10.10.2006 · Als Alois Alzheimer seine Patientin Auguste Deter 1901 zum ersten Mal befragt, ahnt er noch nicht, wer vor ihm sitzt: Die Vorbotin einer neuen Volkskrankheit. Heute leiden allein in Deutschland etwa eine Million Menschen an Demenzkrankheiten. Ein FAZ.NET-Spezial.
„Wie heißen Sie?“ „Auguste.“
„Familienname?“
„Auguste.“
„Wie heißt ihr Mann?“
„Ich glaube ... Auguste“
Als der Münchner Psychiater Alois Alzheimer seine Patientin Auguste Deter 1901 zum ersten Mal befragt, ahnt er noch nicht, wer vor ihm sitzt: Die Vorbotin einer neuen Volkskrankheit. Heute leiden allein in Deutschland etwa eine Million Menschen an Demenzkrankheiten, weltweit wohl mehr als zwanzig Millionen Menschen. Die Alzheimer-Krankheit ist die häufigste Form von Demenz, also von Gehirndegeneration. Sie trifft einen Menschen um so wahrscheinlicher, je älter er ist. Demenz entwickelt sich mit brutalem Tempo zur Geißel der alternden Gesellschaften, die den Betroffenen und ihren Angehörigen Leid aufbürdet und der Gesellschaft immense Kosten.
Wirtschaftlicher und sozialer Sprengstoff
Im Jahr 1906, also vor hundert Jahren, beschrieb Alzheimer die Krankheit zum ersten Mal akribisch und legte dar, welche krankhaften Veränderungen er im Gehirn der Auguste Deter beobachtet hat. Auf zahlreichen Kongressen und Symposien, etwa in Berlin (siehe auch: www.alzheimer2006.de) und in Tübingen (siehe auch: www.alz100.de) wird in diesen Wochen die runde Zahl genutzt, um zu debattieren, wo die Erforschung der Demenzkrankheiten steht und wie die Gesellschaft mit Betroffenen und Angehörigen umgeht.
In Amerika und Europa grassiert die Angst, daß die Demenz-Geißel nicht nur die Sozialkassen sprengen könnte, sondern auch den Zusammenhalt in der Gesellschaft. Besonders in den kinderarmen Ländern Europas stehen immer weniger Junge einer wachsenden Zahl von hochbetagter Demenzkranker gegenüber, deren Pflege aufwendig und teuer ist. Familien sind mit der Pflege von Demenzkranken oftmals überfordert, kinderlose Demenzkranke sind ganz auf öffentliche und private Pflegeinstitutionen angewiesen.
Schattenseite eines enormen Fortschritts
„Die Krankheit des Vergessens“ nannte Alois Alzheimer das Phänomen. Vergeßlichkeit ist aber nur ein Symptom von Demenzkrankheiten, auch das Sprachvermögen leidet, ein rätselhafter Drang zum Weglaufen tritt auf, eine schleichende Auflösung der Persönlichkeit vollzieht sich, oftmals begleitet von Angstzuständen, Halluzinationen, Depression. Zwar verringert eine Demenzerkrankung die Lebenserwartung, doch es handelt sich nicht um eine tödliche Krankheit. Vielmehr kann Alzheimer einen ansonsten gesunden Menschen treffen, der Leidensweg der Betroffenen kann sich über mehr als zehn Jahre hinziehen.
Die verlängerte Lebenserwartung gehört zu den größten Errungenschaften der modernen Medizin. Heute sind Menschen jenseits ihres fünfzigsten Geburtstages so gesund und vital wie noch nie zuvor. Demenz ist die Schattenseite dieses enormen Fortschritts und deshalb eine der wichtigsten Herausforderungen für die alternde Gesellschaft. Doch wie bekommt die Wissenschaft ausreichend Talente und Ressourcen, um die Krankheit bezwingen zu können? Und wie lernt die Gesellschaft, mit Kranken umzugehen und ihre Angehörigen zu unterstützen, solange Alzheimer und andere Demenzerkrankungen noch nicht besiegt sind?
Es gibt auch Hoffnung
F.A.Z.-Wissenschaftskorrespondent Christian Schwägerl hat sich zum hundertsten Jahrestag auf die Suche nach Antworten gemacht. Er verbrachte drei Tage in einem Pflegeheim im Berliner Bezirk Spandau, wo Demenzkranke in einer Wohngemeinschaft zusammenleben und Pfleger sich mühen, ihnen einen würdevollen Alltag zu ermöglichen (siehe auch: Wie Demenzpatienten und Pfleger zusammenleben) Die Ehefrau eines Demenzkranken hat ihm die Türe geöffnet und erzählt, wie ihr Alltag aussieht und welches Unverständnis ihre Mitmenschen entgegenbringen (Was machen Sie hier? Ich kenne Sie nicht) Wie wenig die Gesellschaft auf Demenzkranke eingestellt ist, zeigt der Fall eines Berliners, der im Sommer 2006 in einer Klinik spurlos verschwand, weil er wie ein gewöhnlicher Patient behandelt worden war (siehe auch: Demenzbehandlung: Du versaust uns den Schnitt). In einer Reportage für FAZ.NET schildert Christian Schwägerl krasse Mißstände, die es in Pflegeheimen für Demenzkranke gibt, bis hin zur Gewalt (siehe auch: Wenn Demenzkranke Opfer von Gewalt werden, bleibt das meist geheim).
Doch es gibt auch Hoffnung: Christian Haass, Professor für Stoffwechselbiochemie an der Ludwig-Maximilian-Universität in München, ist fest davon überzeugt, daß es Biologen und Medizinern gelingen wird, Medikamente zu entwickeln, die Demenzkrankeheiten lindern, heilen oder ihnen sogar vorbeugen können. Beim Gespräch im Münchner Labor des Forschers lobte Haass das Engagement deutscher Stiftungen wie der Breuer-Stiftung und der Hertie-Stiftung. Der renommierte Wissenschaftler klagte aber über die mangelnde Unterstützung der Alterungsforschung in Deutschland. Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) habe eine Initiative für die Alterungsforschung angekündigt, bisher sei aber nichts geschehen.