27.09.2006 · Nach der umstrittenen Absetzung der Mozart-Oper „Idomeneo“ aus Furcht vor islamistischer Gewalt gerät nun auch der Berliner Innensenator Ehrhart Körting in die Kritik: Die Intendantin der Deutschen Oper fühlt sich von ihm „alleingelassen“. Über eine Wiederaufnahme von „Idomeneo“ wird nachgedacht.
Die Deutsche Oper Berlin fühlt sich von der Polizei „alleingelassen“. Bei der Absetzung der Mozart-Oper „Idomeneo“ aus Angst vor islamistischen Anfeindungen habe Intendantin Kirsten Harms von den Berliner Sicherheitsbehörden keinerlei Hilfestellung bekommen, sagte Opernsprecher Alexander Busche am Mittwoch.
Er schloß eine baldige Wiederaufnahme der Inszenierung des Regisseurs Hans Neuenfels nicht aus. „Wenn wir die entsprechenden Sicherheitsgarantien bekommen, dann wollen wir ernsthaft überlegen, ob wir die Inszenierung wieder aufnehmen“, sagte er. Trotz einer Gefährdungsanalyse sei das Opernhaus und die Intendantin von den Sicherheitsbehörden „alleingelassen“ worden. Sie sei keine Sicherheitsexpertin und könne daher auch nicht die wahre Bedrohung ermessen.
Bundestags-Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt warf dem Berliner Innensenator Ehrhart Körting (SPD) am Mittwoch vor, die Intendantin der Deutschen Oper Berlin, Kirsten Harms, nicht ausreichend beraten zu haben. Harms hatte die Inszenierung nach Hinweisen der Polizei vom Spielplan genommen, daß eine Aufführung der Oper ein nicht zu kalkulierendes Risiko für Schauspieler und Besucher bergen könne. Körting hat am Mittwoch eingeräumt, daß es keine konkreten Hinweise auf eine Gefährdung der Deutschen Oper gegeben habe. Allerdings sei das LKA in einer Analyse zum Ergebnis gekommen, daß eine Gefahrensituation eintreten könnte, sagte der Senator am Mittwoch von Journalisten in Berlin.
In der Inszenierung präsentiert der kretische König Idomeneo die abgeschlagenen Köpfe Poseidons, Jesus', Buddhas und des muslimischen Religionsstifters Mohammed. Die bildhafte Darstellung Mohammends gilt im Islam als Gotteslästerung. Karikierende Mohammed-Darstellungen hatten im vergangenen Jahr zu massiver anti-westlicher Gewalt in zahlreichen islamisch geprägten Ländern geführt.
„Mit Halbwissen alleingelassen“
Die Grünen-Politikerin Göring-Eckardt sagte im Rundfunk Berlin-Brandenburg weiter, Körting habe der Intendantin die Entscheidung über die Absetzung ganz allein überlassen und nicht gemeinsam mit ihr die Lageeinschätzung des Landeskriminalamts besprochen, die die Grundlage für die Entscheidung war. Es sei auch Aufgabe der Innenbehörde zu sagen, wie die Sicherheit der Oper zu gewährleisten wäre. Auch die frühere Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts, Jutta Limbach, kritisierte, die Intendantin sei mit Halbwissen alleingelassen worden. Die Debatte werde zu sehr auf Harms fokussiert, sagte Limbach im NDR. „Ich muß mich fragen, wie steht es eigentlich um die Gefahrenanalyse des LKA, haben sie der Intendantin auch deutlich gemacht, daß entsprechende Schutzvorkehrungen vorgenommen werden würden, sollte sich die Gefahr eines Tages als begründet erweisen“, sagte die Präsidentin des Goethe-Instituts. Zugleich warf sie allerdings Harms vor, einen Akt der „Selbstzensur“ begangen zu haben.
Harms hatte auch ein von ihr als dramatisch empfundenes Telefonat mit Körting als Grund für ihre Entscheidung angeführt, die Oper abzusetzen. „Er hat gesagt, er liebt die Deutsche Oper sehr, fährt oft an ihr vorbei und möchte nicht erleben, daß sie nicht mehr da ist“, sagte Harms. Unterdessen verurteilte auch Bundeskanzlerin Angela Merkel die Opern-Absetzung scharf. „Wir müssen aufpassen, daß wir nicht aus Angst vor gewaltbereiten Radikalen immer mehr zurückweichen“, sagte sie der „Neuen Presse“ aus Hannover. Selbstzensur aus Angst sei unerträglich. „Zulässig ist Selbstbeschränkung nur, wenn sie aus Verantwortung im Rahmen eines echten, vollkommen gewaltlosen Dialogs der Kulturen folgt.“
„Heuchlerische Reaktionen“
Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), erhob den Vorwurf, durch die Absetzung könnten Muslime in einen „Generalverdacht“ geraten. Bayerns Innenminister Günther Beckstein (CSU) sprach von einem „gefährlichen Signal für die Kunst- und Meinungsfreiheit“. Linksfraktionsvize Bodo Ramelow kritisierte die Absetzung der Oper, nannte aber auch die ablehnenden Reaktionen „heuchlerisch“. Dieselben Politiker, die jetzt der Intendantin der Deutschen Oper zürnten, hätten „die Atmosphäre geschaffen, in der aus einer Gefährdungsanalyse eines LKA-Beamten die Absage einer Opern-Aufführung wird“. Mit Blick auf die Anti-Terror-Gesetze fügte er hinzu: „Wer so tiefe Eingriffe in Freiheitsrechte vornimmt, kann sich schwerlich zum Hüter der Freiheit der Kunst aufschwingen.“
Die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth nannte die Entscheidung am Mittwoch ein „Signal von Feigheit“. Der SPD-Politiker Dieter Wiefelspütz erklärte, die Intendanz der Deutschen Oper blamiere sich grenzenlos. „'Idomeneo' ist als Oper Weltklasse. Die Entscheidung der Intendantin ist nicht einmal Kreisklasse“, sagte der innenpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion. „Wenn nicht einmal mehr die Intendantur eines Opernhauses für die Freiheit der Kunst ficht und streitet, wer soll das denn sonst tun“, kritisierte Wiefelspütz. Die Grünen-Vorsitzende Roth sprach sich grundsätzlich gegen eine Absetzung von Opern-Inszenierungen aus Gründen religiöser Rücksicht aus. „Integration basiert auch auf dem Konzept von Toleranz“, sagte sie dem Nachrichtensender N24. „Und Toleranz heißt auch Zumutungen. Und dann muß man eben auch eine Opernaufführung ertragen, die eine Zumutung darstellt.“ Die Entscheidung von Harms halte sie deshalb für falsch. „Ich lebe doch nicht in einem Gottesstaat.“
„Es ist unsere eigene Feigheit“
Der Unions-Politiker Wolfgang Bosbach erklärte in N24, die Gesellschaft dürfe nicht aufgeben oder relativieren, was in jahrhundertelangen Kämpfen an Menschen- und Bürgerrechten erworben worden sei. „Wenn es eine konkrete Gefahr gibt, dann ist es Sache der Sicherheitsbehörden, diese Gefahr abzuwehren“, sagte der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Der nordrhein-westfälische Integrationsminister Armin Laschet betonte, der vorauseilende Gehorsam der Intendantin der Deutschen Oper setze auch Muslime unter Rechtfertigungszwang. „Sie haben diesmal gar nichts gemacht, sondern es ist unsere eigene Feigheit, daß wir bestimmte Dinge nicht mehr aufführen“, kritisierte der CDU-Politiker im Westdeutschen Rundfunk.
ich kanns nicht lassen...
David Eichberg (wwaldii)
- 27.09.2006, 16:52 Uhr
Vielleicht nur eine überforderte Intendantin
B Santina (BAS2)
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Alexander Leidig (al2001_de)
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Dirk Walbrühl (Kelen)
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Peter Sauermann (Delta9)
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