08.12.2009 · Kulturstaatsminister Neumann plant einen „Runden Tisch“ zum Berliner Schloss. Dessen Teilnehmer sollten endlich eingestehen, dass aus dem Weltkulturenmuseum auf dem Schlossplatz in absehbarer Zeit nichts wird.
Von Andreas KilbWer die anhaltende Diskussion um das Berliner Schloss und seinen Inhalt, das Humboldt-Forum, mit gewissem Interesse verfolgt, fühlt sich mitunter an die Zeit der „streitenden Reiche“ Chu, Wei, Yan, Han, Jin, Qin und Qi im alten China erinnert: Vor lauter Nachtgefechten, Hinterhalten und Hofintrigen erkennt man kaum noch, wer gerade wen vors Schienbein tritt.
Eben erst ist der Italiener Franco Stella gegen den Einspruch seines deutschen Kollegen Hans Kollhoff vor Gericht als Schlossarchitekt rehabilitiert worden (Humboldt-Forum: Lasst viele Partner um mich sein), da kriegt er schon wieder Kontra – diesmal allerdings nicht von den Schlossgegnern, sondern von seinem Auftraggeber. Für das Gebäude gebe es keinen Cent über die vereinbarten fünfhundertfünfzig Millionen Euro hinaus, ließ Bundesbauminister Ramsauer (CSU) ausrichten, und wer mehr wolle wie Stella, müsse „sagen, woher das Geld kommt“.
Eine Kuppel war gefordert
Dabei hatte der Architekt nichts weiter getan, als auf einen Widerspruch zwischen der Konzeption und dem bauherrlichen Handeln des Ministeriums hinzuweisen. Der alte Bundesbauminister Tiefensee (SPD) hatte im Herbst 2007 einen Wettbewerb ausgeschrieben, in dem ausdrücklich ein Kuppelbau auf dem Grundriss des Hohenzollernschlosses verlangt wurde („Eine Kuppel ist vorzusehen“).
Etliche Einreichungen, darunter auch der mit einem Sonderpreis ausgezeichnete Entwurf des Architektenbüros Kuehn Malvezzi, wurden mangels Kuppel aussortiert. Der Siegerentwurf von Stella enthielt freilich nicht nur die klassizistische Kuppelhaube Friedrich August Stülers von 1853, sondern auch drei von vier Fassaden des Eosanderhofs, des westlichen und ehemals größeren der beiden historischen Schlosshöfe.
In dem korrigierten Entwurf, den die Stiftung Preußischer Kulturbesitz vor sechs Wochen zusammen mit Stella präsentierte, ist davon nur noch der Innenrisalit, also die zum Hof gewandte Schaufront des westlichen Hauptportals, übrig geblieben. Ohne diesen letzten Rest Neubarock jedoch, den das Bundesbauministerium nun offenbar ebenfalls opfern will, sähe die Agora, die programmatische Nahtstelle des Humboldt-Forums, wie ein x-beliebiges Veranstaltungszentrum aus. Das gemeinsame Großprojekt der Stiftung Preußischer Kulturbesitz mit der Humboldt-Universität und der Berliner Landesbibliothek wäre schon im Eingangsbereich durch Piefigkeit entwürdigt.
Mischmasch mit Texttafeln
Dass der Schlossbau, ob mit oder ohne Eosanderhofportal, am Ende mit ziemlicher Sicherheit mehr kosten wird als die jetzt vorgesehene Summe, ist auch in Regierungskreisen ein offenes Geheimnis. Die Frage ist nur, ob man es aussprechen soll, und das hat wiederum mit dem geplanten Inhalt des Gebäudes zu tun, dem Weltkulturen- und Weltwissensmuseum, das die drei Hauptnutzer im Juli in einer Werkstattausstellung im Alten Museum gegenüber dem Schlossplatz vorgestellt haben.
Die Ausstellung – sie läuft noch bis zum 17. Januar – ist, auch das dürfte sich mittlerweile herumgesprochen haben, ein Flop. Sie zeigt, dass die Dahlemer Sammlungen für Ethnologie und asiatische Kunst, die auf zwei Stockwerken den Kernbestand des Humboldt-Forums stellen sollen, kein stichhaltiges Konzept für das neue Museum haben, jedenfalls keines, das der besonderen Form und der oft beschworenen geschichtlichen Bedeutung des Schlossbaus Rechnung tragen würde.
Das Forum der Weltkulturen wäre, wenn die Präsentation im Alten Museum im großen Maßstab umgesetzt würde, zur einen Hälfte ein mit Texttafeln aufgemotztes Remake der Dahlemer Völkerkundemuseen, zur anderen ein Mischmasch von Schaumagazinen, Multimedia-Sälen und Seminarräumen unter dem pompösen Etikett der „Laboratorien des Wissens“.
Der Kaiser ist nackt
Diese geschichtspolitische Nullnummer kann niemand wünschen, am allerwenigsten Bernd Neumann, der in seiner zweiten Amtszeit als Kulturstaatsminister zum rettenden Engel des Schlossprojekts werden möchte. Deshalb will Neumann eine Kommission aus Experten einberufen, die die „reine Addition“ der vorhandenen Altbestände aus Museen und Bibliotheken im Schloss verhindern soll. Auf ganz ähnliche Weise versucht die Preußenstiftung schon seit fast zwei Jahren, das Fachwissen internationaler Ethnologen, Kunstexperten und Museumsdirektoren in die Bahnen des Humboldt-Forums zu leiten. Es hat, wie man sieht, wenig gefruchtet.
Wäre es nicht ehrlicher, endlich zuzugeben, dass der Kaiser nackt ist – dass ein Weltkulturenmuseum in der Mitte Berlins, wie es die Erfinder des Humboldt-Forums vor acht Jahren in wohlklingenden Sätzen beschworen haben, die intellektuellen, personellen und finanziellen Kräfte seiner Nutzer bei weitem überfordert? Und dass die Stiftung Preußischer Kulturbesitz auf dem Schlossplatz keinen Kontrapunkt, sondern eine Ergänzung zu ihren Sammlungen auf der Museumsinsel braucht?
Drei ihrer wichtigsten Bestände, die Gemäldegalerie, die Kunstbibliothek samt Kupferstichkabinett und das vielfach unterschätzte Kunstgewerbemuseum, sind derzeit im städtischen Abseits des Kulturforums am Potsdamer Platz untergebracht. Ihr Umzug auf den Schlossplatz würde den dortigen Neubau zum Louvre Berlins machen. Ganz gleich, unter welchem Etikett.