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Veröffentlicht: 25.05.2009, 09:15 Uhr

Im Gespräch: Uwe Timm Es wäre trotzdem zur Protestbewegung gekommen

Muss die Geschichte der Radikalisierung der deutschen Gesellschaft neu bewertet werden? Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Uwe Timm über seinen Freund Benno Ohnesorg, die Studentenbewegung und Karl-Heinz Kurras.

© Archiv Zwei Freunde: Benno Ohnesorg (rechts) und Uwe Timm

Der Schriftsteller Uwe Timm über seinen Freund Benno Ohnesorg, die Studentenbewegung und Karl-Heinz Kurras.

Benno Ohnesorg wäre heute achtundsechzig Jahre alt. Er war Ihr Freund. Was war er für ein Mensch?

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Wir haben von 1961 bis 1963 am Braunschweigkolleg unser Abitur nachgeholt. Unser Gespräch war bestimmt von Literatur. Ich habe durch ihn die französische Moderne kennengelernt, also Rimbaud, Apollinaire und andere. Wir haben über Camus und Sartre diskutiert. Und, vor allem, wir haben beide geschrieben, Gedichte, die wir gemeinsam diskutiert und in einer von uns gegründeten Zeitschrift teils-teils veröffentlicht haben. Benno Ohnesorg hatte eine große lyrische Begabung. War extrem belesen. Ein eher introvertierter, nachdenklicher Mensch. Ich war überzeugt, dass aus ihm einmal ein wichtiger Lyriker werden konnte.

Uwe Timm 02 © Andreas Müller Vergrößern Der Schriftsteller Uwe Timm in seiner Münchner Wohnung

Wann und wie haben Sie 1967 von seinem Tod erfahren?

Ich studierte damals in Paris. Dort hörte ich von seinem gewaltsamen Tod. Es war ein Schock, und erst langsam erreichten mich die Details seines Todes, damit wuchs auch meine Empörung. Wie diese Demonstration aufgelöst wurde, was ja ein Euphemismus ist, wie die Demonstranten zusammengeprügelt wurden, nach der „Leberwursttaktik“, wie das der Polizeipräsident nannte, „in die Mitte hineinstechen und zu den Enden ausdrücken“.

Haben Sie die Prozesse gegen Karl-Heinz Kurras verfolgt?

Nein.

Was für ein Bild hatten Sie von ihm? Welches von den Gerichten und der Berliner Polizei?

Die beiden Freisprüche haben bei mir damals starke Zweifel an der Unabhängigkeit des Gerichts ausgelöst. Das passte zu einer Diskussion, die wir einmal mit Ohnesorg geführt hatten, als Fränkel Generalbundesanwalt wurde, ein Mann, der in der Nazizeit damit beauftragt war, lebenslängliche Urteile in Todesurteile umzuwandeln. Fränkel musste dann zurücktreten.

Was war Ihre erste Reaktion, als Sie jetzt erfuhren, dass Karl-Heinz Kurras SED-Mitglied und Stasi-Spitzel war?

Sprachlosigkeit.

Was ändert sich durch dieses Wissen? Was wäre anders gelaufen, wenn Kurras bereits damals enttarnt worden wäre?

Ich bin sicher, es wäre auch mit diesem Wissen zu der Protestbewegung gekommen, aber vielleicht nicht mit dieser Vehemenz, mit dieser Wucht. Die Polizei war ja mit einer derartigen Brutalität gegen die Demonstranten vorgegangen, es gab hunderte von Verletzten, danach konnte man nicht zur Tagesordnung übergehen. Und dann muss man doch die Gründe für diesen Protest nennen, die nichts mit Stasi-Machenschaften zu tun hatten: der Protest gegen das Schah-Regime, gegen den Vietnamkrieg, gegen die Hochschulstruktur, gegen die Apartheid in Südafrika. Ein Aufbegehren gegen autoritäre Strukturen in der Gesellschaft, die Kritik an entsprechenden Strukturen in der DDR einschloss.

Ohnesorg von einem Stasi-Spion und SED-Mitglied erschossen; die Bewegung des 2. Juni teilweise von der DDR finanziert, die Terroristen der zweiten Generation in der DDR bis 1989 untergetaucht und mit Scheinidentitäten versorgt - muss die Geschichte der Radikalisierung der deutschen Gesellschaft nicht neu bewertet werden?

Diese Dinge sind bekannt. Die DDR hatte ganz sicher ein allgemeines Interesse an der Radikalisierung der Studentenbewegung. Aber die Forderungen nach mehr Demokratie, nach basisdemokratischen Strukturen war sicherlich nicht im Interesse der DDR-Führung. Und, so weit ich weiß, wurde das auch als kleinbürgerlicher Anarchismus bekämpft.

Die Studentenbewegung wäre mutmaßlich eine andere gewesen. Inwieweit hätte die Kenntnis der ganzen Identität von Kurras Ihre eigene politische Haltung damals beeinflusst? Sie waren ja in den siebziger Jahren Mitglied der DKP.

Das ist schwer zu sagen - zumal zwischen der Erschießung Ohnesorgs und meinem Parteieintritt sechs Jahre lagen. Damals hätte man wahrscheinlich gesagt, Kurras sei typisch für eine autoritäre Persönlichkeitsstruktur. Und die neue Erkenntnis passt in dieses Bild.

Über Ihre Freundschaft mit Ohnesorg haben Sie 2005 das Buch „Der Freund und der Fremde“ geschrieben. Könnten die neuen Erkenntnisse Anlass sein, für künftige Auflagen ein neues Nachwort/Vorwort zu schreiben?

In der nächsten Auflage werde ich eine Ergänzung machen. Wobei gesagt sein muss, das Buch hat ja nicht Kurras zum Thema. Es ist eine biographische Erzählung, die von einer Freundschaft, von zwei angehenden Schriftstellern erzählt. Aber über Karl-Heinz Kurras würde ich gern eine Biographie lesen. Noch kann man ihn ja fragen, wenn er denn Antworten gibt.

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