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Im Gespräch: Soziologe Ulrich Beck Über den Merkiavellismus

Ein neuer Machtstil dominiert Europa. Im Interview erklärt der Soziologe Ulrich Beck, wie das Hinausschieben von Entscheidungen durch Angela Merkel Deutschland eine merkwürdige politische Dominanz in Europa erarbeitet.

© dapd Vergrößern „Deutschland ist der große Gewinner der Krise“, sagt Ulrich Beck

Das Land ist schön und ruhig, die Menschen haben die Feiertage genossen, nun kommen Sie wieder mit Euro-Krise, mit Gefahr und Risiko. Muss das sein?

Das sehe ich anders. Die Krise ist weit in den Alltag vorgedrungen. Viele fragen sich, ob ihre Renten sicher sind, was die Lebensversicherungen noch wert sein werden. Sie verstehen vieles nicht. Schon die Geldsummen, aber auch die Begriffe, mit denen da hantiert wird, übersteigen unser Vorstellungsvermögen. Ich glaube, dass Europa selten so präsent war in unserem Alltag wie jetzt über das Thema der Krise. Aber es fehlt eine Perspektive, die all diese offenen Fragen in den Blick nimmt.

Es sind aber eine Menge Positionen zu lesen gewesen. Was stört Sie am Verlauf der Debatte?

Wir diskutieren zu schnell normativ. Wir wollen wissen, wie es weitergeht, welche Institutionen wir brauchen. Schnell ist von der Verantwortung für Europa die Rede, und wir überdecken damit unsere nationalen Interessen, oder der Großbegriff „Vereinigte Staaten von Europa“ macht die Runde - aber die gegenwärtige Lage Europas wird übersprungen.

Und wie würden Sie diese Lage nun beschreiben?

Wir haben eine dreifache Spaltung erlebt. Da ist zunächst die Machtdifferenz zwischen den Ländern, die den Euro haben, und den Ländern, die nur der EU angehören. Zwischen den Euroländern wiederum ist eine Spaltung zu erkennen zwischen den Kreditgeber- und den Kreditnehmerländern. Und drittens haben wir als Resultat dieser beiden Spaltungen ein Europa der zwei Geschwindigkeiten.

Wie sehen Sie die deutsche Position nach diesen Prozessen?

Deutschland ist der große Gewinner der Krise. Wir sind innerhalb der Eurostaaten der größte Kreditgeber, deswegen fällt uns eine besondere Macht zu. Alle blicken auf den Euro, und alles läuft auf Deutschland zu. Niemand hat es angestrebt, doch angesichts des möglichen Zusammenbruchs des Euro ist eingetreten, wovor Thomas Mann 1953 gewarnt hat, nämlich ein deutsches Europa.

Die Kanzlerin sagt das nicht so deutlich, sie sagt überhaupt sehr wenig sehr deutlich.

Angela Merkel hat eine Methode „Merkiavelli“ entwickelt, eine Verbindung zwischen Machiavellis und Merkels Machtpolitik. Ein charakteristisches Merkmal davon ist ihre Neigung zum Nicht-Handeln, Noch-nicht-Handeln, Später-Handeln, zum Zögern. In ihrem machtpokernden Jein erfahren die auf Kredite angewiesenen Länder und Regierungen ihre Abhängigkeit von der Zustimmung Deutschlands und damit immer wieder aufs Neue ihre Ohnmacht. Das macht sich in heftiger Kritik Luft.

All die Plakate vom Vierten Reich, Fotomontagen von Merkel in Nazi-Uniform...

...sind unangemessen. Es ist ja keineswegs so, dass Merkel eine militärische Macht anstrebt. Insofern ist die Kritik, es gehe hier um ein Viertes Reich, absurd. Wie die Nato-Intervention in Libyen gezeigt hat, versucht ihre Regierung eher, sich militärisch zurückzuhalten und Deutschland zu einer Art Schweiz zu machen, obwohl wir Nato-Mitglied sind.

Sie strebt eine andere Form von Macht an?

In der Tat, sie strebt eine ökonomische Dominanz an. Der D-Mark-Nationalismus, der nach dem Krieg wesentlich zur Herausbildung unserer Identität beigetragen hat, wird zu einem deutschen Euronationalismus. Die Bundeskanzlerin setzt die Sparpolitik, die sie für richtig hält, entgegen den multilateralen Verpflichtungen, die Europa ausmachen, rigoros durch, und zwar informell.

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