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Holocaustforscher Raul Hilberg : Wie die Tötungsmaschine funktionierte

  • -Aktualisiert am

Pforte zur Vorhölle: Das ehemalige Vernichtungslager Auschwitz II-Birkenau Bild: EPA

Fast im Alleingang hat Raul Hilberg ein Forschungsfeld begründet, das man heute Holocaust-Studien nennt. Dabei war sein Standardwerk „Die Vernichtung der europäischen Juden“ lange Zeit zu wahr, um übersetzt zu werden.

          In seinen „Unerbetenen Erinnerungen“ erzählt Raul Hilberg eine Geschichte, die man heute kaum mehr glauben kann. Als junger Mann, gerade aus dem Krieg nach New York zurückgekehrt, hörte er am Brooklyn College eine Vorlesung bei Hans Rosenberg über den Aufstieg des Nationalstaats. Es war ein tiefer, bleibender Eindruck, den ihm Rosenberg vermittelte, aber auch eine tiefe Irritation. Einmal nämlich erwähnte Rosenberg beiläufig, Napoleons Greueltaten in Spanien hätten seither nicht ihresgleichen gefunden. Hilberg meldete sich: „Und was halten Sie von sechs Millionen getöteten Juden?“ Rosenberg räusperte sich, nannte das „ein interessantes Problem, aber sehr kompliziert“, weshalb er im Rahmen der Vorlesung darauf nicht eingehen könne. Dabei war Rosenberg der Sohn eines jüdischen Vaters, emigriert wie Hilbergs Familie. Der Vorfall dauerte kaum eine Minute, Hilberg glaubte ganz ruhig gewesen zu sein. Doch später musste er sich sagen lassen, er habe sich derart erregt gezeigt, dass seine Kommilitonen Angst um ihn gehabt hätten.

          In dieser Episode scheinen schon einige Motive auf, die Hilbergs wissenschaftliches Leben ausmachen sollten: Einmal das allgemeine Schweigen über, ja fast das Desinteresse an seinem großen künftigen Thema, der Ermordung der europäischen Juden. Und dann, in der schlichten Frage „Was halten Sie von“ die Nüchternheit, die, wie er später hören wird, einer leidenschaftlichen Bewegtheit abgewonnen ist. Raul Hilberg, 1926 geboren und 2007 verstorben, ist ohne Zweifel einer der größten Historiker seiner Zeit. Er hat, fast im Alleingang, ein neues Forschungsfeld begründet, das man heute Holocaust-Studien nennt – Hilberg selbst allerdings hat das Wort Holocaust wie auch das von der Schoa gemieden. Seine Magisterarbeit behandelte die „Rolle des deutschen Beamtentums bei der Judenvernichtung“, seine Doktorarbeit von 1955 war schon im Grundzug das, was man heute als sein Hauptwerk kennt, „Die Vernichtung der europäischen Juden“. Die Arbeit wurde ausgezeichnet als beste geisteswissenschaftliche Dissertation der Columbia University, doch es brauchte sechs Jahre, bis sie endlich publiziert war.

          Hilbergs Thema ist die Maschinerie der Vernichtung

          Und noch sehr viel länger dauerte es, bis sie in ihrer Bedeutung allgemein anerkannt wurde, als das Standardwerk zum Thema. Wer das Buch, in seiner Substanz mehr als sechzig Jahre alt, heute liest, gewinnt dafür den Eindruck erstaunlicher Modernität. Das liegt an der nüchternen Sprache, am Verzicht auf moralisierende Bemerkungen, die bei diesem Thema hilflos wirken müssen, und vor allem am politologischen oder genauer organisationssoziologischen Grundzug. Hilbergs Thema ist die Maschinerie der Vernichtung. Die Person Hitlers spielt keine große Rolle, das ideologische Rankenwerk auch nicht, vielmehr die Dynamik des Verwaltungshandelns, das er als außerordentlich effizient beschreibt. Das ungeheure Verbrechen wird erst möglich durch ungeheuer tüchtige Täter. Vor allem aber zeigt Hilberg, wie weit die Vernichtungaktivitäten reichten, wie viele Bereiche von Staat und Gesellschaft einbezogen waren: „So unterschied sich die Vernichtungsmaschinerie nicht grundlegend vom deutschen Gesellschaftsgefüge insgesamt; der Unterschied war lediglich ein funktioneller. Die Vernichtungsmaschine war in der Tat nichts anderes als eine besondere Rolle der organisierten Gesellschaft.“

          Mit Blick auf den zehnten Todestag Hilbergs fand jetzt in Berlin eine Tagung statt, ausgerichtet vom Potsdamer Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF). Für einen Höhepunkt sorgte Götz Aly, der die Publikationsgeschichte Hilbergs in Deutschland untersuchte. In den sechziger Jahren hatte Droemer Knaur bereits einen Vertrag über eine deutsche Ausgabe abgeschlossen, trat dann aber zurück. Das Argument dem Autor gegenüber: Seine Ausführungen zur jüdischen „Kollaboration“ könnten in Deutschland unangenehme Folgen haben, Böswillige zu antisemitischen Schlüssen ermutigen. Doch René Schlott vom ZZF, der an einer Hilberg-Biographie arbeitet, fand ein Gutachten des Münchner Instituts für Zeitgeschichte (IfZ), das dem Verlag mit anderen Gründen abriet. In Kürze würden Arbeiten aus dem IfZ vorgelegt, die durch ihre „moderne Sehweise“ dem Hilbergschen Buch überlegen seien.

          Kollegenneid stellt sich der Aufklärung in den Weg

          Ein solches Gutachten musste dem Cheflektor von Droemer Knaur, Fritz Bolle, höchst willkommen sein. Denn Bolle war als „Chefassistent“ beim „Vorwerk Mitte“ damit befasst, ein unterirdisches Werk für Flüssigsauerstoff (nötig für Raketenmotoren) bauen zu lassen, mit Sklavenarbeitern aus dem KZ Buchenwald. Die Arbeit Hilbergs mit ihrem Detailreichtum und den vielen Namensnennungen der Täter vom deutschen Publikum fernzuhalten, hatte er also allen Grund. Für das Institut für Zeitgeschichte aber wurde der Fall Hilberg noch einmal virulent: Nach dem Erfolg der Fernsehserie „Holocaust“ 1979 fragte der Verlag C.H.Beck nach der Meinung der Münchner Forscher. Wieder fiel das Urteil negativ aus, diesmal hieß es, das Werk, dessen Erscheinen in den sechziger Jahren sinnvoll gewesen wäre, sei mittlerweile überholt.

          Raul Hilberg im Dezember 2002 im Haus des S. Fischer Verlags

          Und wieder wurde auf kommende Leistungen der eigenen Kollegen verwiesen, die Hilberg übertreffen würden – Bücher, die nie erschienen oder den Vergleich nicht aushielten. Aly wies dabei auf eine Fülle von Gutachten des Instituts in Wiedergutmachungsverfahren hin, die nach seinen Stichproben „ausgesprochen gewissenhaft und fair gearbeitet“ seien. Das Verhalten gegenüber Hilberg entsprang demnach weniger düsteren geschichtspolitischen Absichten als dem Kollegenneid – eine Gelehrtenintrige. Ein kleiner Berliner Verlag brachte 1982 die deutsche Ausgabe heraus, seit 1990 ist sie bei Fischer als Taschenbuch lieferbar.

          Auch in Israel nicht willkommen

          Ulrich Herbert führte auf der Tagung vor, wie gering die Aufmerksamkeit für die Vernichtung der Juden in der Wissenschaft bis in die achtziger Jahre war. Standardwerke zum Hitlerreich von Karl Dietrich Bracher, Hans-Ulrich Thamer und Klaus Hildebrand widmeten dem Thema nicht mehr als zwei bis fünf Prozent des Platzes. Das war in der DDR aber nicht anders und auch nicht in Frankreich, Großbritannien oder den Vereinigten Staaten. Die ersten Anstöße waren in der Bundesrepublik aus der Justiz gekommen. Auch wenn wenige Schuldige bestraft wurden, kam es doch zu Ermittlungsverfahren gegen rund 100.000 Verdächtige. Und es war auch die Justiz, die sich die Übersetzung Hilbergs wünschte, als die Geschichtswissenschaft noch glaubte, ohne ihn wirtschaften zu können.

          Auch in Israel war Hilberg lange Zeit nicht recht willkommen, sein Thema war dort „really not salonfähig“, wie Saul Friedländer in Berlin erzählte. Und das umso mehr, als Hilbergs Buch weitestgehend aus deutschen Quellen gearbeitet ist und das Geschehen aus der Sicht der Täter darstellt; die Opfer kommen tatsächlich nur am Rande vor. Das aber war auch kaum zu vermeiden. Der Politikwissenschaftler Alfons Söllner, der über Franz Neumanns „Behemoth“ sprach, beschrieb das politikwissenschaftliche Interesse Hilbergs und dessen Einsicht, dass erst die Verbindung von bürokratischen, geordneten und anarchischen, spontanen Momenten dem Vernichtungsgeschehen seine Energie gab. Solche Beobachtungen aber sind nur aus den Zeugnissen der Täter möglich.

          Christopher Browning skizzierte in seinem Beitrag über die Fortschreibung des Hilbergschen Hauptwerks durch die drei Auflagen, wie der Autor aus neuen Quellen die Opferperspektive einarbeitete. Und doch blieb er dem einmal gewählten Forschungsprinzip treu. Sein kritisches Bild der Judenräte, das man ihm oft vorgeworfen hat, milderte er in den späteren Auflagen ab. Er hat es aber auch nicht als moralische Verurteilung verstanden, sondern als fast unvermeidliche Folge der Erfahrungen, die das Judentum über Jahrhunderte machte. Und das wird auch richtig sein. Wenn das Wort vom Kulturbruch einen Sinn hat, dann doch den, dass jahrhundertealte Erfahrungen unversehens auch den Klügsten in die Irre führen.

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