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Frauen im Nationalsozialismus : Sex, Crime und Frauen im Völkermord

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SS-Nachrichtenhelferinnen der SS, sogenannte SS-Maiden, 1944 in Heinrich Himmlers Hauptquartier. Bild: Süddeutscher Verlag

Der Holocaust wird neuerdings als Projektionsfläche für die Gender Studies genutzt – mit fragwürdigen Befunden. Ein Einspruch.

          Vor einiger Zeit behauptete der israelische Ministerpräsident Netanjahu, dass Hitler 1941 die Juden nur habe vertreiben wollen und erst von Mohammed Amin al-Husseini, dem Großmufti von Jerusalem, darauf gebracht worden sei, alle Juden zu ermorden. Viele Wissenschaftler erklärten die politisch motivierte Geschichtsklitterung Netanjahus für unsinnig. Sie ist aber keineswegs gleichsam vom Himmel gefallen; erschienen doch seit 1945 eine Anzahl Schriften, welche die unrühmliche Rolle des Großmuftis übertreiben oder verfälschen.

          Darin reihte sich das Buch „Halbmond und Hakenkreuz. Das ,Dritte Reich‘, die Araber und Palästina“ (2006) von Klaus-Michael Mallmann und Martin Cüppers ein, in dem unter anderem versucht wurde, dem Großmufti und darüber hinaus den Arabern eine Mitschuld am Holocaust zuzuschreiben. Cüppers war dann einer der wenigen Historiker, der in einem Interview mit der „Jüdischen Allgemeinen“ versuchte, die Äußerungen Netanjahus so weit als möglich zu rechtfertigen.

          Immer wieder wird der Holocaust als Projektionsfläche benutzt, auf der aktuelle Tendenzen abgebildet werden. So erschienen, als die Gender Studies in den Blick traten, Publikationen zur Frage der sexuellen Gewalt gegen jüdische Opfer im Holocaust. Nun gab es sicher Fälle von Vergewaltigungen jüdischer Frauen. Es handelte sich dabei aber nicht um politisch sanktionierte Aktionen, wie wir sie von Bosnien oder Ruanda her kennen, sondern diese wurden, wenn sie bekannt wurden, von deutscher Seite als Verbrechen, als „Rassenschande“ geahndet.

          „Wirklich ein nettes Verhältnis“

          Wendy Lower nimmt in ihrem Buch „Hitlers Helferinnen. Deutsche Frauen im Holocaust“ (zuletzt 2016) eine Zusammenschau von Holocaust und Gender Studies vor. Das Werk liegt in fünf weiteren Sprachen vor, die Bundeszentrale für politische Bildung vertreibt es. Wendy Lower sieht die Beteiligung von deutschen Frauen am Holocaust als bedeutend an. Sie vertritt darüber hinaus zwei weitere Thesen: dass es eine Verbindung von „sexueller Intimität und Gewalt“ bei Holocaust-Tätern und -Täterinnen gegeben habe – und dass der massenhafte Einsatz von Frauen im deutsch besetzten Osten Teil einer revolutionären Mobilisierung gewesen sei, die zum sozialen Aufstieg und zur gesellschaftlichen Teilhabe geführt habe.

          Einer kritischen Überprüfung der Quellenbasis hält das Buch nicht stand. Das zeigt sich schon in seinen Teilen zur Verbindung von Sexualität, Intimität und Gewalt. Hier findet sich die Geschichte von jüdischen Arbeitskräften, die einem Gebietskommissar und dessen Sekretärin „Delikatessen ans Bett, in dem die beiden nach dem Geschlechtsverkehr nackt lagen“, serviert hätten. In der angegebenen Archivquelle steht dazu nichts.

          Wenn Wendy Lower von sexueller Ausschweifung und nächtlichen Partys schreibt, stellt sie die Angabe einer Wehrmachtshelferin, „wirklich ein nettes Verhältnis“ zu den Männern der Dienststelle gehabt zu haben, in ein anzügliches Licht. Der Bericht der Helferin sagt genau das Gegenteil: „Sie können sich vorstellen, dass jeder aufgepasst hat, dass die anderen uns nicht zu nahe kommen. Deswegen hatten wir mit den Männern wirklich ein nettes Verhältnis.“

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