Home
http://www.faz.net/-gsf-qwso
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Samstag, 18. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Illegaler Antikentransfer? Gettys Kulturimperialismus

29.07.2005 ·  Eine ehemalige Getty-Kuratorin soll antike Kunstwerke aus Italien angekauft haben, die offensichtlich aus Raubgrabungen stammten. Jetzt wird sie vor Gericht gestellt - und mit ihr die amerikanische Kulturpolitik im ganzen.

Von Dirk Schümer, Venedig
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Mitte November wird in Rom ein Strafgerichtsprozeß eröffnet, bei dem nicht nur eine Mitarbeiterin des kalifornischen Getty-Museums auf der Anklagebank sitzt, sondern die amerikanische Kulturpolitik im ganzen - oder, wie man früher gesagt hätte: der Kulturimperialismus. Italiens Behörden wollen nämlich beweisen, daß die ehemalige Getty-Kuratorin Marion True vor zehn Jahren rund vierzig antike Kunstwerke im Wert von rund zwanzig Millionen Dollar angekauft hatte, obwohl diese offensichtlich aus Raubgrabungen im Großraum Neapel stammten. Implizit heißt das: Ihr Museum nahm den Raub billigend in Kauf.

Weil dies der erste Prozeß dieser Art ist, blickt nicht nur der internationale Kunsthandel, sondern auch die Museumsszene gespannt nach Rom. Die kriminelle Grauzone, in der sich vor allem der Handel mit antiken Stücken immer schon bewegt, soll beleuchtet, der Sumpf trockengelegt werden. Ob dieser "große internationale Krimi" - so der "Corriere della Sera" - vor Gericht wirklich einen Abschluß finden kann, ist allerdings offen.

Schmuggel, Kunstraub, organisierte Kriminalität

Das berüchtigte Genfer Zollfreilager, in dem Tausende Kunstwerke ganz legal bis zum Ablaufen von Fahndungen und Verjährungen schlummern und dabei von Händlern und Interessenten aus aller Welt schon einmal besichtigt werden können, geriet bereits nach den Plünderungen irakischer Fundstätten bei der amerikanischen Invasion in die Medien. Ebendort, in Genf, wollen italienische Fahnder nun den Nachweis gefunden haben, daß etruskische Vasen, Trinkgefäße, ja Freskenreste aus dem pompejanischen Umkreis illegal vom Getty-Museum angekauft wurden.

Sollte der sechste Strafgerichtshof in Rom das auch so sehen, kommen auf die amerikanischen Museen bedeutende Restitutionsforderungen zu. Sowohl die monumentale "Venus von Morgantina" aus einer innersizilianischen Grabung, die derzeit im Getty von Los Angeles ausgestellt wird, als auch der zugehör,ige Silberschatz im New Yorker Metropolitan Museum fallen nach Ansicht der Staatsanwälte unter dieselben Delikte: Schmuggel, Kunstraub, organisierte Kriminalität.

Es geht auch um einen atlantischen Moralgraben

Der Händler der morgantinischen Schätze wurde bereits in Italien zu zehn Jahren Haft verurteilt, sein Schweizer Kollege Emanuel Robert Hecht, der die römisch-etruskischen Ankäufe des Getty-Museums vermittelte, steht nun gemeinsam mit Marion True in Rom vor Gericht. Zweihundert Zeugen sollen klären, ob der Ankauf den juristischen Standards entsprach - oder ob man bewußt in Kauf nahm, obskure Stücke nach einer Schonfrist in die glamouröse Sammlung eines der reichsten Museen der Welt einzureihen.

Der zuständige Abteilungsleiter im italienischen Kulturministerium, Giuseppe Proietti, deutet an, daß es hier auch um einen atlantischen Moralgraben geht: "Wir wissen, daß Italien und die Vereinigten Staaten unterschiedliche Betrachtungsweisen über Kulturgüter und ihre Eigentümer haben." Der Prozeß kommt zu einem Zeitpunkt, da in Italien die Debatte über die laxe amerikanische Achtung für die Souveränität alteuropäischer Länder hochkocht, nachdem CIA-Agenten ohne Kenntnis der italienischen Behörden einen verdächtigen Imam aus Mailand in den Nahen Osten entführten. Auch die Erschießung des italienischen Geheimdienstmannes Calipari in Bagdad durch amerikanische Soldaten hat das Ansehen der Vereinigten Staaten in Italien stark beschädigt. Nun also auch noch transatlantischer Kunstraub?

Könnte nicht auch Bagdad die Amerikaner verklagen?

Der Kunstkrimi von Rom trifft die Ankäufer von der anderen Seite des Atlantiks um so schmerzlicher, weil die italienische Lage durchaus mit der irakischen vergleichbar ist: Beide Länder müssen bisher den Kunstraub wie früher Kolonien die Raubzüge der Eroberer erdulden. Sind es in Sizilien oder dem zunehmend in die Hände der Cosa Nostra abgleitenden Neapel organisierte Verbrecher, die für ausländische Interessenten Grabungshorizonte eiskalt zerstören und dabei Polizei wie Kunstbehörden bestechen und einschüchtern, so ist die Situation im gesetzlosen Irak noch viel drastischer. Dort haben nach dem Leerräumen der Museen längst Stammesgruppen die systematische Plünderung der zuvor gutgesicherten Stätten übernommen; Archäologen befinden sich hier nach dem amerikanischen Einmarsch in Lebensgefahr, während der internationale Kunsthandel nach der Invasion ein "Goldenes Zeitalter" für mesopotamische Schätze feiert. Könnte nach Rom nicht auch Bagdad die Amerikaner verklagen?

Daß es ausgerechnet italienische Truppen sind, die diesen Feldzug auf dem Gelände des antiken Babylon unterstützen, dabei aber wie alle Invasionstruppen meist nur sich selbst, nicht aber die Archäologie kontrollieren können, macht den Prozeß in Rom noch pikanter: Kann sich Italien mit einem nationalen Prozeß überhaupt noch gegen die Ausräuberung wehren? Oder hat auch hier die globalisierte Ökonomie die Macht über die Güter übernommen?

Quelle: F.A.Z., 29.07.2005, Nr. 174 / Seite 33
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Hörnchen, alaaf!

Von Hubert Spiegel

Krebserregende Kostüme aus Fernost und jede Menge Alkohol: Der Karneval kann unangenehm werden. Doch ein kleines Tier im malaysischen Urwald bietet die (fast) perfekte Lösung. Mehr 1