02.04.2009 · Der G-20-Gipfel löst heftige Proteste von Globalisierungsgegnern und Wirtschaftskritikern aus. Der Londoner Bürgermeister Boris Johnson findet dafür im Interview mit der F.A.Z. scharfe Worte: Die Botschaft der Demonstranten sei völlig unklar.
An diesem Donnerstag beginnt in London der G-20-Gipfel, der schon heftige Proteste von Globalisierungsgegnern und Wirtschaftskritikern ausgelöst hat. Der Londoner Bürgermeister Boris Johnson findet dafür im Interview mit der F.A.Z. scharfe Worte: Die Botschaft der Demonstranten sei völlig unklar.
Es gibt Kommentatoren, die in der Krise Vorboten für einen zivilisatorischen Einbruch sehen. Sie auch?
Boris Johnson: Ich halte das für kompletten Unsinn. Wenn man sich die nasenberingten Demonstanten anschaut, die sich heute in der Londoner City zusammenfinden, und hört, was sie sagen, ist eines klar: wie unklar ihre Botschaft ist. Sie haben keine Ahnung, was sie sagen wollen. Sie fordern eine Reihe sehr unterschiedlicher und sich sogar zum Teil ausschließender Dinge. Einige verlangen mehr wirtschaftliches Wachstum und geben den Bankern die Schuld daran, dass die Wirtschaft lahm liegt, andere klagen, es gebe zu viel wirtschaftliches Wachstum und dass dadurch der Klimawandel verursacht werde. Sie wollen erreichen, dass wir alle unseren Lebensstil ändern. Es gibt also eine massive Inkohärenz in der Botschaft der Menschenmenge, die sich vor der Bank von England und anderswo in London versammelt hat. Die Demonstranten wissen nicht, wofür sie stehen. Ich vermute, dass sie bis Freitag alle leise nach Hause wandern werden, ohne irgendetwas erreicht zu haben. Der Kapitalismus wird als das unangefochtene System für die Steuerung der Weltwirtschaft bestehen bleiben, die Globalisierung wird auf die ein oder andere Weise fortschreiten und Millionen von Menschen weiterhin aus der Armut heben und ihnen mehr Bildung und Emanzipation bringen. Die Demonstranten haben kein alternatives Programm. Deswegen wird es ihnen auch nicht gelingen, ein anderes System herbeizuführen. Das riesige brodelnde Fass des globalen Kapitalismus produziert mitunter Blasen und Schaum. Das ist es, was diese Menschen darstellen.
Glauben Sie nicht, dass die Proteste Ausdruck einer tieferen Malaise sind?
Nein. Schon von Anbeginn haben wir das Paradoxon der Menschheit empfunden. Wir sind abhängig von der Ungleichheit. Leider haben alle Gesellschaften kommerziell mit einer Art von Elite funktioniert, es hat immer Reiche und Arme gegeben. Dieser Zustand weckt tiefes Unbehagen. Es gefällt uns nicht, dass es so ist. Aber seit wir auf diesem Planeten leben, ist es uns nicht gelungen, eine andere Lösung zu finden, weil der Mensch dazu bestimmt ist, mit Hierarchien zu arbeiten.
Gordon Brown spricht von einer „moralischen Dimension“ der Krise. Sehen Sie diese ebenfalls?
Ich glaube, es gibt eine weltweite Abscheu gegen Gier und Exzess. Was wir jetzt beobachten, ist eine Art von Projektion. Die Menschen finden alle, dass sie zu viel ausgegeben haben. Sie haben ein schlechtes Gewissen, weil sie über ihre Verhältnisse gelebt haben. Das führt sie jetzt zu einem großen Zornesausbruch gegen eine winzige Minderheit. In der Wut auf die Banker äußert sich Selbstekel. Aber die Menschen bieten keine ernsthafte Alternative an. Die Briten werden weiterhin in dem größtmöglichen Haus mit dem größtmöglichen Garten wohnen wollen. Die Spekulanten und Banker haben einen riesigen Schock erlitten, viele werden ihre Jobs verlieren. Aber mittelfristig werden sie etwas anderes finden, womit sie spekulieren - seien es Immobilien oder Aktien. So ist es leider.
Was erwarten Sie von der G-20-Konferenz?
Ich wünsche eine Einigung über die Doha-Runde zur Liberalisierung des Welthandels. Die größte Sorge, die ich als Bürgermeister Londons habe, das völlig abhängig ist vom internationalen Handel, von der freien Bewegung von Menschen und Mitteln, ist die Zunahme des wirtschaftlichen Nationalismus und der Erst-ich-Mentalität. Ich will keine „Buy American“-Maßnahmen sehen und bin zutiefst beunruhigt über einige der protektionistischen Äußerungen von Herrn Sarkozy, die französische Autoindustrie betreffend. Die größte Leistung der Politiker bei diesem Treffen wäre, ihr Vertrauen in die Weltwirtschaft geltend zu machen und die üblen Subventionen zu kürzen, die die Steuerzahler in Europa und Amerika finanzieren, um herabgesetzte Agrarprodukte in die Dritte Welt zu schicken. Damit richten sie riesigen Schaden in der Landwirtschaft der Entwicklungsländer an, derweil sie den westlichen Steuerzahler schröpfen.
Glauben Sie, dass auch etwas Gutes aus der Krise kommen kann?
Die menschliche Natur ist, wie sie ist. Ich glaube nicht, dass die Krise uns veranlassen wird, den Sozialismus oder den Kommunimus neu zu erfinden. Diese Experimente waren schrecklich und tragisch. Sie haben versagt. Wir wissen, dass wir die Umwelt schützen müssen, aber müssen auch begreifen, dass der technischer Fortschritt und der Kapitalismus unabdingbar sind, wenn wir das errreichen wollen. Meine Botschaft an die Demonstranten und an Frau Merkel lautet: freier Handel.