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Im Gespräch mit Neco Çelik : Ich bin bestimmt nicht deutschenfeindlich

  • Aktualisiert am

Er will Jugendliche herausfordern: Neco Çeliks, 1972 in Kreuzberg geboren Bild: Christian Thiel

Die Äußerung Neco Çeliks, es gebe zu viele Deutsche in Berlin, sorgt für Irritation. Der türkischstämmige Medienpädagoge und Regisseur erläutert, warum er sich eine andere Hauptstadt wünscht und warum es kein Wir-Gefühl mit den Deutschen gibt.

          Herr Çelik, Sie haben kürzlich in einem Interview gesagt, dass es in Berlin zu viele Deutsche gebe. Angesichts der Tatsache, dass Sie in Kreuzberg wohnen, zuckt man ein wenig zusammen. Wie war das bitte schön gemeint?

          Bestimmt nicht so dramatisch, wie das offensichtlich in Ihren Ohren klingt - ich bin bestimmt nicht deutschenfeindlich. Es gibt in Berlin aber einfach Stadtteile, in denen nur sehr wenige Ausländer leben. Ich wünsche mir natürlich nicht weniger Deutsche hier, sondern ein qualitativ ausgeglichenes Verhältnis.

          Was fehlt Ihnen denn?

          Viele Deutsche haben kaum Möglichkeiten, Ausländer kennenzulernen. Das schafft Berührungsängste und Vorurteile.

          Das gilt doch auch für die andere Seite. Gerade in manchen Cliquen türkischstämmiger Jugendlicher ist eine gewisse Deutschenfeindlichkeit nicht zu leugnen.

          Das stimmt, hat aber auch gute Gründe: Die Jugendlichen merken, dass man sie nicht akzeptiert. Sie sagen: „Wenn die uns nicht mögen, dann mögen wir sie ganz einfach auch nicht - und dieses Nichtmögen können wir sogar noch besser als die.“ Oft ist das eine Trotzreaktion, manchmal eine grundsätzliche Antipathie. Auf vielen Schulhöfen ist es unter türkischen Jugendlichen - aber auch unter deutschen - geradezu eine Mode geworden. Sie sagen: „Mein Freund mag keine Ausländer beziehungsweise keine Deutschen, also mag ich sie auch nicht.“ Das ist ein Teufelskreis: Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es auch heraus.

          Sie nennen das eine Mode? Bei einigen Jugendlichen scheint diese Antipathie jedoch schon fest zur Identität zu gehören.

          So ist es. Es gibt kein Wir-Gefühl mit den Deutschen. Dass das verheerende Folgen haben kann, hat man ja an den Reaktionen auf den Brand in Ludwigshafen gesehen - viele Türken waren sofort davon überzeugt, dass es sich um einen fremdenfeindlichen Anschlag handele.

          Und als dann der türkische Ministerpräsident Erdogan in Köln auftrat, jubelten mehrere tausend Türken ihm wie einem Retter zu.

          Na klar! Viele Türken hegen große Sympathie für ihn, sie bewundern seinen Aufstieg. Wenn so jemand seine Hand nach ihnen ausstreckt, greifen sie natürlich zu. Sie fühlen sich geschmeichelt und nicht mehr alleingelassen. Als Angela Merkel später sagte: „Ich bin auch eure Kanzlerin“, hat das die Menschen genauso berührt. Solche Signale sollte es viel öfter von deutschen Politikern geben.

          Was für ein Verhältnis haben die türkischen Jugendlichen zum deutschen Staat?

          Das kann man so pauschal nicht beantworten. Viele jedoch haben gar keins. Man muss sich das so vorstellen: Sie haben sich an der Bushaltestelle eine Festung gebaut und warten auf den Bus, der sie abholt. An der Bushaltestelle sind sie sich selbst überlassen und werden immer mehr. Ich bezweifle allerdings, dass sie wirklich daran glauben, dass der Bus tatsächlich noch kommt.

          Vielleicht sollten die Jugendlichen selbst die Initiative ergreifen. Viele von ihnen sprechen schlecht Deutsch, obwohl sie schon lange hier leben. Und wie wäre es mit der Übernahme deutscher Werte und Normen?

          Die gibt es doch genauso wenig, wie es typische türkische Werte und Normen gibt. Das, was die Türken hier leben, ist schon lange nicht mehr türkisch, sondern eine Mischung, die sich aus der Sozialisationserfahrung der Eltern in ihren Dörfern und den Erfahrungen ihrer Kinder in der deutschen Gesellschaft speist. Das mit dem Deutschlernen ist dagegen ein echtes Problem. Wenn man das jetzt einem Jugendlichen sagt, dann antwortet er in seinem Halbdeutsch: „Was Deutsch? Kannst mich mal!“

          Wie kann man nur so ignorant sein? Ohne Deutsch geht es einfach nicht.

          Ja, da steht eine große Arroganz dahinter und der Irrglaube, die Verweigerung sei eine heroische Art der Rebellion. Alle Jugendlichen sind in einem gewissen Alter bockig - die türkischen Jugendlichen aufgrund der schwierigen Rahmenbedingungen erst recht. Spätestens wenn sie zwanzig sind und beruflich in eine Sackgasse geraten, begreifen sie, dass sie eine Dummheit begangen haben.

          Haben die türkischen Jugendlichen, die Sie als Sozialarbeiter in Kreuzberg betreuen, auch deutsche Freunde?

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