Home
http://www.faz.net/-gsf-13f2f
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Humboldt-Forum Was soll ins Berliner Schloss?

29.08.2009 ·  Ideologie aus Gemeinplätzen: Eine Ausstellung im Alten Museum zeigt, wie es im „Humboldt Forum“ einmal aussehen soll: Die Leitidee des Weltbildes, das künftig im Berliner Schloss besichtigt werden soll, ist die Romantisierung der Migration.

Von Patrick Bahners
Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (1)

Alle paar Jahre wird Berlin von dem Gerücht aufgeschreckt, das meistbewunderte Objekt der Staatlichen Museen, die Büste der Nofretete, sei eine Fälschung. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz könnte Farbpartikeluntersuchungen eigentlich mit Gelassenheit abwarten. Denn im Fall des Nachweises der Fälschung müsste das schöne Stück nur verlegt werden. In der unmittelbaren Nachbarschaft der Museumsinsel, auf der anderen Seite des Lustgartens, stünde für die Zurschaustellung einer hypothetischen falschen Nofretete bald ein noch prächtigerer Rahmen bereit: im wiedererrichteten Stadtschloss der Hohenzollern.

Dort soll ein „Humboldt-Forum“ einziehen, das die Preußenstiftung gemeinsam mit der Landesbibliothek und einer der drei lokalen Universitäten betreiben will. Die völkerkundlichen Sammlungen sollen aus Dahlem an den früheren Zentralort der Fürstenherrschaft verlegt werden, um der Demonstration eines politischen Gedankens unserer Tage zu dienen: der Gleichwertigkeit aller Kulturen. Die europäische Kultur, fordert als Schirmherr der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, der SPD-Politiker Thomas Krüger, habe sich einzureihen „in die Gesamtheit gleich gültiger Weltkulturen“.

Eine Ausstellung im Alten Museum mit dem anspruchsvollen Titel „Anders zur Welt kommen“ führt derzeit einige Musterräume des geplanten „Forums“ vor. Folgerichtig findet die Gleichgültigkeitsthese nicht nur auf ganze Kulturen Anwendung, sondern auch auf die einzelnen Objekte. Eine Kopie ist für die Zwecke des „Humboldt-Forums“ genauso viel wert wie das Original. Sie kann in gleicher Weise betrachtet, beredet und bestaunt werden. Ein Stuckkopf, der 1960 irrtümlich als Meisterwerk der Maya-Klassik angekauft worden ist, wird im Großkapitel „Tausch“ gezeigt: Wir sollen sehen, dass die Opfer europäischer Plünderer uns mit unseren eigenen Waffen des Geschäftssinns und des Kunstgewerbes geschlagen haben.

Ein ideologisches Programm aus Gemeinplätzen

Die Kultgegenstände und religiösen Praktiken aller Völker der Erde haben ihren eigenen Wert, verdienen studiert und konserviert zu werden. Dieses hermeneutische Prinzip ist ebenso eine Selbstverständlichkeit wie die Aussage, die Begegnung von Kulturen, selbst die kriegerische, sei immer auch ein Austausch, ein Geben und Nehmen. Das „Humboldt-Forum“ macht aus diesen Gemeinplätzen ein ideologisches Programm.

Als Phantasieprodukt, als Kopfgeburt des sehr spezifischen Völkchens der Kulturmanager, Kulturwissenschaftler und Kulturpolitiker, gäbe das „Humboldt-Forum“ selbst ein faszinierendes ethnologisches Studienobjekt ab. Die Leitidee des Weltbildes, das im Schloss besichtigt werden soll, ist die Romantisierung der Migration.

Kultur, das soll hier heißen: Bewegung und Wanderung. Die Touristen, die das Schloss besuchen, werden vorher vielleicht glauben, sie kehrten nach dem Ende der Reise nach Hause zurück. Hinterher sind sie aufgeklärt, haben erkannt, dass sie als Andenkensammler ewig neue Jagdgründe suchen. Doch der Glaube, im Zuge der Globalisierung erwiesen sich alle Kulturen als nomadisch, hat einstweilen Evidenz nur für Tagungsreisende.

Die kommunikative Variante der barocken Illusionsarchitektur

Wer dazugehört und wer ausgeschlossen wird, wer bleiben darf und wer nur zu Gast ist: Das sind die harten Fragen, durch die Völker über ihre Identität entscheiden. In Berlin sollen sie unter der Prämisse erörtert werden, dass alle Grenzen künstlich und vorläufig sind. Der zentrale Raum des „Forums“ ist als „Agora“ ausgewiesen, als Raum für grenzenlose politische Debatten. Die hauptberuflichen Debattenveranstalter unter den Gründern verlangen, das ganze „Forum“ solle als „Agora“ genutzt werden. Dem können die Museumsleute kaum widersprechen. Sie können noch Latein und Griechisch und wissen, dass das eine Wort die Übersetzung des anderen ist.

Was unterschied die Agora vom Marktplatz einer barbarischen Stadt? Die Männer, die sich hier versammelten, fällten gemeinsam Entscheidungen. Es durften aber, anders als beim Warentausch, nur Bürger mitmachen, keine Sklaven oder Fremden. Das „Humboldt-Forum“ ist die kommunikative Variante der barocken Illusionsarchitektur: Man spiegelt den Besuchern vor, dass sie schon Bürger einer Weltrepublik seien.

Dieser Multikulturalismus wirkt schon vor Baubeginn veraltet

Ausstellungen zu anthropologischen Universalien gehören in ethnologischen Museen zum „state of the art“. Nichts spricht dagegen, in einer Sonderschau „Das Wandern ist des Menschen Lust“ die Götterschiffe aus Neuguinea neben die deutschen Autos türkischer Rückwanderer zu stellen. Aber das „Humboldt-Forum“ nötigt die beteiligten Museen, ihre gesamte Sammlungspräsentation auf die Spielregeln dieser Didaktik des kombinatorischen Spektakels umzustellen.

Das „Humboldt-Forum“ ist selbst das Produkt eines Tauschgeschäfts. Hinter den barocken Fassaden soll sich etwas Ultramodernes abspielen. Doch der Multikulturalismus mit den Fetischworten der „Anerkennung“ des „Anderen“ wirkt schon vor Baubeginn veraltet. Die Befürwortung des „Humboldt-Forums“ im Bundestagsbeschluss von 2002 steht unter dem Vorbehalt, dass sich das Konzept bei näherem Hinsehen als angemessen erweist. Noch bis zum 17. Januar 2010 werden die Abgeordneten des neuen Bundestags Gelegenheit haben, sich im Alten Museum darüber ein Urteil zu bilden.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1967, Redakteur im Feuilleton.

Jüngste Beiträge

Wieder federführend

Von Sandra Kegel

Immer mehr Menschen schwärmen für das Schreiben mit spitzer Feder, Füllhalter-Produzenten und Versandhändler verzeichnen eine Verdopplung der Nachfrage. Was ist zu halten von der neuen Liebe zur Tinte? Mehr 3