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Im Rekord durch Rüsselsheim : Der Opel, den ihr kennt

Unter den Augen des Alten: Die Probefahrt beginnt am ehemaligen Opel-Werkstor in Rüsselsheim Bild: Astis Krause

Wohlstand für alle - Ludwig Erhards Wort galt bis in die siebziger Jahre. Das Vehikel dazu war der Opel Rekord: der Zuverlässige. Eine Fahrt aus der Krise, zurück in das Glück.

          Mein Chef hat mich in einen Opel gesetzt. Jetzt sitze ich in einem alten, fast lächerlich blauen Rekord 1700 und fahre vom Opel-Werk in Rüsselsheim aus los, Richtung Kindheit, in die Zeit, in der alles langsamer und geduldiger war, auch das Auto. Ich fahre zurück in eine Zeit des Glücks. Der Sitz gibt sofort nach, man fühlt sich wie bei Oma auf dem Sofa, wo man nichts als Kuchen essen musste. Tief sinke ich ein und habe den Eindruck, gar nicht richtig nach draußen sehen zu können, als wäre man plötzlich aller Verantwortung beraubt. Man sitzt sehr bequem, wenn auch irgendwie haltlos, der Rücken wird sich auch bedanken. Die Beinfreiheit ist enorm, der Abstand zwischen Körper und Armaturen gewaltig. Und obwohl ich doch gewachsen bin seit damals, fühle ich mich wieder wie als Kind in meines Vaters Auto: eine verschwindend kleine Masse. Allerdings darf ich jetzt vorne sitzen.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Mein Vater fuhr damals auch Opel, einen knallroten, viertürigen Rekord 1900, den er dann allerdings zu Schrott fuhr. Der Rekord war das Auto derer, die solide sein wollten, ohne aufzufallen, „obere Mittelklasse“. Die Werbung, die damals noch Reklame hieß, nannte ihn „den Zuverlässigen“. Dass man ihn fuhr, ließ weniger aufs eigene Portemonnaie schließen; es zeigte vielmehr, wie günstig die Lage allgemein war: Wohlstand für alle. Ludwig Erhard lebte ja noch, sein Vermächtnis stand quasi in leuchtendem Abendrot. Rekord: Schon der Name sagte, dass alles noch mit rechten Dingen zuging. Nur die „Neureichen“, wie man damals sagte, fuhren Opel Commodore oder Monza. Mir imponierte, dass der Rekord unser erstes Auto war, bei dem das Tachometer bis 200 ging.

          Die L-Ausstattung. L wie „Luxus“. Mit Anschnallgurten

          Dieser hier hat auch 200 auf dem Tachometer. Baujahr 1974: das Jahr, in dem wir Weltmeister wurden, Gerd Müller schoss das Siegtor, jubelte ganz normal und fiel nach dem Abpfiff auf die Knie wie später Björn Borg in Wimbledon. An diesem Zweitürer ist seitlich ein kleines Schild angebracht: „unrestaurierter Originalzustand“. Ob man überhaupt mit bleifreiem Benzin tanken darf? Nicht, dass der hier noch einen Kolbenfresser kriegt. Bei Opel meinte man: „Das geht. Der läuft und läuft. Bei Tempo 100 bis 120 fühlt er sich am wohlsten.“ Ich mich eigentlich auch.

          Wie schnell kommt der Wagen von null auf hundert? Ein Versuch wäre irgendwie unfair
          Wie schnell kommt der Wagen von null auf hundert? Ein Versuch wäre irgendwie unfair : Bild: Astis Krause

          Das ist auch keine Kunst in der L-Ausstattung, L wie „Luxus“. Dazu gehören Kopfstützen und ein Radio, dessen haardünne Antenne trapezförmig in der Windschutzscheibe verläuft. Luxus waren damals auch Anschnallgurte. Sie klemmen mich fest und lassen mir den ganzen Freiraum nutzlos erscheinen. Dennoch bildet man als Fahrer keine Einheit mit dem Auto und fühlt sich so ganz als Mensch, der zu Material und Technik Distanz hält, irgendwie zivilisierter.

          Die Leute gucken schon

          Die drei sehr großen kreisrunden Anzeigen machen, wie alles an diesem Auto, einen absolut geheimnislosen Eindruck. Es wäre übertrieben, von „Bordinstrumenten“ zu sprechen. Es ist die reine, schlichte Mechanik, die nicht mehr Möglichkeiten bietet, als man auf den ersten Blick sieht. Die Uhr geht sieben Minuten nach, was mir vertretbar erscheint. Sieben Minuten in fünfunddreißig Jahren - das ist wenig, aber so kann man natürlich nicht rechnen, irgendjemand wird die Uhr im Laufe der Zeit schon einmal nachgestellt haben. Die Tanknadel bleibt, wo sie ist, als ich mir ein Herz fasse und den Motor anmache - das wird schwierig mit dem Ausrechnen des Verbrauchs. Bei Opel hatte man von elf Litern gesprochen, was für ein Automatik-Auto von damals durchaus im Rahmen ist.

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