders hart trifft es die Jugend. Permanente Alarmiertheit ist nicht nur ein individuelles Problem, es ist auch ein soziales und politisches.

© dpa Vergrößern Desillusioniert: Junge Leute sind im Mai 2012 gegen die Spar-, Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik der spanischen Regierung in Madrid auf die Straße gegangen

Eltern bereiten ihre Kinder auf das Leben vor, indem sie sie mit Urvertrauen ausstatten. Also dem Glauben daran, dass sie, was auch geschehen mag, dem Strudel, der sie ins Unglück zieht, entkommen. Das Gefühl absoluter Sicherheit ist freilich immer eine Illusion. Aber es ist eine der wichtigsten Illusionen überhaupt, weil Illusionen als Schutzmechanismen fungieren. Erst das System illusorischer Überzeugungen erlaubt es uns ja, in der Welt zu funktionieren, sie als stabil, sicher und vorhersehbar zu erleben.

Robert D. Stolorow, Psychoanalytiker am Institute of Contemporary Psychoanalysis in Los Angeles, nennt es die Absolutismen des Alltags. Diese Form des naiven Realismus ist existentiell und stattet uns gleichzeitig - abhängig von der jeweiligen Persönlichkeitsstruktur - mit Wagemut aus. Deshalb gehen wir Risiken ein. Wir machen uns auf den Weg in der Überzeugung, dass sich die Mühe lohnt.

Leben im Zeitalter der Unsicherheit

Was passiert, wenn vermeintliche Gewissheiten von allen Seiten akut bedroht werden, liegt auf der Hand: Unser inneres Sicherheitsgerüst bekommt Risse. Anfangs sind sie ganz fein, mit der Zeit jedoch werden sie größer und größer. Im schlimmsten Fall bricht das Gerüst irgendwann zusammen. Permanente Alarmiertheit ist Gift für die Psyche. Das ist nicht nur ein individuelles Problem, es ist auch ein soziales und politisches.

Wir leben im Zeitalter der Unsicherheit. In Amerika sprechen Kommentatoren bereits vom Zeitalter des Traumas, das mit den Terroranschlägen des 11. September begann. Wie die Geschichte weiterging, wissen wir: Es folgten zwei Kriege, das Platzen der Immobilienblase, der Lehman-Crash und der Beinahe-Untergang der einheimischen Automobilindustrie. Die Nachrichten vermeldeten immer schneller immer heftigere Schreckensbotschaften. Es gab die Amokläufe an der Virginia-Tech-Universität sowie in einem Kino in Aurora, während auf der Leinwand der neue Batman-Film lief. In Newtown richtete ein junger Mann Schüler hin. Seit dem Terrorattentat von Boston ist kaum Zeit vergangen.

Erschütterte Absolutismen

Schlechte Nachrichten gehören zu unserem Alltag, doch die Intensität ist neu. Viele leiden unter dem Eindruck, dass immer mehr von ihnen in immer kürzeren Abständen auf uns einprasseln. Und sie treffen auch auf jüngere Rezipienten, die selbst auf schwankendem Grund stehen. Als die Internationale Arbeitsorganisation vor kurzem in Genf ihren Trendbericht vorstellte, stand darin ein äußerst beunruhigender Satz: Das Wohlergehen einer ganzen Generation sei gefährdet. Im Jahr 2013 wird die weltweite Jugendarbeitslosigkeit von inakzeptablen 12,4 Prozent noch weiter ansteigen und voraussichtlich 12,6 Prozent betragen. Auf den ersten Blick mutet die Steigerung von 0,2 Prozent wenig beängstigend an. Doch es könnte der berühmte „Tipping Point“ sein, der Punkt, an dem ein System kippt, etwa weil die Zuversicht auf Besserung endgültig schwindet.

Nehmen wir zum Beispiel Griechenland. Dort liegt die Jugendarbeitslosigkeit derzeit bei etwa 64 Prozent, in Portugal sind es vierzig, in Spanien mehr als fünfzig Prozent. Was bedeuten solche Zahlen für die betroffenen Gesellschaften? Vor allem eines: Ein Teil der europäischen Jugend ist gerade dabei, jedes Vertrauen zu verlieren: in die Zukunft, in die eigene Regierung, in die Solidarität ihrer Gesellschaft und vielleicht auch in die Demokratie. Ihre Absolutismen des Alltags, um auf Robert D. Stolorow zurückzukommen, werden nachhaltig erschüttert.

Generation Altersarmut

Die jungen Menschen in diesen Ländern wehren sich auf den Straßen dagegen, dass ihr Leben verramscht wird. Auf ihren Plakaten stehen Sätze wie: „Rettet die Menschen, nicht die Banken“, doch das Gegenteil geschieht. Da die Hilferufe verhallen, verlässt, wer kann, seine Heimat. Dieser „Brain Drain“ ist eine ökonomische und soziale Katastrophe. Ein Land, das einen großen Teil seiner hervorragend ausgebildeten Jugend verliert, verliert seine Zukunftsfähigkeit.

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